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Möglicher Teilverkauf des EntwicklungszentrumsAm Ende könnte nur der Markenname Opel bleiben

Der Opel-Mutterkonzern PSA prüft, Teile des Opel-Entwicklungszentrums zu verkaufen. Käme es dazu, wäre das der Anfang vom Ende von „Opel – Made in Germany“.KOMMENTAR von Annina Reimann 04.07.2018 - 13:01 Uhr
Wenn nicht reagiert wird, könnte vom Autobauer nur noch eine Marke namens Opel übrig bleiben. Foto: imago images

Opel kommt nicht zur Ruhe. Gerade erst haben sich das Unternehmen und die Betriebsräte darauf geeinigt, sich „nur“ von 3700 der 19.000 hiesigen Opelaner zu trennen. Auf freiwilliger Basis und über verschiedene Abfindungs- und Vorruhestandsprogramme. Doch schon kommt der nächste Tiefschlag aus Paris: Die französische Zeitung „Le Monde“ berichtet, dass der französische Opel-Mutterkonzern PSA darüber nachdenke, sich von einem Teil des Rüsselsheimer Opel-Entwicklungszentrums zu trennen. Man habe schon mehrere Entwicklungsdienstleister sondiert, damit diese Übernahmeangebote vorlegten.

Noch ist keine Entscheidung gefallen. Opel-Chef Michael Lohscheller bestätigte aber, dass man derzeit „unterschiedliche Optionen“ prüfe. Man wisse bei Opel, dass die Auftragsvolumen der alten Opel-Mutter General Motors „in den kommenden Jahren drastisch abnehmen werden“. Deshalb prüfe man, „wie eine nachhaltige und erfolgreiche Aufstellung“ im Entwicklungszentrum ITEZ erreicht werden könne. „Strategische Partnerschaften mit anderen Unternehmen sind dabei Teil dieser Überlegungen.“ Aktuell stehe aber „noch nicht fest, welche Optionen tragfähige Lösungen sein könnten“.

Würde PSA Teile des Entwicklungszentrums verkaufen, wäre das der Anfang vom Ende von „Opel – Made in Germany“. Denn eine Entwicklungsabteilung ist das Herz eines jeden Autobauers. Dort kommen Innovationen her. Dort wird entschieden, welchen Vorsprung die Technik hat. Die Forschung und Entwicklung macht den Unterschied, den Vorsprung und Unterschied zu Wettbewerbern, erst aus.

Teilverkauf des Opel-Forschungszentrums?

„Ein Angriff auf das Herz der Marke Opel“

Die Krux: PSA-Chef Carlos Tavares wollte genau das – eine deutsche Marke kaufen. Tavares wollte mit Opel sein französisches Auto-Angebot verbreitern. Es gebe auf dem Weltmarkt Länder, in denen keine französischen, sondern lieber deutsche Marken auf den Einkaufslisten stünden, sagte er anfangs. „Deshalb würde Opel unser Angebot gut ergänzen,“ jubilierte Tavares. Doch davon ist bald nicht mehr viel übrig. Nach und nach pflanzt Tavares den Opel-Autos jetzt französische Technik ein. Die Plattform soll bald überall von PSA kommen. Die Opelaner, lästern viele, dürften dann nur noch die Haube designen, die auf der Plattform thront. Französische Technik würde sich quasi hinter einer deutschen Fassade verstecken.

Opel-Chef Lohscheller hält zwar dagegen: „Unser Engineering ist und bleibt Kern von Opel. Alle künftigen Opel-Modelle werden hier in Rüsselsheim entwickelt. Zudem übernehmen wir zahlreiche wichtige Aufgaben für die gesamte Groupe PSA“, sagte er. Ein Sprecher nannte als Beispiele etwa die Verantwortung für die Brennstoffzelle oder die Entwicklung für den US-Markt. Und doch wird man den Eindruck nicht los, dass die Opelaner eher Zukunftsthemen zugeschanzt bekommen, aus denen etwas werden kann – oder aber auch nicht. So gilt etwa der Einstieg in den US-Markt als teuer. Er dürfte daher in weiter Ferne liegen, weil Opel näherliegende Themen hat. Und auf die Brennstoffzelle setzt derzeit kaum ein Autobauer wirklich.

Opels Produktionsstandorte in Europa
Am Opel-Hauptsitz arbeiten 14.850 Beschäftigte, davon gut die Hälfte im Entwicklungszentrum. Die Produktion hat rund 3000 Arbeitnehmer. Sie bauen den Mittelklassewagen Insignia in mehreren Varianten, den Zafira sowie Getriebe und Komponenten.Quelle: Reuters, Stand: 19. April 2018
Der Standort in Rheinland-Pfalz hat 2130 Beschäftigte. Sie produzieren Motoren und Fahrwerkskomponenten.
In Thüringen laufen die Kleinwagen Corsa und Adam vom Band. Im Werk Eisenach arbeiten 1790 Menschen.
In dem polnischen Werk sind knapp 3050 Mitarbeiter beschäftigt. Sie bauen den Kompaktwagen Astra und das Cabrio Cascada und den Sportwagen Opel GTC. In Tychy stellen 400 Beschäftigte Motoren her.
In dem spanischen Standort bei Saragossa laufen Corsa, Meriva, der SUV Mokka und der Stadtgeländewagen Crossland X vom Band. Der Standort hat 5170 Arbeitsplätze.
Im Werk Ellesmere Port arbeiten 1470 Beschäftigte. Hier werden ebenfalls Astra-Modelle produziert.Der Standort Luton nördlich von London hat 1240 Arbeitnehmer und baut den Kleintransporter Vivaro.
In dem österreichischen Werk nahe Wien arbeiten 1330 Menschen. Dort werden Motoren und Getriebe hergestellt.
Die Fabrik in Ungarn produziert mit 1160 Arbeitnehmern Motoren und Komponenten.

Einerseits hat Tavares natürlich Recht – denn er muss Skaleneffekte heben. Je häufiger er seine PSA-Plattformen verbauen kann, desto bessere Preise kann er im Einkauf erzielen. Und PSA muss massiv Kosten bei Opel sparen. Opel ist und bleibt ein Sanierungsfall, der keine Zeit zu verlieren hat. Denn selbst die Opelaner wissen, dass Opel seit Jahren nur Verluste schreibt. Andererseits sind die Folgen des Handelns von PSA jedoch fatal: Die Kunden, das wichtigste Kapital eines jeden Autobauers, sind verunsichert. Sie stimmen mit den Füßen ab – und kaufen weniger Opel-Autos. Viele haben offenbar Angst, so hört man, dass es demnächst keine Ersatzteile mehr für Opel-Autos gibt.

Michael Lohscheller

Der vorherige Opel-Finanzchef Michael Lohscheller ist seit dem 12. Juni 2017 Chef von Opel. Er gehört seit September 2012 dem Opel-Vorstand an und ist seit 2014 Finanzvorstand und Geschäftsführer Finanzen der Opel Group. Der Diplom-Kaufmann sammelte schon vor seiner Zeit bei Opel über viele Jahre Erfahrungen in der Autobranche. Lohscheller arbeitete bei Daimler, Mitsubishi und Volkswagen – dort zuletzt als Finanzvorstand der US-Sparte. Sein Vorgänger Karl-Thomas Neumann bleibt noch bis zum Abschluss der Übernahme durch PSA Mitglied der Geschäftsführung. Danach wird es die Aufgabe des 48-Jährigen sein, wie von PSA-Chef Tavares gefordert, Opel zurück in die schwarzen Zahlen zu führen.

Foto: Opel

Karl-Thomas Neumann

Karl-Thomas Neumann hatte zum 1. März 2013 den Chefposten in Rüsselsheim übernommen. Der gebürtige Niedersachse (Jahrgang 1961) studierte Elektrotechnik in Dortmund und Duisburg. Zunächst arbeitete er bei Motorola, 1999 wechselte er dann zu VW. Von 2004 bis 2009 war er bei dem Autozulieferer Continental tätig, danach ging Neumann zurück zu Volkswagen. Er hat dort das Geschäft in China ausgebaut und gilt als Freund der Elektromobilität. In Rüsselsheim erarbeitete er sich einen guten Ruf, obwohl er sich zuvor nicht als Krisenmanager profiliert hatte. Selbst Kritiker loben heute bei Opel die griffige Werbung, das frische Image und die technisch stark verbesserte Produktpalette. Nur die Rückkehr in die Gewinnzone hat Neumann bis zuletzt nicht geschafft. Am 12. Juni 2017 erklärte Neumann seinen Rücktritt.

Foto: CLARK/obs

Thomas Sedran

Ab Mitte Juli 2012 leitete der damalige Strategievorstand die Geschäfte des kriselnden Autobauers. Der promovierte Ökonom wechselte erst im April 2011 in den Vorstand der Adam Opel AG und leitete seither das neu geschaffene Ressort Operations, Geschäftsentwicklung und Unternehmensstrategien. Seine Aufgabe: Er sollte Strategien für profitables Wachstum entwickeln und umsetzen – auch außerhalb Europas. Dann wurde er zusätzlich Vize-Chef des Autobauers und führte einstweilen die Geschäfte. Sedran kam auch die Aufgabe zu, die Schließung des Werks in Bochum zu verkünden. Nach einer kurzen Station bei der Unternehmensberatung Accenture ist Sedran inzwischen bei Volkswagen tätig.

Foto: dpa

Stephen Girsky

Girsky (rechts) war ein Kurzzeit-Chef in Rüsselsheim: Er übernahm am 12. Juli 2012 das Ruder, nachdem der damalige General Motors-Vorstandsvorsitzender Dan Akerson (links) den bisherigen Opel-Chef Karl-Friedrich Stracke kurzerhand absetzte. Girskys Amtszeit dauerte genau fünf Tage. Zeit genug, um von den Mitarbeiter mehr Engagement einzufordern. In einer E-Mail schrieb er: „Unsere erfolgreiche Revitalisierung erfordert von uns allen die Bereitschaft, das Geschäft anders zu machen als bisher und dabei schnell zu handeln. Jeder Einzelne von uns ist verantwortlich für die Ergebnisse.“

Foto: dpa

Karl-Friedrich Stracke

Stracke war nur etwas über ein Jahr Chef in Rüsselsheim, er hatte am 11. April 2011 den Vorstandsvorsitz der Opel AG übernommen. Zu diesem Zeitpunkt war der Hesse seit mehr als 30 Jahren bei dem deutschen Traditionsautobauer beschäftigt. Sein Abtritt kam plötzlich: Ende Juni 2012 stellte er noch ein umfangreiches Sanierungsprogramm vor, um die krisengeplagte GM-Tochter wieder auf Kurs zu bringen. Auch sein Vorgänger....

Foto: dpa

Nick Reilly

...war nur gut 14 Monate Chef des Traditionsautobauers. Der Brite Nick Reilly trat im Januar 2010 an und verabschiedete sich bereits im März 2011 wieder – allerdings um in den Aufsichtsrat berufen zu werden. Reilly war als harter Sanierer bekannt und wurde von der GM-Mutter zur Krisentochter nach Europa geschickt, um Opel wieder auf Kurs zu bringen.

Foto: REUTERS

Hans Demant

Demant war von Juni 2004 bis Januar 2010 Vorsitzender der Opel-Geschäftsführung. Der Ingenieur galt als zurückhaltend – einer der sich nicht gegen die Interessen der amerikanischen Eigentümer aufbäumte. Genutzt hat es ihm nicht. Er nahm wenige Monate nach dem damaligen Europa-Chef Carl-Peter Forster seinen Hut. Zu diesem Zeitpunkt musste Opel 12.000 Mitarbeiter für mehrere Monate in Kurzarbeit schicken – rund die Hälfte der damaligen deutschen Belegschaft.

Foto: AP

Carl-Peter Forster

Forster war von April 2001 bis Juni 2004 Opel-Chef. Später Europa-Chef von General Motors. Forster hatte der Marke mit dem Blitz zu vielfach ausgezeichneten Modellen wie dem Insignia verholfen und die Qualität der Modelle deutlich verbessert. Im November 2011 trat er als Europa-Chef ab. Grund für seinen Abgang war offenbar der plötzliche Schwenk des GM-Verwaltungsrats, der Opel nach langen Verhandlungen auf einmal doch nicht mehr an das Magna-Konsortium verkaufen wollte. Nach dem geplatzten Verkauf wechselte Forster zum indischen Autobauer Tata.

Foto: AP

Eine gefährliche Abwärtsspirale ist daher in Gang gekommen: Denn auch viele Mitarbeiter sind tief verunsichert. Viele scheinen geradezu panisch und flüchten. Das Schlimme in solchen Situationen ist, dass meist die besten Leute zuerst gehen. Denn sie sind es, die woanders schnell unterkommen.

Tavares müsste daher längst alarmiert sein und bei Opel vorsichtiger vorgehen. Doch danach sieht es nicht aus. Immer wieder scheint er die Mitbestimmungsrechte vom Betriebsrat zu missachten, genauso wie die Tarifverträge der IG Metall. „Ein (Aus-)Verkauf der Opel-Entwicklung würde Opel die Zukunft nehmen“, kritisierte der Betriebsrat jetzt. Sollte die Information der französischen Presse der Wahrheit entsprechen, würde dies bedeuten, dass PSA und das Opel-Management sich seit längerem in Verkaufsgesprächen befänden und wissentlich der IG Metall und der Einigungsstelle die Unwahrheit gesagt hätten.

Auch dagegen hält Lohscheller: Er habe mit der IG Metall und dem Gesamtbetriebsrat „regelmäßig und bereits seit Dezember 2017 besprochen, dass wir strategische Partnerschaften im Engineering als Option prüfen, um langfristig Beschäftigung im ITEZ zu sichern“, teilte er jetzt mit. Diese Information sei auch Bestandteil der ebenfalls vom Gesamtbetriebsrat unterschriebenen Vereinbarung aus dem vergangenen Jahr. „Die Behauptung, dass wir in der Einigungsstelle solche Pläne dementiert haben, ist falsch.“
Der Streit zeigt: Opel beschäftigt sich wieder einmal mit sich selber. Das bindet wichtige Kapazitäten. Das Traurige dabei ist, dass am Ende nur noch der Markenname von Opel bleiben könnte.

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