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Elektroautos Tesla schlittert ins Minus – doch die Anleger bleiben ruhig

Elon Musk bei der Grundsteinlegung der neuen Tesla-Gigafactory in Shanghai. Quelle: imago images

Der US-Elektroautoproduzent schreibt wieder Verluste. Der Umsatz im ersten Quartal bricht um fast 40 Prozent ein. Die Anleger lässt das erstaunlich kalt.

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Die Zahlen von Tesla fürs erste Quartal sehen schlecht aus: Ein Verlust von 702 Millionen Dollar, ein Umsatzeinbruch von fast 40 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2018 auf 4,5 Milliarden Dollar, das Finanzpolster auf 2,2 Milliarden Dollar abgeschmolzen. Nachdem Tesla dafür gefeiert worden war, im zweiten Halbjahr 2018 zwei profitable Quartale hintereinander erreicht zu haben, wird es wahrscheinlich im laufenden Quartal wieder Verluste geben. Erst in der zweiten Jahreshälfte wird wieder ein Gewinn erwartet.

Trotzdem bewegte sich die Tesla-Aktie im nachbörslichen Handel kaum. Zum einen ist bereits seit fast drei Wochen bekannt, dass Teslas Fahrzeug-Absatz im ersten Quartal um fast ein Drittel eingebrochen war, weil Autos verspätet ausgeliefert wurden und ein Akku-Engpass die Produktion behinderte. Am ersten März musste eine Anleihe in Höhe von 920 Millionen Dollar in bar zurückgezahlt werden, weil der Tesla Kurs zu niedrig stand, um sie in Aktien zu wandeln.

Diese schlechten Nachrichten waren bereits eingepreist, als Tesla-CEO Elon Musk und sein neuer Finanzchef Zachary Kirkhorn am Mittwochnachmittag kalifornischer Zeit die Zahlen des ersten Quartals präsentierten und den Geschäftsverlauf kommentierten. Seit Jahresanfang ist die Tesla-Aktie von 310 Dollar auf 258 Dollar gesunken.

Zum anderen geht es an der Börse hauptsächlich um künftige Erwartungen. Die Nachfrage nach dem Model 3, so versicherte Musk mehrfach, sei weiterhin stark – nicht nur im Heimatmarkt USA, sondern auch in den gerade erschlossenen Auslandsmärkten. In Norwegen und der Schweiz habe man gar Rekorde aufgestellt, was den Absatz eines Automodells betreffe. Er bekräftigte seine Prognose, in diesem Jahr zwischen 360.000 und 400.000 Fahrzeugen auszuliefern. „Die globale Expansion hat gerade erst begonnen“, so Musk. Im nächsten Jahr käme noch die Gelände-Limousine Model Y hinzu, auch die Fertigung des Sattelzuges Semi wird vorbereitet.

Musk ist kein typischer Kapitalist

Der Tesla-Gründer bewies wieder einmal, dass er kein typischer Kapitalist ist. Befragt, warum er die Preise für das Model 3 gesenkt habe, wenn die Nachfrage doch so hoch sei, entgegnete der Tesla-Chef, dass es „unser Ziel ist, unsere Autos so erschwinglich wie möglich zu machen.“ Deshalb werde auch die abgespeckte Model-3-Variante für 35.000 Dollar weiter angeboten, „auch wenn sie kaum nachgefragt wird.“

Der Tesla-CEO und sein neuer Finanzchef, dem bei Amtsantritt sein für so ein prominentes Unternehmen sein relativ jugendliches Alter von 33 Jahren und Unerfahrenheit vorgeworfen worden waren, spielten sich die Bälle gut zu. Sie gaben sich alle Mühe, Optimismus zu verbreiten und den Rückschlag im ersten Quartal plausibel zu erklären. „Es war das größte logistische Problem, das ich jemals gesehen habe und ich habe schon ein paar Herausforderungen hinter mir“, sagte Musk. Demnach hatte Tesla in den ersten Wochen des neuen Jahres zunächst in seiner Fabrik in Fremont ausschließlich Model 3 für den Export gefertigt, um dann in den verbliebenen Wochen für den nordamerikanischen Markt zu produzieren. Das führte dazu, dass US-Kunden länger warten mussten. Und parallel im Ausland eine ganze Woge von Tesla Model 3 gleichzeitig eintraf, aber nicht genügend Mitarbeiter vorhanden waren, um die Autos auszuliefern. Im laufenden Quartal wurde diese „Wellen“-Fertigungsstrategie aufgegeben, die Model 3 Produktion für den amerikanischen Kontinent und das Ausland wird nun besser ausbalanciert. Derzeit zieht Tesla eine weitere Fabrik in Shanghai hoch, die noch dieses Jahres in Betrieb gehen soll. Tesla erwartet dabei wesentlich geringere Fertigungskosten als im Stammwerk. Geplant ist zudem eine weitere Fabrik in Europa. Voraussichtlich in Deutschland, wie Musk vor der Präsentation der Quartalszahlen via Twitter gestreut hatte.

Da viele im ersten Quartal gefertigte Teslas nicht rechtzeitig ausgeliefert wurden, verschieben sie sich nun ins zweite Quartal, wo Musk einen neuen Auslieferungsrekord von 90.000 bis 100.000 Fahrzeugen erwartet. Dass er trotzdem von einem Verlust auch im zweiten Quartal ausgeht, hänge mit dem Umstellen der Produktion sowie Investitionen in den Auslandsmärkten zusammen. Es bedeutet allerdings auch, dass im laufenden Quartal eine Menge flüssiges Kapital in Teslas Kassen strömt. In den USA, so Musk, würden viele Kunden sich für die Premium-Versionen des Model 3 entscheiden, was den Durchschnittspreis auf 50.000 Dollar gesetzt habe. Zudem sei keine Kannibalisierung beim Model S oder Model X eingetreten. „Ganz wenige Kunden geben ihr Model S in Zahlung und wenn, dann kaufen sie eher ein neues Model S oder Model X“, sagt Musk. Model S und Model X werden gerade überholt, mit noch größerer Reichweite. Zudem kündigte Musk an, im nächsten Monat in den USA eine eigene Autoversicherung für Tesla-Eigentümer anzubieten. Viele Versicherer hatten die Preise für Tesla-Kunden erhöht, mit Verweis auf hohe Reparaturkosten und überdurchschnittlich viele Schadensfallmeldungen.

Frugalität statt neue Schulden

Mehrfach versuchten Analysten wie Toni Sacconaghi von Sanford Bernstein und Adam Jones von Morgan Stanley aus dem Tesla-Chef herauszukitzeln, doch noch frisches Kapital einzusammeln. Schließlich, lockte Sacconaghi, sei momentan jede Menge Geld zu günstigen Konditionen verfügbar. In der Tat hat der Fahrdienst Uber, der seit Bestehen Verluste blutet, gerade wieder eine Milliarde Dollar von Softbank und Toyota für seine Selbstfahrsparte eingesammelt. In Erwartung weiter fallender Zinsen pumpen Anleger momentan wieder Geld in Tech-Werte.

Doch Musk tappte nicht in die Falle. Wohl wissend, dass er von seinen vielen Kritikern geteert und gefedert würde, wenn er zum gegenwärtigen Zeitpunkt neue Schulden ankündigen würde. Es gebe gute Argumente, Kapital aufzunehmen, so Musk. Er ziehe es jedoch momentan vor, mit dem bestehenden Kapital zu arbeiten und damit „frugal“ umzugehen, weil das Kostendisziplin fördere. Das hält ihm alle Optionen offen.

Auch auf eine von Jonas angestoßene Diskussion, ob Tesla nicht doch lieber wieder von der Börse gehen solle, ließ sich Musk nicht ein. Es sei bekannt, so der Tesla-Chef, dass er bevorzugen würde, nicht an der Börse zu sein, weil es zuweilen zu sehr von der Arbeit ablenke. „Aber ich weiß nicht, wie ich das ändern könnte.“

Skeptiker und Fans können sich weiter darüber fetzen, ob Musk wahnsinnig ist oder ein Genie. Phantasie für risikobereite Anleger liefert er reichlich. Musk bekräftigte am Mittwoch seine Pläne, die größte Robo-Taxiflotte der Welt aufzubauen, die zudem profitabel operieren werde. Es ist ein Seitenhieb auf Uber, das in Kürze zu einem Wert von voraussichtlich 80 Milliarden Dollar an die Börse gehen soll. Tesla scheint im Vergleich dazu ein Schnäppchen – am Mittwoch betrug sein Börsenwert knapp 45 Milliarden Dollar. Vielleicht sind einfach nur die Märkte verrückt.

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