Fahrzeug-Offensive vorgestellt: Wie Stellantis bei Nutzfahrzeugen Ford den Rang ablaufen will
Stellantis' Nutzfahrzeug-Offensive
Foto: HerstellerMit sechs Marken, fünf Baureihen und zehn Pick-ups hat sich der Opel-Mutterkonzern Stellantis hinter Ford als weltweit zweitgrößter Player im Nutzfahrzeugmarkt positioniert. Zum Gesamtumsatz von knapp 180 Milliarden Euro steuert die Nutzfahrzeugsparte ein gutes Drittel bei.
Doch mit der Nummer Zwei will sich Stellantis nicht abgeben. Klares Ziel sei, Ford in den nächsten Jahren als Marktführer abzulösen, gibt Jean-Philippe Imparato, Leiter der Nutzfahrzeugsparte von Stellantis, die Marschrichtung vor. Am Montag hat der Konzern die Details der Nutzfahrzeug-Strategie vorgestellt.
Mit neuen Modellen, Servicepaketen und einer neuen Geschäftseinheit will der Opel-Mutterkonzern Stellantis seine Position in der Lieferwagensparte ausbauen. Zwölf neue Transporter in allen Segmenten und elektrische Modelle mit erhöhter Reichweite kündigte der weltweit viertgrößte Autokonzern für seine Marken Citroën, Fiat, Opel, Peugeot, Ram und Vauxhall an. Auch das Angebot an Transportern mit Wasserstoff-Brennstoffzellen soll erweitert werden. Bis Jahresende sollen alle Transporter vernetzt und ab 2026 auch für mobile Updates vorbereitet sein. Denn nicht nur mit dem Verkauf von Fahrzeugen, sondern auch von vernetzten Diensten will Stellantis Umsatz machen.
Unter dem Dach der Geschäftseinheit Pro One will Stellantis sein Nutzfahrzeuggeschäft zusammenführen. Schon heute macht der Geschäftsbereich der Nutzfahrzeuge mit 1,6 Millionen verkauften Einheiten pro Jahr ein Drittel des Nettoumsatzes von Stellantis aus. Ziel ist es, diesen bis 2030 im Vergleich zu 2021 zu verdoppeln und einen Absatzmix von 40 Prozent Elektrofahrzeugen zu erreichen. Außerdem sollen mit vernetzten Diensten fünf Milliarden Euro Serviceeinnahmen generiert werden.
Die strategische Offensive des Nutzfahrzeuggeschäfts startet mit einer kompletten Überarbeitung der bestehenden Modellpalette. So führt Fiat beispielsweise 2024 eine Brennstoffzellenversion des Ducato ein. Nachdem sich Mercedes aus der Fuel-Cell-Entwicklung verabschiedete, bedienen die Italiener dann als einzige den Markt mit einem großen Transporter. Parallel dazu will die US-Marke RAM im kommenden Jahr gleich mit mehreren elektrischen Pick-ups den amerikanischen Markt aufrollen.
Peugeots E-Transporter bekommen ein Lifting
Peugeot wiederum spendiert seinen Elektro-Transportern ein Lifting. E-Partner, E-Expert und E-Boxer tragen eine neue Front, die sie stärker von den konventionell angetriebenen Varianten differenzieren. Dazu kommen eine neue Ausstattungsstruktur und ein modifizierter Antrieb. Dank zahlreicher Detailverbesserungen, zu der auch eine Wärmepumpe zählt, soll der Lieferwagen E-Partner nun mit einer Batterieladung bis zu 330 Kilometer und damit rund 55 Kilometer weiterkommen als bislang. Unverändert bleibt der 100 kW/136 PS starke E-Motor.
Der mittelgroße Transporter E-Expert legt ebenfalls leicht bei der Reichweite zu und kommt nun mit seinem gleichfalls 100 kW/136 PS starken Antrieb mit der großen Batterie (75 kWh) bis zu 350 Kilometer weit. Die kleine Batterie (50 kWh) soll für 224 Kilometer ausreichen. Ergänzt wird das Angebot zu einem späteren Zeitpunkt durch eine Ausführung mit Wasserstoff-Brennstoffzelle und 460 Kilometern Reichweite.
Umfassend erneuert präsentiert sich der große Transporter E-Boxer. Die Motorleistung verdoppelt sich auf 200 kW/270 PS, die maximale Reichweite steigt dank einer auf 110 kWh gewachsenen Batterie auf 420 Kilometer. Bislang war bei knapp 250 Kilometern Schluss. Als einziges Modell des Trios hat der Boxer serienmäßig einen dreiphasigen Lader mit 11 kW Leistung an Bord, am Schnelllader sind 150 kW möglich.
„Nur Produkte entwickeln, bauen und verkaufen genügt nicht“
Nur: Mit neuen Modellen alleine wird man Ford kaum abhängen. Das sieht auch Xavier Peugeot so, der unter Imparato fürs operative Geschäft zuständige Senior Vice President. „Nur Produkte entwickeln, bauen und verkaufen genügt nicht.“
Deshalb führt Stellantis unter dem Namen Pro One eine neue Geschäftseinheit fürs Nutzfahrzeuggeschäft ein. Sie soll das gesamte Professional-Angebot von Citroën, Fiat, Opel, Peugeot, Ram und Vauxhall bündeln. Imparato hat diverse Säulen definiert, auf die sich Pro One konzentriert: Der Konzern soll das umfangreichste Produktangebot des Marktes aufbauen, die Führungsrolle bei E-Fahrzeugen übernehmen, Finanzangebote und andere Dienstleistungen ausbauen sowie Drittfirmen wie Aus- und Aufbauer komplett in die digitale Bestell- und Kaufabwicklung integrieren.
Zum Plan gehört zudem, bis Ende des Jahres nur noch komplett vernetzte Fahrzeuge auszuliefern. Dazu wurden markenübergreifend neue digitale Servicepakete wie „Vorbeugende Wartung“ zur Sicherstellung der Geschäftskontinuität sowie „Aufgabenmanagement“ und „Eco-Drive-Coaching“ zur Effizienzsteigerung aufgelegt.
Anders als Wettbewerber Ford mit Ford Pro will Pro One von Stellantis allerdings nicht nach außen auftreten. Laut Peugeot ist die Unit vor allem dazu gedacht, dass die einzelnen Einheiten und Entwicklungszentren ihr Markendenken aufgeben, nicht „ihr eigenes Süppchen kochen“ wie Xavier Peugeot es nennt, sondern strategisch zusammenarbeiten.
Denn was Stellantis bei den Pkw bis zum Äußersten ausreizt, will man nun auch im Transportbereich verstärkt umsetzen: ein klare Plattform- und Gleichteilestrategie, die allerdings für den Kunden nicht sofort erkennbar sein soll. Bis vor kurzem glichen sich Citroen Jumper, Peugeot Boxer und Fiat Ducato fast wie ein Ei dem anderen, unterschieden sich nur durch die Logos. Jetzt sollen die Marken zwar die gleiche Technik verwenden, aber ihre Identitäten stärker ausspielen. So verwendet die eher technik-verliebte Marke Peugeot künftig das aus den Pkw bekannte i-Cockpit. Citroen soll mit besonders gepolsterten Sitzen das Thema Komfort spielen, bei Fiat stehen praktische Aspekte im Vordergrund und Opel besetzt das Thema Innovation beispielsweise mit Matrix-Licht. Auch die Cockpits und Instrumente sollen sich stärker differenzieren. Alles eine Frage der Programmierung, denn digitale Panels werden auch im Nutzfahrzeug Standard.
Der Kunde bezahlt am Ende eine Gesamtrechnung
Von der Gleichteil- und Plattformstrategie profitiert natürlich in erster Linie der Hersteller selbst. Die Taktik, Kunden, Händler und Hersteller in einer nahtlosen digitalen Kaufabwicklung zu verbinden, bringt auch dem Käufer eines Transporters Vorteile. Schreiner, Lebensmittelhändler oder Tiefkühldienste kaufen ihre ausgebauten Fahrzeuge direkt bei Opel, Citroen oder jeder anderen Marke, statt sie danach zum Ausbauer zu bringen. Von Stellantis zertifizierte Aus- und Aufbauhersteller liefern die Autos über die Markenhändler aus. Kunde, Händler, Ausbauer – alle kennen zu jeder Zeit den aktuellen Produktionsstand, und der Kunde bezahlt nur eine Gesamtrechnung.
Weltweit kann Stellantis auf ein Netzwerk von 400 Ausbaupartnern in 34 Ländern zurückgreifen. Fast jeder zweite Transporter wird branchentypisch umgerüstet, darunter auch viele E-Transporter. Deren Quote dürfte bald steigen. Denn Stellantis hat eine günstige Technik entwickelt, mit der sich Starkstrom-Verbraucher über die Antriebsbatterie betreiben lassen. Beispielsweise stromfressende Tiefkühlaufbauten. Bisher brauchten sie bei Elektro-Transportern einen teuren Zusatzakku, der zudem die Nutzlast schmälert. ePTO dagegen zapft die große Fahrzeugbatterie an. Das verringert zwar die Reichweite, doch Kühlfahrzeuge haben in der Regel nur einen Arbeitsradius von 150 bis 200 Kilometer.
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