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App Yunar Das Digitalexperiment der Deutschen Bank

Exklusiv
Deutsche Bank: Revolution per App? Quelle: dpa

Mit der App Yunar verfolgt das Institut revolutionäre Ansprüche. Mit ihr will sie zeigen, wie Banking in Zukunft läuft - und sich fit machen für den Wettbewerb mit Google, Apple und Co.

Vor 149 Jahren gründete eine Reihe prominenter Privatbankiers in Berlin die Deutsche Bank. Die ersten Geschäftsräume bezog das Institut in der Französischen Straße 21. Die Fotos aus dieser Zeit zeigen ernste Männer mit stattlichen Bäuchen, goldenen Uhrketten und strenger Kleidung. Nur wenige Schritte von diesem historischen Ort entfernt hat vor wenigen Wochen ein wichtiges Zukunftsprojekt der seit Jahren kriselnden Bank ein provisorisches Quartier bezogen. Mit dem Bankgeschäft von einst hat dieses jedoch wenig zu tun.

Ende 2018 hatte die Bank bereits eine App namens „Yunar“ vorgestellt, seit Ende Januar ist sie offiziell am Markt. Mit ihr können Nutzer Treu- und Bonuskarten wie Payback, Deutschlandcard und BahnBonus digital verwalten. Dazu fotografieren sie die Karten mit dem Smartphone und nutzen dieses dann anschließend beim Einkauf an der Kasse oder der Buchung im Internet.

Das klingt einfach – und ist es auch. Der Anspruch dahinter ist jedoch revolutionär. „Bei Yunar geht es nicht darum, unser bisheriges Kerngeschäft zu digitalisieren, sondern um die Frage, wie Banking in einer digitalen Welt funktioniert“, sagt Markus Pertlwieser, Leiter des Bereichs „Digital Ventures“ im Privatkundengeschäft der Bank. Traditionelle Banken bekommen es dort mit ganz neuen Wettbewerben zu tun. Zu denen zählen nicht nur hippe Internetbanken wie N26 und Zahlungsdienste wie Paypal, sondern auch Digitalgiganten wie Google und Apple.

Um mit denen mithalten zu können, bekommt Yunar eine Art Sonderstatus. „Wir geben dem Angebot so viel Handlungsfreiheit wie möglich, deshalb haben wir ein eigenes Tochterunternehmen mit eigener Marke, neuer Technologie und separatem Management-Team gegründet“, sagt Pertlwieser. Yunar wurde zwar in der Digitalfabrik der Bank im Frankfurter Stadtteil Sossenheim entwickelt, zieht nun aber nach Berlin, weil das notwendige Personal dort leichter zu gewinnen ist. Glaubwürdigkeit sollen dem Unterfangen auch zwei prominente Vertreter der deutschen Digitalwirtschaft verleihen, die die Deutsche Bank für das Projekt angeworben hat. Reiner Kraft ist Experte für Themen wie Künstliche Intelligenz und war zuletzt Forschungschef beim Online-Versender Zalando, Caren Genthner-Kappesz war zuletzt Chefin des Online-Kosmetikversands Glossybox.

Da sie seit 15 Jahren ausschließlich für digitale Unternehmen arbeitet, hatte sie zunächst zahlreiche Fragen, als ausgerechnet die Deutsche Bank auf sie zukam. Dann aber habe sie die Entschlossenheit überzeugt, mit der der Aufbau von Yunar als eigenständiges digitales Business betrieben werde. „Ich bin überzeugt, dass sich die Arbeitsweise nicht grundlegend von meinen bisherigen Aufgaben unterscheiden wird“, sagt sie. Zumindest redet sie weiter so, wie es sich für Start-up-Manager gehört, etwa dann, wenn sie davon spricht, „den Muskel aufzubauen, den wir später kraftvoll einsetzen wollen.“

Wie bei den meisten Digitalunternehmen liegt der Fokus erst mal auf Wachstum. Vorgaben für das Ergebnis gibt es nicht. „Es geht vor allem darum, die Nutzerzahl zu steigern und das Angebot kontinuierlich weiter zu entwickeln“, sagt Genthner-Kappesz.

Kunden sollen die App aber nicht nur installieren, sondern auch wirklich nutzen. Schließlich lautet der Anspruch, nah ans tägliche Leben der Kunden zu rücken. Mit dem Start ist die Managerin erst mal zufrieden. In den ersten drei Wochen habe eine „gut fünfstellige Zahl“ von Kunden die App geladen, täglich käme eine vierstellige Zahl hinzu. Mittelfristig soll das Angebot auch ins Ausland expandieren.

Da der Zugang kostenlos ist und auch bleiben soll, verdient Yunar erst mal kaum Geld. Mittelfristig soll sich das natürlich ändern. Die bevorzugte Option ist es, Yunar zur „digitalen Geldbörse“, zur Plattform für alle Finanzgeschäfte des Alltags zu entwickeln. Naheliegend scheint eine Verbindung zum traditionellen Geschäft, etwa über Zahlungs- und Kontofunktionen. Dabei kommt eine nahezu vergessene Tochter der Bank ins Spiel. Die Norisbank war einst als flächendeckender Discount-Anbieter geplant, machte jedoch 2012 alle Filialen zu und ist seitdem nur noch als Digitalbank mit spartanischem Angebot unterwegs. Dass das Bonner Institut mittlerweile zu den Zukunftshoffnungen der Bank zählt, zeigt sich schon daran, dass es seit kurzem auch zum „Digital-Ventures“-Segment gehört.

Mit einer Kombination aus Yunar und Norisbank wäre es der Bank möglich, zukünftig mit hippen Fintechs zu konkurrieren, die bereits deutlich mehr Kunden haben. Genthner-Kappesz ist es wichtig, dass dieser Weg nicht vorgezeichnet ist. Yunar ließe sich auch über Partnerschaften und werbeähnliche Formate monetarisieren, sagt sie. Alles kann, nichts muss – so soll die Botschaft lauten. Für die Deutsche Bank ist sie sehr ungewöhnlich.

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