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Schiefergas-Förderung Fracking - die unabsehbare Gefahr aus der Tiefe

Die Energieversorgung der Deutschen steht vor einer radikalen Umwälzung. Neben Wind- und Solarenergie sollen auch die guten alten Bohrkräne wieder vermehrt zum Einsatz kommen. Denn neue Techniken erschließen bislang unerreichbare Gasquellen in der Tiefe. Die Fördermethoden rufen Kritiker auf den Plan.

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Die Suche nach Schiefergas hat die USA vom Gas-Importeur zum Gas-Exporteur werden lassen. Quelle: dapd

2013 will der Erdgasförderer Exxon Mobil endlich ein Loch bohren dürfen. So simpel dieser Wunsch des Energiekonzerns klingt, das Vorhaben ist zu einer echten Mammutaufgabe geworden. Konkret geht es um einen Antrag für Probebohrungen im westfälischen Nordwalde. Dort will der Energiekonzern Gesteinsproben entnehmen, um zu testen, ob die Förderung von sogenanntem Schiefergas (shale gas) hier überhaupt möglich ist. Die Region ist eine von etlichen Stätten in ganz Deutschland, wo sich das sogenannte unkonventionelle Gasvorkommen bergen lässt.

Dazu wird meist die sogenannte Fracking-Methode genutzt, und die ist heftig umstritten. Landespolitik und Bürgerinitiativen wehren sich gegen den Wunsch das Loch zwecks Probenentnahme bohren zu dürfen. Dabei wird in Deutschland bereits seit über 50 Jahren gefrackt. Ein Drittel der heimischen Erdgasförderung wäre ohne Fracking gar nicht möglich, heißt es seitens Exxon Mobil.

Ein Blick über den großen Teich

Das ganze Thema ist komplex und betrifft Verbraucher, Unternehmer und Politiker. Um zu verstehen, was das besondere an Schiefergas ist, lohnt sich ein Blick nach Nordamerika. Vor allem im Osten der USA ist Erdgas seit etwa 2008 „the big thing“. An über 400.000 Orten im ganzen Land wird das Marcellus-Schiefergas aus Kilometern Tiefe unter der Erde an die Oberfläche befördert. Das „billige Gas“ hat die Vereinigten Staaten zum größten Erdgasproduzenten der Erde gemacht und den Energiemarkt des Landes komplett umgekrempelt. Präsident Barack Obama frohlockte öffentlich: „Wir haben 600.000 neue Jobs geschaffen und Energie für mehrere hundert Jahre unter unseren Füßen.“

Die Amerikaner heizen und kochen nun mit eigener Energie. Quasi über Nacht sind die USA vom Importeur zum Exporteur geworden. Experten halten das Gasfeld unter der Erdoberfläche der Staaten Pennsylvania, Ohio, New York und New Jersey für das zweitgrößte Vorkommen der Welt. Theoretisch ließe sich damit drei Jahre lang die gesamte Erde mit Energie versorgen. Nur das Feld zwischen dem Iran und Katar am Persischen Golf ist noch ergiebiger. Entsprechend fleißig sind die Gassucher in Amerika. Etliche Firmen haben bereits an über 2500 Stellen in Pennsylvania nach Gas gesucht. Für eine sogenannte Probebohrung fallen Kosten in Höhe von etwa 1,5 Millionen US-Dollar an. War die Sucher erfolgreich, folgen etwa 20 Millionen Dollar Einnahmen. Bis 2011 waren 40 Prozent der Bohrungen erfolgreich.

Wie funktioniert Fracking?

Im Nordwesten Colorados arbeiten Fachkräfte an einer Frackinganlage, um Schiefergas aus Kilometern Tiefe zu sprengen. Quelle: dapd

Gefrackt wird zwar schon seit mehr als fünfzig Jahren, doch der Schiefer-Schatz unter der Erde lässt sich erst seit etwa 15 Jahren dank neuer Technik bergen.

Denn während konventionelle Gasreserven wie Blasen über Ölquellen liegen und so durch einfaches anbohren gewonnen werden können, ist das bei Schiefergas etwas komplizierter. Es gehört zu den unkonventionellen Reserven und lagert eingekapselt in unzähligen Hohlräumen im Gestein. Diese Hohlräume müssen regelrecht geknackt werden, mit Hilfe von Hydraulic Fracutring – also Fracking.

Unkonventionelle Gasvorkommen

Die neue Technik ermöglicht es den Ingenieuren, ihre Bohrer in Tiefen von 1000 bis 4500 Metern umzulenken. So gelangen sie nicht nur vertikal sondern auch horizontal ins Gestein - und das über etliche Kilometer hinweg.

In das etwa tellergroße Bohrloch wird dann mit hohem Druck von bis zu 1000 bar ein Gemisch aus Wasser, Sand und fast 30 teils giftigen Chemikalien gepumpt. Etwa 20 Millionen Liter Flüssigkeit gelangen so unter die Erde. Die giftigen Stoffe sind mit einem Anteil von weniger als zwei Prozent in der Flüssigkeit verdünnt. Dennoch sorgt der Mix unter dem hohen Druck dafür, dass das Gas über das Bohrloch an die Oberfläche strömt. Dabei machen die Chemikalien das Wasser geschmeidig, so dass es auch in kleinste Zwischenräume dringen kann.

Um ein Gasfeld komplett nutzen zu können, muss pro Standort etwa sechs bis sieben mal gebohrt werden. Dies geschieht meist in einer Art Zirkel, um sicherzugehen, dass das gesamte Vorkommen geborgen wird.

Ohne Zweifel, die Methode ist umstritten. Nicht umsonst standen im westfälischen Nordwalde über Wochen und Monate hinweg Fracking-Gegner auf den Straßen der Gemeinde und demonstrierten gegen die Probebohrungen von Exxon. Das Unternehmen hielt immer wieder Informationsabende und Diskussionsrunden zur Aufklärung ab. Jene, die mit dem Gas Geld verdienen wollen, äußern sich meist positiv über ihr Vorhaben. Jene, die neben den Bohrlöchern leben müssen, meist negativ.

Die Gefahren durch Fracking

Demonstranten mit Schildern gegen Fracking stehen in Kassel zusammen. Mehr als 300 Menschen beteiligten sich im Oktober am Protest gegen die umstrittene Gasfördertechnik. Der Umweltausschuss des Hessischen Landtags hatte im Regierungspräsidium Kassel eine Expertenanhörung veranstaltet. Quelle: dpa

Die Nordwalder sind mit ihren Sorgen nicht alleine. Die Initiative „Gegen Gasbohren“ vereint 31 Bürgerinitiativen in ganz Deutschland, die sich gegen Probebohrungen in ihrem jeweiligen Landstrich zur Wehr setzen. Sie sorgen sich um ihr Trinkwasser, die Struktur ihrer Böden und die Landschaft. Da es in Deutschland bisher kaum Erfahrungswerte mit Fracking gibt, unterfüttern sie ihre Kritik mit theoretischen Studien und Erfahrungswerten aus den USA. Denn die Nachrichten aus Pennsylvania und Co. handeln nicht nur von klingelnden Kassen. Sie berichten auch von gigantischen Bohrtürmen und Zufahrtsstraßen, die die Natur verschandeln. Auch zu Unfällen kommt es immer wieder.

Frischwasser-Container statt Wasser aus dem Hahn

Ganz besonders besorgt sind die Bürger bezüglich des Trinkwassers. Eine Studie der privaten Universität Duke University aus North Carolina unterstützt die Vermutung, dass Fracking das Wasser verunreinigen kann. Das Problem beim unkonventionellen Erdgas ist, dass es in der Regel weniger tief liegt als konventionelle Lagerstätten. Entsprechend geringer ist der Abstand zum Grundwasser und den dazugehörigen Ökosystemen. Etliche Anwohner haben sich in den USA daher mit Frischwasser-Containern eingedeckt, um das Wasser nahe der Bohrungen nicht trinken zu müssen.

Eine weitere Sorge ist die Instabilität des Bodens. Seismologen haben im Nordwesten der USA Erschütterungen der Stärke drei bis vier auf der Richterskala gemessen. Diese Stärke dieser Erdbeben gilt als sehr leicht und kaum gefährlich. Dennoch ist sie immer spürbar. Da die Böden durch die Bohrungen sehr durchlöchert sind, könnten sie instabil werden - so die Sorge. Angeblich seien schon Böden abgesackt.

Desweitern soll explosives Methangas durch die Wasserleitungen und so über den Hahn in die Privathaushalte gelangt sein. All diese Aspekte zeigt auch der Dokumentarfilm „Gasland“ des Filmemachers Josh Fox. Eine Firma bot ihm im Jahr 2010 etwa 100.000 US-Dollar, um auf seinem Land Probebohrungen durchführen zu dürfen. Daraufhin fuhr er in den Nordwesten der USA, um sich selbst ein Bild zu machen.

Wie berechtigt sind die Sorgen?

Eine Schiefergas-Bohrung in Troy, Pennsylvania, bei der große Mengen von Wasser, Sand und Chemikalien unter großem Druck unter die Erde gepresst werden. Quelle: dpa

Josh Fox hat für seinen spektakulären Film viel Kritik erfahren. Sensationsheischend nahm er Effekte und Ungenauigkeiten in Kauf. Sowohl Exxon Mobil als auch der US-Bundesstaat Colorado bezeichnen die Sache mit dem brennenden Wasserhahn als so einen spektakulären, falschen Effekt. So schätzt es auch die Bundesanstalt für Geowissenschaftlichen und Rohstoffe die Bilder ein. Methan sei in einigen Regionen im Nordwesten der USA in großen Mengen im Boden vorhanden und auch schon vor dem Fracking in das Wasser gelangt.

Dennoch veränderte der Film die Wahrnehmung von Probebohrungen und Fracking auch in Deutschland erheblich. Die Kritik nahm massiv zu und rückte das Thema in den Fokus. Zum Ärger der fördernden Unternehmen. Aus eigenem Interesse gab Exxon Mobil beim Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung eine Studie in Auftrag und bat ein unabhängiges Expertenteam die Risiken beim Fracking zu eruieren. Für die Studie wurden keine Daten erhoben, sondern vorhandenes Material in einem Expertenkreis neu ausgewertet. Betreut hat das Projekt Dietrich Borchardt vom Helmholtz-Zentrum. Er ist der Leiter der Abteilung Aquatische Ökosystemanalyse.

Kuriose Folgen der Energiewende
Schwierige Löschung von Windrad-BrändenDie schmalen, hohen Windmasten sind bei einem Brand kaum zu löschen. Deshalb lassen Feuerwehrleute sie meist kontrolliert ausbrennen – wie im April in Neukirchen bei Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Quelle: dpa
Tiefflughöhe steigtDie Bundeswehr hat die Höhe bei nächtlichen Tiefflügen angepasst. Wegen Windradmasten kann die Tiefflughöhe bei Bedarf um 100 Meter angehoben werden. Der Bundesverband Windenergie (BWE) begrüßt, dass dadurch Bauhöhen von bis zu 220 Meter realisiert werden können. Die Höhe des derzeit höchsten Windradtyps liegt bei etwa 200 Metern. Quelle: dpa
Dieselverbrauch durch WindräderViele neue Windkraftanlagen entstehen – ohne ans Netz angeschlossen zu sein. Solange der Netzausbau hinterherhinkt, erzeugen die Windräder keine Energie, sondern verbrauchen welche. Um die sensible Technik am Laufen zu halten, müssen Windräder bis zu ihrem Netzanschluss mit Diesel betrieben werden. Das plant etwa RWE bei seinem im noch im Bau befindlichen Offshore-Windpark „Nordsee Ost“. Quelle: AP
Stromschläge für FeuerwehrleuteSolarzellen lassen sich meist nicht komplett ausschalten. Solange Licht auf sie fällt, produzieren sie auch Strom. Bei einem Brand droht Feuerwehrleuten ein Stromschlag, wenn sie ihren Wasserstrahl auf beschädigte Solarzellen oder Kabel halten. Diese Gefahr droht nicht, wenn die Feuerwehrleute aus sicherer Entfernung den Wasserstrahl auf ein Haus richten – aber, wenn sie dabei ins Haus oder aufs Dach gehen. Stromschlagsgefahr gibt es ebenso für Feuerwehrleute, wenn sie nach einem Straßenunfall Personen aus einem beschädigten Elektroauto bergen müssen. Quelle: AP
Störende SchattenWindräder werfen Schatten – manche Anwohner sehen darin eine „unzumutbare optische Bedrängung“, wie es das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen ausdrückte. Es gab einer Klage recht, die gegen ein Windrad in Bochum gerichtet war. Im Februar wies das Bundesverwaltungsgericht die Revision des Investors ab. Das Windrad wird nun gesprengt. Quelle: dpa
Gestörte NavigationAuf hoher See wird es voll. Windparks steigern nicht nur das Kollisionsrisiko mit Schiffen. Die Rotoren stören auch das Radarsystem. Der Deutsche Nautische Verein schlägt daher vor, dass Windparks nur genehmigt werden, wenn die Betreiber auch neue Radaranlagen an den Masten installieren. Quelle: dapd
Windrad-LärmWindräder drehen sich nicht nur, dabei machen sie auch Geräusche. Je stärker der Wind, desto lauter das Windrad – und das wollen viele Bürgerinitiativen nicht hinnehmen. Ein Beschwerdeführer aus dem westfälischen Warendorf erreichte im September 2011 vorm Verwaltungsgericht Münster zumindest, dass eine Windkraftanlage nachts zwischen 22 und 6 Uhr abgeschaltet wird. Quelle: dpa

Das Ergebnis ist eindeutig: Exxon muss zwar nachbessern, aber das Verfahren ist in Deutschland eine Option. Allerdings müsse sich an bestimmte Kriterien gehalten werden. Denn ganz ohne ist die Methode nicht, und in Deutschland fehlen Erfahrungswerte. Also empfehlen die Experten eine Herangehensweise in vorsichtigen Schritten.

„Bezüglich der Sorgen um das Trinkwasser haben wir eine klare Richtlinie“, sagt Dietrich Borchardt. Und die lautet: Trinkwasser- und Gewässerschutz geht vor Energiegewinnung. Schließlich ist Trinkwasser keine erneuerbare Ressource. Entsprechend empfehlen die Experten den Einsatz von Fracking nicht in Gebieten in denen tektonisch kritische Spannungen vorkommen. Ebenfalls Trinkwasserschutzgebiete und Heilquellengebiete sollten ausgenommen werden. Entsprechende politische Beschlüsse gibt es bereits.

Gerade wegen der häufigen Bohrungen gelte es, die tektonische Struktur besonders gründlich zu untersuchen. „Wenn der Untergrund nicht über ausreichende Barrieren verfügt, raten wir dringend von Fracking ab“, so Borchardt.

Um eine möglichst hohe Sicherheit zu Garantieren gibt es seitens der deutschen Politik klare Richtlinien. Wer fracken will muss einen Antrag auf eine Bergbauberechtigung stellen, damit für jeden Standort geprüft werden kann, ob ein sogenanntes Frack-Verfahren überhaupt möglich ist.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) sieht eher Gefahren im Umgang mit den Chemikalien an der Oberfläche. „Die Erfahrungen aus 300 Fracks in Deutschland im Bereich Tight Gas haben gezeigt,dass es unter Tage eigentlich nie zu Unfällen kommt“, sagt Stefan Lagade vom BGR. Beim Anliefern oder Abtransport der Stoffe habe es eher Komplikationen gegeben. Entsprechend sind die Unternehmen aufgefordert, weniger giftige Stoffe zu entwickeln, mit denen das Fracking dennoch möglich ist.

Die Situation in Deutschland

 

Ein Anhänger mit der Aufschrift:

Die BGR hat erst im Sommer festgestellt, dass vermutlich noch viel mehr Schiefergasreserven unter deutschem Boden liegen, als bisher angenommen. Danach sind 1,3 Billionen Kubikmeter Gas theoretisch förderbar. Das ist deutlich mehr als die konventionellen Reserven noch leisten können. Laut BGR sind daraus nur noch 0,15 Billionen Kubikmeter zu gewinnen. 2011 lag der Gas-Verbrauch in Deutschland bei 90 Milliarden Kubikmetern.

Nach Angaben des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung lassen sich die Gasreserven hierzulande dadurch zwar erheblich aufstocken, aber den Energiemix nicht gänzlich verändern. „Anders als die USA wird Deutschland nicht zum Exporteur werden“, sagt Dietrich Borchardt. Dennoch lasse sich der Energieverbrauch im Land für zehn bis 15 Jahre abdecken -  und so immerhin für einen gewissen Zeitraum die starke Abhängigkeit der Bundesrepublik von Importen senken. Etwa die Hälfte des Gasverbrauchs kommt aus den Niederlanden und Norwegen, ein Drittel aus Russland. Dabei beträgt der Anteil von Erdgas am deutschen Energieverbrauch aktuell etwa 20 Prozent.

Das bittere Fazit aus einem Jahr Energiewende
Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes der Vattenfall AG im brandenburgischen Jänschwalde (Spree-Neiße) Quelle: dpa
Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder Quelle: dpa
Die Flagge Österreichs weht auf einem Hausdach Quelle: dpa
Ein Strommast steht neben Windkraftanlagen Quelle: AP
Windräder des Windpark BARD Offshore 1 in der Nordsee Quelle: dpa
Eine Photovoltaikanlage der Solartechnikfirma SMA Quelle: dpa
Euroscheine stecken in einem Stromverteile Quelle: dpa

Schiefergas ist überall in Deutschland zu finden: In Süddeutschland vor allem im Oberrheingraben, in weiten Teilen Niedersachsen und auch in Nordrhein-Westfalen. Doch aufgrund der großen Skepsis der Bevölkerung und auch der Politik geht die Förderung nur langsam voran. Während Exxon in Niedersachsen immerhin schon sieben Probebohrungen durchführen konnte, beißt das Unternehmen vor allem in Nordrhein-Westfalen auf Granit. Hier hat sich der Energiekonzern mögliche Gebiete zwar schon mit der BASF-Tochter Wintershall und den lokalen Stadtwerke geteilt, doch der politische Gegenwind der rot-grünen Landesregierung hat die Förderung bisher weitestgehend ausgebremst. Lediglich im bereits erwähnten westfälischen Nordwalde hat Exxon immerhin einen Antrag gestellt. Damit ist es alleine in NRW, noch ist die derzeitige Rechtslage zu unklar.

Vor allem dass die Substanz, die in den Boden gepumpt wird, derzeit nach deutschem Recht noch zu giftig ist, hält die Unternehmen auf. Exxon arbeitet unter Hochdruck an dieser Baustelle. Bis Ende 2013 will man die giftigen Stoffe aus dem Gemisch entfernt haben. Auf eine Genehmigung ebenfalls in diesem Jahr endlich das Loch in Nordwalde bohren zu dürfen, hofft das Unternehmen noch in diesem Jahr.

Wie ist die bundespolitische Lage

Doch die politische Zurückhaltung könnte für die Unternehmen auch weiter zum Bremsklotz werden. Zwar ist die rot-grüne Opposition mit ihrer Forderung nach einem Fracking-Verbot im Bund gescheitert. Doch im Bundesrat erreichten die Fracking-Gegner der Länder kurz darauf einen bundesweiten Erfolg. Denn wer künftig mit der umstrittenen Methode Erdgas aus der Erde bergen will, muss laut Länderkammer erst beweisen, dass davon keine Gefahr ausgeht. „Obligatorische Umweltverträglichkeit“ nennen die Politiker das. Dabei handelt es sich um die Art Prüfung, die auch beim Bau von Atommülllagern oder einem Steinbruch mit mehr al 25 Hektar Fläche zum Einsatz kommt. Doch dieser Nachweis ist de Fakto kaum möglich.

Obamas Euphorie steckt an

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hält im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in Berlin ein Gutachten über Fracking (Erdgassuche) in der Hand. Erdgasbohrungen sollen nach diesem Gutachten nicht in Trinkwasserschutzgebieten stattfinden. Quelle: dpa

Allzu deutlich wird an diesem Thema die große Kluft zwischen immer mehr rot-grün geführten Ländern und der schwarz-gelben Bundesregierung. Die Linke will Fracking am liebsten ganz verbieten. Bündnis 90/Die Grünen wünschen sich eine stärkere Berücksichtigung fachlicher Einwände, um Wissenslücken zu schließen. Es ist stark davon auszugehen, dass das Thema im Vorfeld der Bundestagswahl im September zu einem großen Politikum mit eindeutigen Lagern wird.

Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat sich jedenfalls fest vorgenommen, das Thema in Deutschland voranzutreiben. Es steht auf seinem Zehn-Punkte-Plan zur Energiewende, den er noch bis zur Wahl abarbeiten will. Er gehört zu den großen Skeptikern in der Regierung, wenn es um Fracking geht. Seiner Meinung nach solle erst dann eine ernstzunehmende Debatte über die Förderform geführt werden, wenn es Fracking-Flüssigkeiten gebe, die eine Gefährdung des Grundwassers und des Bodens ausschlössen.

Warum die Energiepreise steigen
Euroscheine stecken an einer Steckdose Quelle: dpa
Logos der vier großen Engergiekonzerne EnBW (l, oben), RWE (r, oben), Vattenfall (l, unten) und Eon (r, unten) Quelle: dpa
Ölpumpen stehen im Sonnenuntergang auf einem Ölfeld bei Los Angeles Quelle: dpa
Bild einer Raffinerie auf einem Bildschirm der Firma Gazprom Quelle: REUTERS
Ein Mitarbeiter eines Heizöllieferanten bereitet die Betankung eines Mehrfamilienhauses mit Heizöl vor Quelle: dpa
Ein Tankwagenfahrer beliefert einen Privathaushalt mit Heizöl Quelle: AP
Ein Monteur verkabelt einen Strommast Quelle: dapd

Das Thema rumort nicht nur in Deutschland. Obamas Euphorie für den neuen Wirtschaftszweig und die energiepolitische Unabhängigkeit hat längst weitere Anhänger gefunden. Die Europäische Kommission fordert gerade die Interessensvertreter und die breite Bevölkerung auf zu dem Thema ihre Meinung abzugeben. Geplant ist ein europaweiter Umwelt-, Klima- und Energiebewertungsrahmen auf deren Grundlage Fracking vorangetrieben werden könnte.

Die britische Regierung um David Cameron hat ihr Fracking-Verbot erst vor kurzem wieder aufgehoben, Arbeiten zur Erdgasförderung sind auf der Insel wieder jederzeit möglich. Und auch in Polen hat die Regierung in den letzten zwei Jahren Genehmigungen für Probebohrungen erteilt. Über zwanzig Unternehmen suchen in Polen derzeit nach Erdgas.

Wie sich das Thema in Deutschland weiter entwickelt hängt sicherlich auch stark von der Stimmung in der Bevölkerung ab. Denn die Energiepreise sind in den letzten Jahren rapide angestiegen. Und das könnte die öffentliche Meinung und die Ängste und Sorgen vieler Bundesbürger beeinflussen, Fracking zuzulassen, in der Hoffnung die Nebenkosten für einige Jahre zu drücken.

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Vielleicht kommen die Konzerne auch mit ihrer Argumentation durch, dass die geplante Abkehr von der Kernenergie gewisse Versorgungslücken nach sich ziehen könnte, sofern der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht schnell genug vorangetrieben wird. Derzeit fehlt es größtenteils an Speichermöglichkeiten, um die schwankenden Einspeisemengen von Wind- und Solarenergie auszugleichen.

Der Lösungsvorschlag der Konzerne: Erdgas, sei die ideale Ergänzung. Immerhin handele es sich dabei u die klimaverträglichste der fossilen Energien mit bis zu 60 Prozent weniger  CO2-Emissionen als Kohle,

Dennoch: Bis sich Fracking wirklich durchsetzen kann, wird Exxon Mobil noch etliche Informationsabende im Münsterland und andernorts abhalten müssen. Bisher ist nicht absehbar, ob der Konzern das erste Loch in Nordwalde in diesem Jahr wirklich bohren darf.

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