Elektromobilität: „Das Kostenniveau ist bei vielen etablierten Autobauern noch zu hoch“
Tesla hat es bereits vorgemacht: Im April senkte der US-Elektrofahrzeugbauer zum zweiten Mal in diesem Jahr die Preise für alle Fahrzeuge. Damit hat Tesla den Preiskampf eröffnet, nun ziehen andere Autobauer nach: Nach einer Studie der Unternehmensberatung PwC Strategy& stieg der durchschnittliche Rabatt für Stromer im Premiumsegment von Juni bis Juli um ein Viertel auf 14 Prozent.
„Der durch Tesla ausgelöste Preiskampf setzt den Wettbewerbern enorm zu, die zunehmend zu Preisanpassungen gezwungen sind“, bestätigt auch Branchenexperte Stefan Bratzel. „Für den weiteren Markthochlauf der Elektromobilität muss das Modellangebot von preisgünstigen Fahrzeugen deutlich erhöht werden.“
Im mittleren Segment legte der Durchschnittsrabatt um ein Drittel auf 11 Prozent zu. „Lediglich im Volumenmarkt, in dem weiterhin die höchsten staatlichen Kaufprämien locken, blieben die Rabatte weitgehend gleich“ bei 9 bis 10 Prozent, teilte PwC mit.
„Im Kampf um Marktanteile liefern sich die Autobauer eine BEV-Rabattschlacht, die nun Europa erreicht“, erklärten die Branchenexperten. Nachdem Corona-Lockdowns und Lieferengpässe lange für ein knappes Angebot und hohe Preise gesorgt hatten, zieht die Autoproduktion wieder an. Die Daten „zeigen, dass die Autobauer am deutschen Markt verstärkt auf Rabatte setzen und diese auch für BEVs gewähren“.
Normale Marktbedingungen nun auch im Elektrosegment
Mit einem Anteil von knapp 16 Prozent an den Zulassungen seien die Stromer jetzt auf der Schwelle zum Massenmarkt. Damit „herrschen nun auch im Elektrosegment normale Marktbedingungen mit allem, was dazu gehört“, sagte PwC-Branchenexperte Felix Kuhnert. „Die Early-Adopter und Überzeugungskäufer haben sich eingedeckt. Nun greifen die Mainstreamkäufer zu, die jedoch härtere Kriterien hinsichtlich Produkt und Preis anlegen.“
Zahl von Neuzulassungen von E-Autos steigt
Das zeigt sich auch in den Zahlen der weltweiten Neuzulassungen von E-Autos: In den ersten sechs Monaten des Jahres 2023 wurden in China, Europa und den USA insgesamt mehr als 4 Millionen vollelektrische Fahrzeuge neu zugelassen, das sind 36 Prozent mehr als noch 2022, wie ein Bericht des Center of Automotive Management (CAM) zeigt. Dabei bleibt China mit weitem Abstand globaler Vorreiter in der E-Mobilität. Zwischen Januar und Juni 2023 wurden in der Volksrepublik rund 2,6 Millionen E-Autos neu zugelassen. Insgesamt liegt der Anteil bei 23 Prozent in den ersten sechs Monaten – damit ist fast jedes vierte neu zugelassene Auto in China vollelektrisch. In Europa sind es 14,3 Prozent, in den USA 7,3 Prozent in dem ersten Halbjahr von 2023.
Der stärkste Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr kann dabei in den USA verzeichnet werden: In den ersten sechs Monaten legten vollelektrische Fahrzeuge um mehr als 47 Prozent zu und erreichten ein Niveau von rund 560.000 E-Autos. In Europa erhöht sich der Absatz von E-Fahrzeugen um mehr als 45 Prozent auf 939.000. Davon entfällt mehr als die Hälfte aller BEV-Neuzulassungen auf die Länder Deutschland (220.000), Großbritannien (153.000) und Frankreich (138.000).
Bei den Herstellern bleibt Tesla mit etwa 889.000 Auslieferungen (plus 57 Prozent) weiterhin global an der Spitze, BYD legt mit rund 617.000 Verkäufen (plus 90 Prozent) zu. Auch die VW Group steigert ihren Absatz auf 321.000 E-Autos (plus 49 Prozent). Die deutschen Premiumhersteller BMW (plus 101 Prozent) und Mercedes-Benz (plus 85 Prozent) verdoppeln ihre vollelektrischen Auslieferungen im Vergleich zur Vorjahresperiode.
„Der Kosten- und Konsolidierungsdruck auf die Autobauer steigt, da die Margen der Elektromobilität bei vielen etablierten Volumenherstellern gering oder negativ sind“, sagt Branchenexperte Bratzel, der auch die CAM-Studie leitet. „Für den weiteren Markthochlauf der Elektromobilität muss das Modellangebot von preisgünstigen Fahrzeugen deutlich erhöht werden.“ So sei das Preis-Leistungsverhältnis bei Tesla sehr gut, das Unternehmen arbeite stark daran, Kosten bei der Produktion zu senken. „Das Kostenniveau ist bei vielen anderen etablierten Herstellern noch zu hoch“, so Bratzel. Elektromobilität müsse sich irgendwann selber tragen, und die Hersteller einen Beitrag dazu liefern, wettbewerbsfähige Modelle im niedrigen Preissegment anzubieten.
Doch wie können die Preise für E-Autos weiter und profitabel gesenkt werden? „Das teuerste an einem E-Auto ist die Batterie, es müssen also in erster Linie die Kosten pro Kilowattstunde sinken“, sagt Bratzel. Er plädiert dafür, dass die eingebauten Batterien losgelöst von der „Reichweitenangst“ eingebaut werden sollen, also weniger Reichweite für günstigere Batterien. „Dann muss aber an den Schnelllademöglichkeiten gearbeitet werden“, sagt Bratzel.
Anderseits geht aus der PWC-Studie hervor, dass auch die Preise für Lithium und andere Rohstoffe wieder steigen. Die deutschen Hersteller würden in einen Preiskampf gezwungen, den sie nur bestehen könnten, wenn sie Puffer bei den Kosten hätten.
In Deutschland gebaute Stromer seien rund 40 Prozent teurer als die gleichen Modelle, die in China gebaut und verkauft würden. Chinesische Autokonzerne verkauften ihre Stromer in Deutschland ebenfalls rund 40 Prozent teurer als in China, wo es gerade weitere Preissenkungen gegeben habe. So zahlen Deutsche aktuellen Berechnungen zufolge im Schnitt knapp 50.000 Euro für ein E-Auto. Ein Grund dafür ist, dass fast die Hälfte der angebotenen E-Autos SUV-Modelle sind, die in der Regel deutlich mehr kosten.
Mit Material der dpa.
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