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Trump und die US-KonzerneWas die Ford-Entscheidung für die US-Autobranche bedeutet

Ford knickt vor Donald Trump ein und baut kein neues Werk in Mexiko. Für den designierten US-Präsidenten ist das ein Scheinsieg – aber ein wichtiger. So wichtig, dass er auch die deutschen Autobauer beeinflussen könnte.Sebastian Schaal 04.01.2017 - 11:41 Uhr

Der CEO von Ford Mark Fields.

Foto: REUTERS

Flat Rock im US-Bundesstaat Michigan dürfte bislang nur Auto-Fans bekannt sein. Hier wird der Ford Mustang gebaut, wohl das ikonischste aller US-Musclecars. Die Schlagzeilen der letzten Tage drehen sich aber weniger um den Mustang. Sie haben eine politische Bedeutung.

Als Ford-Chef Mark Fields am Dienstag vor seine Angestellten in der 10.000-Einwohner-Stadt trat, konnte er sich feiern lassen. 700 Millionen Euro will Ford in das Werk investieren. Neben dem erwähnten Musclecar sollen zukunftsträchtige Roboterautos und Elektroantriebe dort gebaut werden. 700 neue Arbeitsplätze werden entstehen.

Für Fields war es dennoch ein unangenehmer Termin. Die ganze Weltwirtschaft schaute auf ihn, als er verkündet, dass Ford im Gegenzug auf ein neues Werk in Mexiko verzichtet. Die Pläne für eine 1,6 Milliarden Dollar teure Fabrik in San Luis Potosí sind gestoppt, hieß es schlicht.

Der Twitter-Account des designierten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, hat Follower im zweistelligen Millionenbereich. (Stand 4. Januar 2017: 18,6 Millionen). Und kaum ein Tag vergeht mittlerweile, ohne dass er sich per Kurznachrichten aggressiv in die Unternehmenspolitik einmischt. Unschöne Reaktionen an der Börse sind damit häufig vorprogrammiert – und die US-Firmen scheinen sich zumeist zu einer Reaktion gezwungen zu fühlen...

Foto: dpa

General Motors (GM)

„Produziert in den USA!“, ging Trump den Autobauer General Motors (GM) bei Twitter an und drohte mit hohen Einfuhrzöllen für Autos, die im Niedriglohn-Nachbarland Mexiko gefertigt werden. "General Motors schickt in Mexiko gebautes Chevy-Cruze-Modell an US-Autohändler steuerfrei über die Grenze", hieß es in dem Tweet. "Produziert in den USA, oder zahlt hohe Abgabe an der Grenze!" Wenig später gab es eine Reaktion an der Börse: GMs Kurs fiel unmittelbar um rund ein Prozent.

Foto: dpa

Ford

Eine Reaktion des Unternehmens blieb unmittelbar aus - dafür reagierte ein GM-Rivale: Ford, im Wahlkampf ebenfalls von Trump angegangen, gab überraschend bekannt, Pläne für ein 1,6 Milliarden Dollar teures Werk in Mexiko zu beerdigen – wie von Trump gefordert. Stattdessen solle nun in großem Stil in den USA investiert werden.

Foto: AP

GM selbst reagierte erst eine halbe Woche später auf Trumps Äußerungen. Man wolle trotz der Drohungen Trumps an der Produktion von Kleinwagen in Mexiko festhalten, kommentierte der Autobauer vier Tage später. Die Autobranche treffe ihre Entscheidungen, wo ein bestimmtes Fahrzeug gebaut werde, mit einem Vorlauf von zwei bis vier Jahren, sagte Vorstandschefin Mary Barra. Die Limousinen der von Trump angesprochenen Marke würden ohnehin in Ohio hergestellt.

Foto: dpa

Boeing

„Boeing baut eine brandneue 747 Air Force One für künftige Präsidenten, aber die Kosten sind außer Kontrolle, mehr als vier Milliarden Dollar. Abbestellen!“ Mit diesem heftigen Kommando per Twitter sorgte Donald Trump beim US-Luftfahrtkonzern Boeing für Irritation. Was Trumps Aktion sollte, blieb nebulös – keiner wusste, wie er auf den Preis kam. Das Unternehmen und die US-Regierung kamen auf andere Schätzungen. Zudem war der Milliarden-Auftrag für die beiden neuen Präsidentenmaschinen laut Boeings Stellungnahme noch gar nicht endgültig erteilt worden.

Foto: dpa

Aber der Tweet zeigte Wirkung: Die Boeing-Aktie geriet zwischenzeitlich spürbar unter Druck, und die Medien überboten sich mit Schlagzeilen. Trump profilierte sich als Hüter von Steuergeldern, der verhindern will, dass der Konzern sich auf Staatskosten bereichert. Zur Überraschung vieler kündigte Boeing schließlich an, die Präsidentenmaschine werde in jedem Fall günstiger ausfallen als bislang geplant.

Foto: REUTERS

Lockheed Martin

Auch der Rüstungskonzern Lockheed Martin wurde vom künftigen US-Präsidenten unter Druck gesetzt: wegen der Kosten für das Kampfflugzeug F-35. Da das F-35-Programm immer teurer werde, habe er Boeing gebeten, ein Preisangebot für das ältere Modell F-18 "Super Hornet" zu unterbreiten, teilte Trump per Twitter mit. Das F-35-Programm ist ein wesentlicher Umsatzbringer für das Unternehmen und machte im vergangenen Jahr rund 20 Prozent der Gesamterlöse von 46,1 Milliarden Dollar aus. Die Kosten für das Programm sind unter anderem wegen technischer Probleme auf geschätzte 379 Milliarden Dollar gestiegen. Das Flugzeug ist allerdings viel moderner als die F-18.

Foto: AP

Lockheed äußerte sich nicht dazu. An der Wall Street standen die Papiere des Rüstungskonzerns Lockheed Martin daraufhin allerdings trotzdem im Fokus – mit einem Kursverlust von 1,4 Prozent.

Foto: REUTERS

Rexnord Corp.

Auch das US-Unternehmen Rexnord mit Sitz in Milwaukee (Indiana) musste eine Twitter-Attacke Trumps verkraften. Rexnord stellt Wälzlager und Ketten her – und plant den Umzug eines Werkes nach Mexiko. "Rexnord aus Indiana zieht nach Mexiko und wird bösartig alle seine 300 Arbeiter entlassen. Das passiert überall in unserem Land. Das muss aufhören!"

Eine direkte Reaktion darauf gab es von Rexnord nicht – die Pläne haben sich bislang nicht geändert. Auf den ohnehin seit einiger Zeit fallenden Aktienkurs hatte der Tweet aber trotzdem Einfluss. Es ging um einen Prozentpunkt nach unten.

Foto: AP

Die Entscheidung für Flat Rock und gegen San Luis Potosí dürfte etwas Nachhilfe bekommen haben – von niemand geringerem als dem gewählten US-Präsidenten Donald Trump.

Protektionismus statt marktliberaler Logik

Die Vereinigten Staaten von Amerika, das war einmal das Land, in dem Kapitalismus und freie Marktwirtschaft über alles gingen. Das Land, in dem das Fließband erfunden wurde. Das Land, in dem einige Trader Börsenspekulationen bis zur Perfektion getrieben haben.

Nach dieser marktliberalen Logik wäre es also kein Problem gewesen, wenn Fields seinen ursprünglichen Plan durchgezogen hätte: Das Werk südlich der US-Grenze bauen, wo die Produktionskosten niedriger sind.

Seit dem 2. März läuft in Deutschland und in vielen europäischen Ländern offiziell der Verkauf des Ford Mustang. Gleich mit dem Start wurde der Mustang-Konfigurator regelrecht gestürmt: Inzwischen haben fast 500.000 Interessenten ihr Wunschfahrzeug auf den Internetseiten von Ford konfiguriert. Darüber hinaus verzeichneten die europäischen Internetseiten zum neuen Mustang zwischen Mitte Januar und Mitte Februar 1,1 Millionen Besucher. "Der Ansturm auf den Mustang Online-Konfigurator steht sinnbildlich für 50 Jahre Nachholbedarf in Europa", sagte Roelant de Waard, verantwortlich für Marketing, Sales & Service bei Ford Europa.

Eine erste Auswertung zeigt: Über alle Märkte sind der Vierzylinder-EcoBoost-Motor und der bullige V8 ungefähr gleich stark gefragt. In Deutschland hingegen gibt es bei den Anfragen eine klare Präferenz.

Foto: dpa

Für die Deutschen muss es der 418 PS starke 5,0-Liter-V8 sein. In Deutschland (60 Prozent) und Großritannien (54 Prozent) ist der V8 gefragt – zwei Drittel aller Nutzer wählten in diesem Zusammenhang die Version mit Schaltgetriebe. In Frankreich (55 Prozent), Spanien (59 Prozent) und vor allem Italien (61 Prozent) liegt allerdings der 2,3-Liter-Turbo-Vierzylinder mit 314 PS vorne. In ganz Europa erfreute sich die Kombination aus 2,3-Liter-EcoBoost-Motor und 6-Gang-Schaltgetriebe bei europäischen Interessenten der größten Beliebtheit (37 Prozent). Zu den beliebtesten Farben gehören "Ebony-Schwarz" und "Race-Rot".

Foto: CLARK/obs

Mit seiner jüngsten Baureihe ist das legendäre "Pony Car" erstmals offiziell in Deutschland zu kaufen, bislang waren alle Mustangs auf deutschen Straßen private US-Importe. Wer jetzt einen Mustang bei seinem Händler kaufen will, muss dafür mindestens 35.000 Euro hinlegen. Für diesen Preis gibt es einen modernen Sportwagen mit ansprechender Optik, aber noch nicht das volle US-Flair: Die Einstiegsvariante namens Mustang Fastback rollt hierzulande mit einem 2,3-Liter-Vierzylinder (314 PS) vom Hof. Die volle Dröhnung mit V8-Motor (418 PS) im Mustang GT gibt es für immer noch preiswerte 40.000 Euro.

Foto: CLARK/obs

Damit liegt der V8-Mustang exakt auf dem Niveau des Chevrolet Camaro, der trotz des Chevy-Rückzugs aus Deutschland weiterhin angeboten wird – vom Europa-Importeuer in der Schweiz. Ab Werk werden die beiden Mustangs mit einem Sechs-Gang-Handschaltgetriebe ausgeliefert, ein Automatikgetriebe kostet 2000 Euro mehr. Für 4000 Euro extra macht Ford aus den Fastback-Coupés ein Cabrio. Mit dem "Premium-Sound-Paket" (1200 Euro) und dem "Premium-Paket" (2500 Euro) bleibt die Aufpreisliste angenehm kurz.

Foto: AP

In der Geschichte der US-Sportwagenikone Mustang konnte Ford über 9,2 Millionen Exemplare seines Muscle Cars verkaufen. Im August 2014 feierten die Arbeiter im Werk Flat Rock den Produktionsstart der sechsten Generation des Mustang. Laut der weltweiten Zulassungsstatistik des Marktforschungsinstituts IHS Automotive wurde in den ersten sechs Monaten des Jahres kein Sportwagen häufiger neu zugelassen als die Neuauflage der Sportwagen-Ikone. Weltweit wurden von Januar bis Juni exakt 76.1242 Ford Mustang neu für den Straßenverkehr angemeldet.

Foto: Reuters

Um den Wagen international auf den Markt zu bringen, musste das Management um US-Chef Joe Hinrichs weitreichende Entscheidungen treffen. So wird es vom Mustang VI auch erstmals eine Rechtslenker-Version geben, um etwa in Großbritannien, Japan oder Australien verkauft werden zu können. 3000 Mitarbeiter fertigen den Mustang im Zwei-Schicht-Betrieb auf modernisierten Produktionslinien, für die Ford 555 Millionen Dollar ausgegeben hat.

Foto: Reuters

Die V8-Ikone aus Spritspargründen ist jetzt auch mit einem Vierzylinder erhältlich. Vierzylinder hin oder her, vor allem die älteren Versionen gehören laut einer Umfrage zu den Traumautos der Deutschen. Wir werfen einen Blick zurück auf die Anfänge des Mustangs und seine bewegte Historie:

Foto: Reuters

Mit dem Mustang begründete Ford eine Fahrzeugklasse, bei der günstige Mobilität mit sportlichen Ambitionen im Vordergrund stand. Bevor der Ford Mustang zum Rabauken, Muscle Car und stets leicht prolligen Rebell unter den Sportwagen wurde, fand das Auto 1964 den Weg auf die Straße als seriöses, sportliches Coupé, dessen Erfolg die Ford Motor Company zu Beginn allerdings überrollte. Eigentlich wollte Ford anfangs 100.000 Autos pro Jahr verkaufen – daraus wurden allein in den ersten zwölf Monaten 417.000.

Foto: dpa

Für Puristen war das Jahr 1971 das schlimmste Jahr in der Mustang-Historie. Dass die Mustangs von Jahr zu Jahr immer schwerer und größer wurden, war ja schön und gut. Aber das Modell von 1971 bis 1973 war vielen Fans schlicht mehr als eine Spur zu wuchtig geraten. Großes Problem dabei: Je größer desto schwerer – und desto höher eben auch der Spritverbrauch. Das konnte Ford in der Ölkrise im Jahr 1973 aber gar nicht gebrauchen. Mit dem 71er Mustang endete die erste Modellreihe.

Foto: PR

Die Konsequenz fiel bei Ford drastisch aus. Die zweite Generation von 1974 hat auf den ersten Blick nur noch wenig mit einem Muscle Car zu tun. Kein Wunder, stand der Mustang doch auf der Plattform des Kompaktwagens Pinto. Neben den hohen Ölpreisen war der Mustang auch mit Blick auf Abgasgrenzwerte und Versicherungskosten auf Radikalkur gesetzt worden. Und das traf offenbar den Nerv der Zeit. In einem Jahr verkaufte Ford 386.000 Exemplare – eine stolze Zahl. Ganz besonders deshalb, weil die Gegner des Mustangs nun nicht mehr schwere Dodge Charger, sondern ökonomische Celicas von Toyota waren. Die Zeiten hatten sich geändert.

Foto: PR

Die nächste Zäsur stand im Jahr 1979 mit der dritten Generation des Mustangs an. Das Muscle Car konnte nun im Innenraum vier Personen Platz bieten. Praktischer und vernünftiger war dies zweifellos. Ob es aber wirklich zum ursprünglichen Charakter des Fahrzeugs passte, sei dahingestellt. Aber: Der Mustang III war technisch auch ein echter Fortschritt. Größer, aber gleichzeitig auch leichter. Im ersten Jahr verkaufte Ford 370.000 Exemplare. Und: Der Wagen wurde als Pace Car beim renommiertesten Autorennen der USA eingesetzt: dem Indy 500.

Foto: PR

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Der Mustang Ende der 80er Jahre war kein komplett neues Modell. Stattdessen hatte Ford den Mustang einem umfangreichen Facelift unterzogen. Das Design wurde stromlinienförmiger, die Front erinnert an einen Ford Sierra.

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1994 rollte dann die vierte Generation auf die Straße. Chefdesigner Patrick Schiavone, der vor allem mit dem Design des Pick-ups F-150 in den USA für Furore sorgte, wollte in seinem Entwurf Elemente früherer Mustangs aufnehmen. Herausgekommen ist aber ein Auto im typischen Look der 90er Jahre.

Foto: PR

2005 feierte schließlich das Ursprungsdesign des ersten Mustangs seine Wiederkehr. Niemand geringeres als Bill Ford persönlich, Urenkel von Henry Ford, fuhr den Wagen im Retro-Design bei seiner Präsentation auf die Bühne. Anders als die Vorgänger wird die neue Generation nicht mehr von Ford, sondern von der AutoAlliance International in Flat Rock produziert.

Foto: PR

Mit dem Mustang ist über all die Jahre auch ein Name eng verbunden: Carroll Shelby. Der amerikanische Rennfahrer machte nicht nur mit seiner Eigenkonstruktion Shelby Cobra auf sich aufmerksam, sondern auch mit Umbauten diverser Mustangs – bis Ford Shelby an Bord holte und mit dem Namen seine stärksten Mustang-Modelle zierte. Als der legendäre Sportwagen-Konstrukteur im Mai 2012 starb, widmete Ford dem verstorbenen Shelby ein über 850 PS starkes Unikat.

Foto: PR

So hätte es wohl auch der alte Henry Ford gemacht, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit „Fordlandia“ eine eigene Fertigung im Urwald aufbauen wollte. Was damals noch an Unkenntnis von Land und Leuten sowie der Technologie scheiterte, wäre in Zeiten von globalen Freihandelsabkommen und billigem Transport kein allzu großes Problem mehr.

Doch Fields‘ Problem sitzt nicht im Urwald oder in Mexiko, sondern bezieht bald ein großes weißes Gebäude in Washington. Bereits im Wahlkampf hatte Donald Trump gegen die Pläne diverser US-Konzerne gewettert, Arbeitsplätze nach Mexiko zu verlagern. Er drohte mit Einfuhrzöllen von 35 Prozent, die jeden Import unwirtschaftlich gemacht hätten. Als President-elect ist die Bedrohung für die Konzerne ernster denn je.

Die US-Werke der deutschen Autokonzerne
Pkw-Werk in Vance (Tuscaloosa)Bundesstaat: AlabamaMitarbeiter: 3.500Modelle: C-Klasse (für Nordamerika), GLE, GLSLkw-Werk in ClevelandBundesstaat: North CarolinaMitarbeiter: ca. 3000Lkw-Werk in Mount Holly (Freightliner)Bundesstaat: North CarolinaMitarbeiter: 1.000Lkw-Werk in Portland (Western Star)Bundesstaat: OregonMitarbeiter: 1.000Van-Werk in Charleston (im Bau)Bundesstaat: South CarolinaMitarbeiter: bis zu 1.300 (geplant)Modelle: Sprinter
Pkw-Werk in SpartanburgBundesstaat: South CarolinaMitarbeiter: 8.000Modelle: X3, X4, X5, X6
Pkw-Werk in ChattanoogaBundestaat: TennesseeMitarbeiter: 2.200Modelle: US-Passat, künftig Midsize-SUV

Fields gab sich auch redlich Mühe, es nicht als Verneigung vor Trump darzustellen – auch wenn es stark danach aussieht. Die Entscheidung, die Produktion des Ford Focus doch nicht von Michigan in das geplante Werk im mexikanischen San Luis Potosí zu verlagern, sei allein den Marktkräften geschuldet. Man sei zu dem Schluss gekommen, dass die Nachfrage zu gering sei, um die Milliardeninvestition zu rechtfertigen. Es habe „keinen Deal“ mit Trump gegeben.

Das mit dem Deal ist sogar glaubhaft, denn es ist fraglich, ob Trump zugestimmt hätte: Ford baut zwar kein neues Werk in Mexiko, die Fertigung des Focus wird aber dennoch aus den USA verlagert. Aber nicht nach Luis Potosí, sondern einfach in das bestehende Werk Hermosillo. Lediglich die Investition in die künftige High-Tech-Schmiede in Flat Rock ist in den USA geblieben.

"Midsize-SUV" – das klingt nach Mittelklasse. In Deutschland wäre das bei Volkswagen ein Tiguan. Der misst in der Länge knapp 4,48 Meter, in der Breite sind es 1,84 Meter. Darüber rangiert der Touareg, bei einem kleineren SUV hat Volkswagen derzeit noch eine Lücke – die Konzerntochter Audi zeigt aber mit den Modellen Q2 und Q3, wie ein solches Kleinwagen-SUV aussehen könnte. Dazwischen liegt eben die Mittelklasse. In den USA wird "Midsize" aber etwas anders ausgelegt, wie der neue Hoffnungsträger von VW zeigt.

Foto: Volkswagen

Denn der hierzulande als Dickschiff angesehene Touareg ist für US-Verhältnisse eher klein. So kommt es, dass das offiziell noch namenslose Midsize-SUV für den US-Markt mit einer Länge von 5,03 Metern den Touareg überragt. Zugleich soll das Auto mit dem Projektcode 416 kaum teurer als ein Tiguan sein – eben genau das, was die amerikanischen Kunden verlangen. Mit dem Konzept zielt VW ins Herz des amerikanischen Massenmarktes und wird so zum Hoffnungsträger des vom Dieselgate gebeutelten Konzerns. Mit dem Angriff auf Platzhirsche wie dem Ford Explorer oder dem Chevrolet Traverse soll der neue Geländewagen VW in den USA aus der Nische führen – derzeit haben die Wolfsburger einen Marktanteil von gerade einmal drei Prozent.

Foto: Volkswagen

Im November soll der Wagen auf der Auto Show in Los Angeles präsentiert werden. Mit dem dicken Tarnpolster will VW das Design noch geheim halten. Es dürfte aber deutlich bulliger – und damit amerikanischer – werden als jenes der Studie "Crossblue", die einen Ausblick auf das siebensitzige SUV gegeben hat.

Foto: Volkswagen

Das Midsize-SUV ist nicht nur wegen der erwartenden Absatzzahlen eines der wichtigsten Modelle bei VW, es leitet auch eine Zeitenwende ein: Galt bislang auch für die VW-Vertreter in Amerika Wolfsburg als Nabel der Welt, ist das bei dem Projekt 416 anders: Zwar kommen Motoren, Getriebe und Plattformen im Kern weiter aus Deutschland, im Detail wird aber künftig mehr auf die lokalen Bedürfnisse eingegangen. Das beginnt bei der Art, wie die Amerikaner ihr Navigationssystem bedienen und ist bei Details wie der Aufnahmevorrichtung für die Anhängerkupplung noch lange nicht vorbei. Negativ-Schlagzeilen wie die zunächst fehlenden Cupholder beim US-Passat will Volkswagen unbedingt verhindern – solche Kleinigkeiten können über Erfolg oder Misserfolg eines Milliarden-Projekts bestimmen.

Foto: Volkswagen

A propos Negativ-Schlagzeilen: Einen Diesel wird es in dem Midsize-SUV nicht geben. Deshalb wird der Wagen erst einmal nur einen 238 PS starken Vierzylinder-Turbo oder einen V6-Sauger mit 3,6 Litern Hubraum und 280 PS angetrieben. Damit das bislang größte Modell auf Basis des konzerneigenen Modularen Querbaukastens auf einen Einstiegspreis von 30.000 Dollar kommt, mussten die Entwickler eine neue Balance zwischen Preis und Premium finden – bislang hat VW als deutsche Marke seine Autos stets etwas teurer verkauft als die einheimische Konkurrenz. Das zieht natürlich Einschnitte bei Qualität und Materialauswahl nach sich – und wohl einer der Gründe, warum das SUV nicht nach Europa exportiert werden wird. Die offizielle Begründung lautet übrigens: "Zu groß".

Foto: Volkswagen

Der Schuss mit dem Midsize-SUV muss sitzen – das ist den VW-Verantwortlichen in den USA und in Wolfsburg klar. Deshalb wird es auch an anderer Stelle eine Neuerung geben: Als erstes Modell nach dem Rabbit wird das Midsize-SUV in Amerika einen eigenständigen Namen bekommen. Der US-Passat, neben dem das SUV im US-Werk Chattanooga vom Band laufen wird, hat einen Namensvetter in Europa – auch wenn sich beide Modelle erheblich unterscheiden. Bleibt abzuwarten, ob VW mit dem Konzept wirklich den Geschmack der US-Kunden trifft – und ob das Design und ein frischer Name wirklich ausreichen. Die Premiere im November wird erste Antworten liefern.

Foto: Volkswagen

Trump ist die boomende Autoproduktion Mexikos ein Dorn im Auge. Das Nachbarland hat in den vergangenen Jahren selbst den vergleichsweise günstigen US-Südstaaten den Rang abgelaufen – Autobauer aus aller Welt haben in den vergangenen zehn Jahren rund 20 Milliarden Euro in den Aufbau neuer Mexiko-Werke investiert. VW ist dort seit Jahren vertreten, Audi hat gerade das Werk für den Q5 eröffnet, Daimler baut noch zusammen mit Nissan und will 2017 fertig sein, BMW erst 2019.

Schutzzölle für Importe aus Mexiko würden also nicht nur GM und Ford, sondern auch die drei deutschen Autobauer treffen. VW aber besonders hart. Denn während Daimler und BMW ihre wichtigen US-Modelle in den Südstaaten fertigen, kommt das derzeit in den USA meistverkaufte VW-Modell, der Mittelklassewagen Jetta, aus dem mexikanischen Puebla. Womöglich kann das Volkswagen mit dem Start des großen US-SUV Atlas aus Tennessee bald kompensieren, schmerzhaft würden die möglichen Einschnitte beim Jetta aber trotzdem.

US-Absatz deutscher Hersteller 2000-2025
Audi: 80.372 Einheiten, Marktanteil 0,5 ProzentBMW: 189.424 Einheiten, Marktanteil 1,1 ProzentMercedes: 205.615 Einheiten, Marktanteil 1,2 ProzentPorsche: 22.926 Einheiten, Marktanteil 0,1 ProzentVolkswagen: 355.479 Einheiten, Marktanteil 2,1 Prozent
Audi: 90.116 Einheiten, Marktanteil 0,5 ProzentBMW: 266.200 Einheiten, Marktanteil 1,6 ProzentMercedes: 224.257 Einheiten, Marktanteil 1,3 ProzentPorsche: 31.934 Einheiten, Marktanteil 0,2 ProzentVolkswagen: 224.195 Einheiten, Marktanteil 1,3 Prozent
Audi: 101.594 Einheiten, Marktanteil 0,9 ProzentBMW: 219.121 Einheiten, Marktanteil 1,9 ProzentMercedes: 224.939 Einheiten, Marktanteil 1,9 ProzentPorsche: 25.322 Einheiten, Marktanteil 0,2 ProzentVolkswagen: 256.831 Einheiten, Marktanteil 2,2 Prozent
Audi: 180.372 Einheiten, Marktanteil 0,5 ProzentBMW: 357.967 Einheiten, Marktanteil 2,1 ProzentMercedes: 381.279 Einheiten, Marktanteil 2,3 ProzentPorsche: 55.457 Einheiten, Marktanteil 0,3 ProzentVolkswagen: 373.756 Einheiten, Marktanteil 2,2 ProzentQuelle: IHS Global
Audi: 242.466 Einheiten, Marktanteil 1,4 ProzentBMW: 372.418 Einheiten, Marktanteil 2,2 ProzentMercedes: 406.387 Einheiten, Marktanteil 2,4 ProzentPorsche: 62.417 Einheiten, Marktanteil 0,4 ProzentVolkswagen: 572.524 Einheiten, Marktanteil 3,4 ProzentQuelle: IHS Global
Audi: 244.833 Einheiten, Marktanteil 1,5 ProzentBMW: 359.314 Einheiten, Marktanteil 2,1 ProzentMercedes: 392.827 Einheiten, Marktanteil 2,3 ProzentPorsche: 51.421 Einheiten, Marktanteil 0,3 ProzentVolkswagen: 603.310 Einheiten, Marktanteil 3,6 ProzentQuelle: IHS Global

Bei VW kommt noch erschwerend hinzu: Die letzten Verhandlungen mit den US-Behörden im Dieselskandal laufen noch. Werden hier nach der Vereidigung Trumps wichtige Beamte ausgetauscht, könnte das den Ablauf erheblich verzögern oder gar VW zum Spielball der protektionistischen Wirtschaftspolitik werden.

Ein weiterer Punkt in Trumps handelspolitischer Agenda könnte aber nicht nur VW und die anderen deutschen Autobauer treffen, sondern die globale Wirtschaft: der mögliche Austritt der USA aus diversen Freihandelszonen.

Denn ohne den zollfreien Handel könnte es mit „America first“ bald vorbei sein: BMW baut etwa fast sämtliche SUV-Modelle in South Carolina. Trotz der SUV-Beliebtheit in den USA geht der überwiegende Teil der Produktion von X3, X4, X5 und X6 (und künftig des X7) in den Export. Mit Handelsbeschränkungen wäre das nicht mehr attraktiv – wenn einige Kilometer weiter das neue Werk in Mexiko lockt.

Ähnliches gilt auch für Ford-Chef Mark Fields. Eine Investition in die Zukunftstechnologien wäre ohnehin notwendig gewesen - egal ob unter Präsident Trump oder Präsidentin Clinton. Der Focus wird dennoch künftig in Mexiko gebaut. Und niemand weiß, wie schnell Fields die fertigen Pläne für ein neues Mexiko-Werk wieder aus der Schublade holen wird. „Es ist ein Vertrauensvotum für den designierten US-Präsidenten“, sagte Fields in Flat Rock.

Ein Vertrauen, das auch Trump irgendwann erfüllen muss. Sonst kommt die Abwanderung womöglich doch noch.

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