Rohstoffgeschäfte trotz Ukraine-Krieg Europa finanziert Putins Angriff mit 22 Milliarden Euro – pro Monat

Deutschland aber auch viele andere EU-Länder überweisen hohe Summen an Russland. Quelle: imago images

Eine neue Studie zeigt: Trotz Krieg macht Russland blendende Geschäfte mit Öl, Gas und Kohle. Aus keinem Land fließt so viel Geld in Russlands Kriegskasse wie aus Deutschland.  

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Allen Wirtschaftsembargos zum Trotz: Russlands Deviseneinnahmen sprudeln auch seit seinem Angriff auf die Ukraine weiter kräftig. Und das liegt vor allem an Rohstoffexporten. In den ersten zwei Monaten seit Beginn des Krieges hat das Land mit der Ausfuhr von Öl, Gas und Kohle 63 Milliarden Euro verdient. Das haben Energieexperten des unabhängigen Forschungsinstituts Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) berechnet.

Es ist der erste Bericht, der die fossilen Energieexporte Russlands seit Mitte Februar im Detail untersucht hat. Die Experten haben dazu Daten aus dem Schiffsverkehr und zu Pipeline-Transporten ausgewertet, die sie vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat) und dem Verband Europäischer Fernleitungsnetzbetreiber für Gas (ENTSO-G) erhalten haben.

Mehr als zwei Drittel der Einnahmen erhielt Russland demnach aus Staaten der Europäischen Union. 44 Milliarden Euro zahlten sie im Januar und Februar zusammen für russische fossile Brennstoffe, ungefähr 22 Milliarden pro Monat. Zum Vergleich: Russlands Verteidigungsetat liegt bei 70 Milliarden Dollar – im Jahr.

Vor allem macht der neue Report deutlich, wie wichtig Deutschland für Russlands Energiewirtschaft ist: Seit Kriegsbeginn hat die Bundesrepublik russische fossile Brennstoffe im Wert von 9,1 Milliarden Euro gekauft – und ist damit der größte Abnehmer weltweit. 6,4 Milliarden Euro davon flossen für Pipeline-Gas, 2 Milliarden für Rohöl, 644 Millionen für Ölprodukte und 93 Millionen Euro für Kohle.

„Die Welt erwartet von Deutschland Stärke“

Die neuen Zahlen dürften die Diskussion über ein Embargo für russische Energielieferungen weiter befeuern. „Die Welt erwartet von Deutschland, dass es Stärke und Entschlossenheit gegenüber Russland demonstriert, aber stattdessen finanziert es den Krieg und blockiert ein europäisches Embargo gegen russisches Öl“, kritisiert Bernice Lee, Forschungsdirektor der britischen Denkfabrik Chatham House. „Deutschland preist sich gern selbst für seine globale Führungsstärke, aber in dieser Situation würde das erfordern, sich so schnell wie möglich von russischer Energie zu verabschieden.“

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte sich bisher stets gegen ein Embargo für russisches Gas ausgesprochen. Deutschland, so stattdessen der Plan, werde sich bis Mitte 2024 von Lieferungen aus Russland unabhängig machen. Öllieferungen aus Russland habe Deutschland aber schon stark reduziert. Für Kohle aus Russland wiederum haben die EU-Mitgliedsstaaten einen Importstopp beschlossen, der allerdings erst ab August in Kraft tritt.

Tatsächlich sind die Kohlelieferungen in die EU in den ersten Aprilwochen gegenüber dem Vorkriegsniveau schon um 40 Prozent gesunken, die Öllieferungen um 20 Prozent, so die CREA-Studie. Die Importe von russischem Flüssigerdgas (LNG) aber stiegen sogar um 20 Prozent, die von Pipeline-Gas um zehn Prozent.



150 Millionen Euro für Putin pro Tag

Pro Tag gibt Deutschland damit im Schnitt 150 Millionen Euro für russische fossile Rohstoffe aus. Seit Kriegsbeginn summiert sich das auf 100 Euro pro Einwohner in Deutschland. Der Druck auf die Bundesregierung wächst, daran etwas zu ändern.

„Ein EU-Embargo für russisches Öl und Gas würde internationale Solidarität und Führungsstärke demonstrieren und der europäischen Energiesicherheit eine neue Richtung geben“, sagt Claudia Kemfert, Leiterin Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Doch Deutschland blockiert diese Entscheidung, obwohl es wirtschaftlich durchaus möglich ist, von russischen fossilen Brennstoffen wegzukommen.“

Vertreter der Industrie dagegen warnen vor massiven Konsequenzen eines Embargos für die deutsche Wirtschaft. „Es droht ein katastrophaler Zusammenbruch unserer Produktionsnetzwerke“, sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der chemischen Industrie. „Unser Land steht vor der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.“

Ein weiteres häufig genanntes Argument gegen ein Embargo: Russland könne seine Rohstoffe, die Deutschland nicht mehr kaufe, ganz einfach in andere Länder exportieren.

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Das passiert bisher laut der CREA-Studie durchaus: Russische Öllieferungen in Nicht-EU-Länder stiegen um 20 Prozent, von Kohle um 30 Prozent und LNG um 80 Prozent. Die Mengen könnten die sinkenden EU-Ölimporte aber bei weitem nicht ausgleichen.

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