1. Startseite
  2. Technologie
  3. Wirtschaft von oben
  4. Russische Erdgasexporte: Ist das der Anfang vom Ende von Putins Reibach mit LNG?

Neue eisbrechende LNG-Tanker in der Swesda-Werft bei Wladiwostok. Sie sollten schon längst unterwegs sein. Foto: LiveEO/Google Earth/Airbus

Wirtschaft von oben #347 – Russische ErdgasexporteIst das der Anfang vom Ende von Putins Reibach mit LNG?

Russlands Gasgeschäfte brummen. Doch dem Kreml gelingt es kaum noch, seine wichtige Flotte eisbrechender LNG-Tanker auszubauen, zeigen Satellitenbilder. Fast fertige Schiffe hängen auch dank EU in einer russischen Werft fest. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Thomas Stölzel 26.09.2025 - 15:17 Uhr

Bei seiner Rede vor den Vereinten Nationen hat US-Präsident Donald Trump am Dienstag die EU dafür kritisiert, noch immer massenhaft Öl und Gas in Russland einzukaufen. Damit sorge sie dafür, dass das Regime von Wladimir Putin den Krieg in der Ukraine finanzieren könne, lautet Trumps Vorwurf.

Tatsächlich schlägt die EU bislang lediglich vor, ihre Importe von russischem Flüssigerdgas (LNG) bis 2027 auf Null zu reduzieren. Eine Studie der Deutschen Umwelthilfe hat sogar ergeben, dass die EU im vergangenen Jahr fast 20 Prozent mehr LNG aus Russland eingeführt hat als 2023. Eine Recherche der WirtschaftsWoche von Anfang 2024 hatte dies bereits angedeutet.

Seitdem über die Nord-Stream-Ostseepipelines kein Gas mehr fließt, sichert Russlands Flotte eisbrechender LNG-Tanker den ganzjährigen Export von arktischem Erdgas. Doch eine Analyse von mehr als 100 Satellitenbildern zeigt nun, dass es dem Regime in Moskau auch aufgrund von EU-Sanktionen kaum mehr gelingt, diese Flotte auszubauen. Und das trotz einer eigens dafür erweiterten Werft. Die Möglichkeit, dort selbst in den kompletten Bau eisbrechender LNG-Tanker einzusteigen, scheint weiter entfernt denn je.

So sollten fünf eisbrechende LNG-Tanker der nächsten Generation eigentlich schon seit 2023 auf den Weltmeeren unterwegs sein. Doch am 21. September lagen die Schiffe unverändert in der Swesda-Werft bei Wladiwostok, im äußersten Osten Russlands.

Im Frühsommer hatte die Nachrichtenagentur Reuters mit Verweis auf russische Quellen gemeldet, eines der Schiffe solle in der zweiten Jahreshälfte endlich seinen Dienst aufnehmen, die „Alexey Kosygin“. Davon ist bisher allerdings nichts zu sehen. Und selbst wenn, ist das kaum als Durchbruch zu werten.

Die jahrelange Verzögerung ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil das südkoreanische Unternehmen Samsung Heavy Industries das Schiff schon im September 2021 nahezu fertig montiert anlieferte. Die russische Werft, extra um ein großes Trockendock erweitert, musste praktisch nur noch den eisbrechenden Bug anschweißen. Das passierte den Bildern nach im Februar 2022. Seitdem wird aber offenbar an dem Schiff herumgewerkelt. Ebenso bei vier weiteren eisbrechenden LNG-Tankern, die Samsung bis Mitte 2023 nach und nach halb fertig übergeben hatte.

Bilder: LiveEO/Sentinel

Die Koreaner kündigten noch im selben Jahr, 2023, mit Verweis auf Sanktionen einen Vertrag, nach dem sie zehn zusätzliche Schiffe halb fertig liefern sollten. Dass Russland die Tanker stattdessen selbst baut oder anderswo kauft, scheint zumindest vorerst ausgeschlossen. Der französische Lieferant GTT, der das Herzstück der LNG-Tanker beisteuert, die Membrantanks, kündigte die Zusammenarbeit mit den Russen Anfang 2023 ebenfalls, aufgrund von EU-Sanktionen. In jenen von GTT entwickelten Tanks wird das verflüssigte Erdgas bei minus 163 Grad Celsius aufbewahrt.

Branchendiensten zufolge hatte GTT vor Inkrafttreten der Sanktionen die Membrantanks nur in zwei der fünf Schiffe fertiggestellt. Russland soll nun an einer eigenen Membran-Technologie für LNG arbeiten, zu der unter anderem spezielles Sperrholz gehört, das extrem kältebeständig ist. Das russische Unternehmen Segezha zumindest wurde 2022 als Holzlieferant für GTT zertifiziert, könnte also zum Teil einspringen.

Da GTT aber de facto Monopolist für jene Technologie ist und alle relevanten Patente daran hält, ist fraglich, ob Russland nach koreanischem Vorbild halbfertige LNG-Tanker im befreundeten China kaufen kann. Das ist zwar inzwischen der weltweit zweitwichtigste Produzent solcher Tankschiffe, allerdings ebenfalls von GTT abhängig.

SWESDA-WERFT, WLADIWOSTOK, REGION PRIMORJE, RUSSLAND

Lupe oben: Der erste in Russland endmontierte eisbrechende LNG-Tanker „Alexey Kosygin“.
Lupe unten: Das zweite Trockendock, in dem etwa Öltanker bebaut werden.

30.10.2024 (linkes Bild): Die fünf fast fertigen eisbrechenden LNG-Tanker liegen in der Werft.
21.09.2025 (rechtes Bild): Fast ein Jahr später ist die Lage unverändert. Auch im zweiten Trockendock hat sich nichts getan.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Airbus, LiveEO/Maxar Technologies

In Wladiwostok jedenfalls sind zurzeit keinerlei Anzeichen erkennbar, dass neue LNG-Tanker im Bau sind oder aus China geliefert werden. Im Gegenteil. Jene halbfertigen Öltanker, die schon vor knapp einem Jahr im zweiten Trockendock lagen, liegen dort noch immer, unverändert.

Die zwischen 2016 und 2019 gebaute erste Generation eisbrechender LNG-Tanker der Russen – noch komplett von Daewoo in Korea hergestellt – ist ungefähr seit 2017 zwischen der Yamal-Halbinsel im Arktischen Ozean und Europa im Pendelverkehr unterwegs. Die 15 Schiffe, die Russland 4,8 Milliarden US-Dollar gekostet haben, steuern dabei unter anderem Häfen in Belgien, Frankreich und Spanien an.

Im Frühjahr 2024 waren jeden Tag ein bis zwei solcher Tanker in europäischen Häfen präsent, und entluden so viel Gas, dass dies fast der monatlichen Kapazität der Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 von 4,6 Milliarden Kubikmetern entsprach. Ein einziges eisbrechendes Schiff fasst eine Menge, die 100 Millionen Kubikmetern in unkomprimierter Form entspricht. Wenn also jeder der 15 Tanker zweimal monatlich eine Ladung nach Europa schafft, sind das 3,1 Milliarden Kubikmeter.

WERFT FAYARD A/S, ODENSE, SYDDANMARK, DÄNEMARK
20.08.2025: Ein eisbrechender russischer LNG-Tanker der ersten Generation liegt zur Wartung im Trockendock. Foto: LiveEO/Google Earth/Airbus

Auch gewartet werden jene eisbrechenden LNG-Tanker nach wie vor in der EU, zurzeit vor allem in der dänischen Werft Fayard A/S in Odense. Daten des Schifffahrtüberwachungsdienstes MarineTraffic zeigen am vergangenen Mittwoch die „Vladimir Rusanov“ im Trockendock, wenige Tage davor die „Eduard Toll“. Beides eisbrechende russische LNG-Tanker. Auf einem Satellitenbild vom August dieses Jahres ist ein weiteres der aus 15 Schiffen bestehenden Flotte mit dem markanten Bug ohne Wulst zu erkennen.

Eine Werft in der französischen Stadt Brest hat inzwischen die Wartung der Tanker ausgesetzt. Dabei handelt es sich laut dem niederländischen Betreiber der Werft um einen freiwilligen Schritt, der nicht durch Sanktionen erzwungen ist. Dennoch dürfte der Druck auch auf die Dänen damit steigen.

Hier finden Sie alle Beiträge aus der Rubrik „Wirtschaft von oben“

Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick