VW in den USA: Die schwierige Mission des neuen Nordamerika-Chefs
Hinrich Woebcken soll als neuer Nordamerika-Chef VW in den USA zum Erfolg führen.
Foto: VolkswagenRuhig rollt der Siebensitzer durch den morgendlichen Berufsverkehr von Chattanooga in Tennessee. Schwarze Matten verbergen Front und Heck des neuen Modells. Seine offizielle Weltpremiere erlebt das 5,04 Meter lange Gefährt erst im Oktober in Los Angeles. Ab dann soll die Geländelimousine das auf den amerikanischen Geschmack abgestimmte Zugpferd werden, das Volkswagen seit Jahr und Tag fehlt.
Auf freier Strecke macht Hinrich Woebcken ein paar zackige Lenkbewegungen, steuert nach links, nach rechts, dann wieder nach links. Er nickt zufrieden und biegt schließlich auf den Parkplatz des VW-Werks ein. Der Wagen läuft rund. Wenigstens der.
Ansonsten hat der 56-jährige Bayer wahrlich genug Grund zur Sorge. Seit gut einem halben Jahr steht er an der Spitze des US-Geschäfts von VW – derzeit nicht unbedingt der begehrteste Job der Autobranche. VW hat sich in den USA schon immer schwergetan. Seit US-Behörden vor knapp einem Jahr die Manipulation von Abgaswerten bei Dieselfahrzeugen öffentlich machten, geht es vom ohnehin bescheidenen Niveau scheinbar ungebremst weiter bergab. Politiker schimpfen, Anwälte fordern Milliarden, Kunden kaufen andere Marken. Woebcken soll all das in den Griff bekommen.
In drei Jahrzehnten in der Autobranche ist der Manager ganz schön herumgekommen, er war bei Knorr Bremse, bei Dürr, KrausMaffei und BMW. In der ersten Reihe stand er nie. Das hat sich nun geändert. „Es hat auch Vorteile, in einer schwierigen Lage anzufangen“, sagt Woebcken. „Wenn alles rosarot ist – was kommt dann?“
VW ist in den USA ein Nischenanbieter
Viel schlechter kann es jedenfalls kaum werden. In den Siebzigerjahren verkaufte VW in den USA noch knapp 600.000 Fahrzeuge im Jahr, doch das ist lange her. Seit Jahrzehnten bewegt sich der Autobauer mit zwischen 200.000 und 300.000 verkauften Autos und einem Marktanteil von um die drei Prozent in der Nische.
Mit seiner „Strategie 2018“ wollte Ex-VW-Chef Martin Winterkorn den Absatz binnen weniger Jahre auf 800.000 Fahrzeuge vervierfachen. Das war ohnehin äußerst ambitioniert, doch seit Bekanntwerden des Dieselskandals wäre selbst Stagnation ein Erfolg. Im laufenden Jahr verkaufte VW bisher satte 13 Prozent weniger Fahrzeuge als 2015. Die Aufklärung der Manipulation zieht sich, Strafen und Schadensersatzzahlungen in den USA dürften sich nach aktuellen Schätzungen auf rund 18 Milliarden Euro summieren. Zimperlich geht es dabei nicht zu. So musste sich Woebckens Vorgänger Michael Horn bei einer Anhörung von einem Abgeordneten fragen lassen, was er denn im Gefängnis lesen werde.
"Midsize-SUV" – das klingt nach Mittelklasse. In Deutschland wäre das bei Volkswagen ein Tiguan. Der misst in der Länge knapp 4,48 Meter, in der Breite sind es 1,84 Meter. Darüber rangiert der Touareg, bei einem kleineren SUV hat Volkswagen derzeit noch eine Lücke – die Konzerntochter Audi zeigt aber mit den Modellen Q2 und Q3, wie ein solches Kleinwagen-SUV aussehen könnte. Dazwischen liegt eben die Mittelklasse. In den USA wird "Midsize" aber etwas anders ausgelegt, wie der neue Hoffnungsträger von VW zeigt.
Foto: VolkswagenDenn der hierzulande als Dickschiff angesehene Touareg ist für US-Verhältnisse eher klein. So kommt es, dass das offiziell noch namenslose Midsize-SUV für den US-Markt mit einer Länge von 5,03 Metern den Touareg überragt. Zugleich soll das Auto mit dem Projektcode 416 kaum teurer als ein Tiguan sein – eben genau das, was die amerikanischen Kunden verlangen. Mit dem Konzept zielt VW ins Herz des amerikanischen Massenmarktes und wird so zum Hoffnungsträger des vom Dieselgate gebeutelten Konzerns. Mit dem Angriff auf Platzhirsche wie dem Ford Explorer oder dem Chevrolet Traverse soll der neue Geländewagen VW in den USA aus der Nische führen – derzeit haben die Wolfsburger einen Marktanteil von gerade einmal drei Prozent.
Foto: VolkswagenIm November soll der Wagen auf der Auto Show in Los Angeles präsentiert werden. Mit dem dicken Tarnpolster will VW das Design noch geheim halten. Es dürfte aber deutlich bulliger – und damit amerikanischer – werden als jenes der Studie "Crossblue", die einen Ausblick auf das siebensitzige SUV gegeben hat.
Foto: VolkswagenDas Midsize-SUV ist nicht nur wegen der erwartenden Absatzzahlen eines der wichtigsten Modelle bei VW, es leitet auch eine Zeitenwende ein: Galt bislang auch für die VW-Vertreter in Amerika Wolfsburg als Nabel der Welt, ist das bei dem Projekt 416 anders: Zwar kommen Motoren, Getriebe und Plattformen im Kern weiter aus Deutschland, im Detail wird aber künftig mehr auf die lokalen Bedürfnisse eingegangen. Das beginnt bei der Art, wie die Amerikaner ihr Navigationssystem bedienen und ist bei Details wie der Aufnahmevorrichtung für die Anhängerkupplung noch lange nicht vorbei. Negativ-Schlagzeilen wie die zunächst fehlenden Cupholder beim US-Passat will Volkswagen unbedingt verhindern – solche Kleinigkeiten können über Erfolg oder Misserfolg eines Milliarden-Projekts bestimmen.
Foto: VolkswagenA propos Negativ-Schlagzeilen: Einen Diesel wird es in dem Midsize-SUV nicht geben. Deshalb wird der Wagen erst einmal nur einen 238 PS starken Vierzylinder-Turbo oder einen V6-Sauger mit 3,6 Litern Hubraum und 280 PS angetrieben. Damit das bislang größte Modell auf Basis des konzerneigenen Modularen Querbaukastens auf einen Einstiegspreis von 30.000 Dollar kommt, mussten die Entwickler eine neue Balance zwischen Preis und Premium finden – bislang hat VW als deutsche Marke seine Autos stets etwas teurer verkauft als die einheimische Konkurrenz. Das zieht natürlich Einschnitte bei Qualität und Materialauswahl nach sich – und wohl einer der Gründe, warum das SUV nicht nach Europa exportiert werden wird. Die offizielle Begründung lautet übrigens: "Zu groß".
Foto: VolkswagenDer Schuss mit dem Midsize-SUV muss sitzen – das ist den VW-Verantwortlichen in den USA und in Wolfsburg klar. Deshalb wird es auch an anderer Stelle eine Neuerung geben: Als erstes Modell nach dem Rabbit wird das Midsize-SUV in Amerika einen eigenständigen Namen bekommen. Der US-Passat, neben dem das SUV im US-Werk Chattanooga vom Band laufen wird, hat einen Namensvetter in Europa – auch wenn sich beide Modelle erheblich unterscheiden. Bleibt abzuwarten, ob VW mit dem Konzept wirklich den Geschmack der US-Kunden trifft – und ob das Design und ein frischer Name wirklich ausreichen. Die Premiere im November wird erste Antworten liefern.
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Gegen all die Tristesse setzt der neue US-Chef auf seine offene Art, Verhandlungsgeschick und ein Umdenken in der Konzernzentrale in Wolfsburg. „Man hat früher nicht immer darauf gehört, was die Anforderungen der einzelnen Märkte waren. Das ist jetzt anders“, erklärt er nüchtern.
Ein Indiz für den Sinneswandel sieht er in der Suche nach dem Namen für das neue Vorzeigemodell. Den durften sich die Manager der amerikanischen VW-Tochter tatsächlich selbst ausdenken. Gerüchte besagen, dass das neue Gefährt Atlas heißen wird. Das wäre dann auch eine Abkehr von der bisher gepflegten Taufpraxis, die bei VW-Geländewagen wie Touareg und Tiguan stets ein großes T am Anfang vorsah. Noch nicht viel Autonomie, aber ein Anfang.
Alle Augen sind auf Charles Breyer gerichtet. Mal wieder. Der US-Richter muss entscheiden, ob er der Einigung zwischen Volkswagen und Hunderten Klägern in der Abgas-Affäre zustimmt. Der geplante Kompromiss könnte den Autobauer fast 15 Milliarden Dollar kosten – es wäre der bislang teuerste Vergleich in der Geschichte der Auto-Industrie. Aber wäre der finanzielle Kraftakt für VW auch wirklich ein Befreiungsschlag? Können die Wolfsburger die „Dieselgate“-Krise damit abhaken? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Foto: dpaDer Milliardenvergleich steht – was ist nun noch zu entscheiden?
VW hat sich zwar mit fast allen US-Klägern auf einen Vergleich verständigt, aber US-Richter Breyer muss dem Entwurf noch seinen Segen geben. Er entscheidet, ob mit dem Vergleich dem US-Recht Genüge getan wurde. Wenn ja, gibt er der Einigung seine „vorläufige Zustimmung“ („preliminary approval“). Breyers erklärtes Ziel war von Anfang an eine Lösung, um die manipulierten Dieselwagen in Einklang mit den US-Abgasnormen zu bringen oder von der Straße zu holen.
Foto: dpaKann Richter Breyer VW noch in Bedrängnis bringen?
Theoretisch ja. Er könnte schlichtweg seine Zustimmung verweigern. Damit würde er Volkswagen gehörig in die Parade fahren, denn der Konzern müsste einen neuen Kompromiss mit den Klägern aushandeln – und das war schon im ersten Anlauf schwer genug. Es gilt allerdings als sehr unwahrscheinlich, dass Breyer tatsächlich sein Veto einlegt.
Foto: dpaWas passiert, wenn der Richter dem Vergleichsvorschlag zustimmt?
Dann beginnt eine Frist von 45 Tagen, in der sich die klagenden Kunden in den USA überlegen können, ob sie das Vergleichsangebot annehmen oder allein vor Gericht weiterklagen wollen. Bis zum 16. September müssen sich geschädigte VW-Dieselhalter entscheiden. Je mehr von ihnen sich dem Vergleich anschließen, desto übersichtlicher wird die Situation für VW in den USA.
Foto: dpaWas sind die wichtigsten Punkte des Vergleichs?
VW muss bis zu 14,7 Milliarden Dollar für Wiedergutmachung ausgeben. 4,7 Milliarden Dollar fließen in einen Umweltfonds und die Förderung emissionsfreier Autos. Der weitaus größte Teil aber wird an Kunden gehen, die in den USA einen manipulierten VW oder Audi besitzen. Die reine Entschädigung für Autobesitzer soll zwischen 5100 und knapp 10.000 Dollar pro Fahrzeug liegen. Dabei kommt es auf die Modelltypen an und darauf, wie alt das Auto ist. Zusätzlich muss der Konzern den Kunden anbieten, ihre Fahrzeuge zurückzukaufen oder durch Reparatur in einen gesetzeskonformen Zustand zu bringen.
Foto: dpaZahlt VW dann ab Mittwoch (27. Juli) die Entschädigung an US-Kunden?
Nein. Die Entschädigung soll es frühestens ab Oktober geben. Dann könnte der Vergleich endgültig besiegelt und damit wirksam werden.
Foto: dpaWäre der US-Vergleich der Schlussstrich für VW im Abgas-Skandal?
Nein. Gerade in der vergangenen Woche haben die Generalstaatsanwälte mehrerer US-Bundesstaaten neue Klagen gegen den Konzern eingereicht. Außerdem steht weiterhin eine Einigung für die rund 85.000 Dieselautos in den USA mit größeren Drei-Liter-Motoren aus, die mit verbotener Software ausgestattet sind. Einen Rückrufplan des Konzerns hatten die Behörden Mitte Juli noch krachend abgelehnt. Die Chefin des kalifornischen Umweltamtes, Mary Nichols, äußerte sich jedoch zuletzt in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ optimistisch: „Wir glauben, dass Volkswagen die meisten Autos reparieren kann. Aber wir müssen die Details dazu noch erarbeiten.“
Darüber hinaus laufen wegen möglicher krimineller Vergehen im Zusammenhang mit dem Abgas-Skandal auch noch strafrechtliche Ermittlungen gegen VW. Die vom Konzern beauftragte Kanzlei Jones Day liefert unter anderem Ergebnisse an das US-Justizministerium. Auch das FBI ist in die Ermittlungen eingebunden.
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Für das Hoffnungsträgermodell hat VW 900 Millionen Dollar in den Standort Chattanooga investiert. Bisher läuft hier der nur mäßig erfolgreiche US-Passat vom Band. Für die Produktion des neuen Wagens stockt VW die Zahl der Mitarbeiter von aktuell 2400 auf 3100 auf. Auch die Zahl der eingesetzten Roboter wird verdoppelt, die Produktionsfläche um ein Viertel vergrößert.
Gleichzeitig ist VW dabei, sich in den USA vom Diesel zu verabschieden, Neuentwicklungen gibt es jedenfalls keine mehr. Stattdessen sollen es nun effiziente Benziner, Hybride und insbesondere Elektromodelle richten, die derzeit im Silicon Valley entwickelt werden. In Belmont, südlich von San Francisco, entsteht derzeit ein neues Entwicklungszentrum für Themen wie autonomes Fahren und Elektromobilität.
Angesichts der Offensive scheint Woebcken die existenzbedrohenden Probleme seines Arbeitgebers mitunter fast zu vergessen. „Wir sind in den USA heute eine Nischenmarke, das muss sich schnell ändern“, gibt er sich erstaunlich selbstbewusst und angriffslustig. „Wir haben hier in Amerika eine unglaubliche Historie – das müssen wir für uns nutzen. Da geht es nicht nur um den SUV, sondern auch um den neuen Passat. Der macht einen großen Sprung.“ Leider ist davon bisher wenig bis gar nichts zu sehen. Das aktuelle US-Modell erblickte das Licht der Welt ausgerechnet parallel zum Dieselskandal, entsprechend holprig ist der Start ausgefallen. In Chattanooga ist jedenfalls viel Platz für Wachstum. Statt 140.000 Fahrzeuge rollten hier zuletzt nur 100.000 Wagen vom Band. Dabei wären Kapazitäten für 250.000 Fahrzeuge verfügbar.
Einen der in den USA so beliebten Pick-up-Trucks wird es von VW wohl erst mal nicht geben. Dabei sind Modelle wie Ford F-150, Chevrolet Silverado und Dodge Ram derzeit besonders angesagt. Um hier mit einzusteigen, fehlt VW jedoch die passende Plattform. Den dafür erforderlichen leiterartigen Rahmen gibt es aktuell nur beim Amarok, der in Argentinien und Hannover vom Band läuft. Er ist für die Amerikaner deutlich zu klein, viel zu teuer und zudem nicht nach den Erfordernissen des lokalen Marktes entwickelt. Eine kurzfristige Lösung scheint nicht in Sicht.
Die Zahl der Händlerbetriebe will Woebcken nicht nennenswert vergrößern. Bei der verkauften Stückzahl pro Händler hinkt der Konzern der Konkurrenz auch unabhängig vom Dieselskandal hinterher. Um aufzuholen, will Woebcken ab jetzt mindestens einmal pro Jahr wichtige Produktneuheiten präsentieren. Dadurch, so glaubt der VW-Mann, kann der Konzern in Nordamerika in absehbarer Zeit zu einem ernsthaften Konkurrenten von Chevrolet, Honda und Toyota werden.
Ein fester Glaube kann in seinem Job ganz sicher nicht schaden.