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Noch besteht die Chance, dass die deutsche Automobilbranche Anpassungsfähigkeit beweist. Quelle: dpa

Wie sich Deutschland selbst demontiert

Hauke Reimer
Hauke Reimer Stellvertretender Chefredakteur WirtschaftsWoche

Deutschland demontiert nach Kräften seine wichtigste Industrie. Nur mit viel Optimismus lässt sich die Dieselkrise umdeuten – als heilsamer Schock.

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Geht’s noch, Deutschland? Zu gut. Der Eindruck verfestigt sich, dass hier ein Industrieland in der Hochkonjunktur sich gerade selbst demontiert. Zunächst trieb die schlecht gemanagte Energiewende den Strompreis auf Spitzenniveau, pulverisierte den Börsenwert der einst als Witwen-und-Waisen-Papiere begehrten Versorger und verunstaltete ganze Landstriche durch Windräder und öde Biosprit-Mais-Monokulturen.

Danach manipulierten die Automanager in ihrer erfolgsbesoffenen Hybris die Abgaswerte. Autokäufer ließ der Dieselbetrug zwar weitgehend kalt, aber die Skandale bereiteten den Boden für Straßensperrungen. Menschen, die Autos im guten Glauben an bestehende Regeln gekauft haben, werden jetzt enteignet; nur drei Jahre alte Autos unbrauchbar, weil sie nicht mehr nach Frankfurt, nicht mehr auf die A 40 bei Essen, bald wohl nicht mehr auf die Berliner Stadtautobahn dürfen.

Gewissenhafte Verwaltungsrichter setzen fragwürdige EU-Grenzwerte durch, die unter fragwürdigen Bedingungen – zu nah am Straßenrand – gemessen werden. Perfektioniert wird dafür die Überwachung der Autofahrer durch Kameras, die Sperrungen müssen ja kontrolliert werden. Kein anderes Land auf der Welt tut sich und seiner Industrie so etwas an. Die Sperrungen geben dem Diesel den Rest. Und damit beginnt der dritte Akt: Weil Benziner mehr Sprit brauchen und deshalb mehr CO2 ausstoßen, werden deutsche Hersteller ihre von der EU vorgegebenen Klimaziele erst recht nicht schaffen. Sie werden Milliarden zahlen oder weniger große Autos verkaufen müssen. Ausländische Wettbewerber klatschen in die Hände.

Hoffentlich freuen sie sich zu früh. Womöglich sind die Schocks, die Deutschlands Industrie von den Füßen auf den Kopf stellen, sogar heilsam. Ohne sie würde VW-Chef Herbert Diess jetzt nicht die Power des größten Autokonzerns der Welt auf E-Mobilität lenken und 44 Milliarden Euro investieren. Porsche wäre nicht raus aus dem Diesel und würde nicht schon 2019 mit einem ersten Tesla-Jäger kommen; BMW nicht binnen sechs Jahren 25 E-Autos auf den Markt werfen. Und die werden pünktlich kommen. BMW-Chef Harald Krüger wird sicher nicht in der Werkshalle zelten müssen, nur damit die Massenproduktion klappt, so wie Tesla-Boss Elon Musk.

Noch besteht die Chance, dass die Branche Anpassungsfähigkeit beweist. So wie in den Siebzigern, als sie die Exporterfolge der damals übermächtigen Japaner konterte. Nietzsche sagt: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“ Es kann wieder funktionieren. Umbringen sollten wir die Autobauer allerdings nicht.

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