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MunichRe und AllianzKlimawandel als Faktor X

Rück und Erstversicherer erhöhen die Prämien. Doch wieviel davon ist eigentlich dem Klimawandel geschuldet und was ist schlicht Inflation?Philipp Mattheis 26.10.2024 - 15:44 Uhr

Wie der Klimawandel Katastrophen wie Waldbrände begünstigt: Bäume und Sträucher stehen in einem Feld im Amazonas-Regenwald in Flammen.

Foto: Andre Penner/AP/dpa

Die Inflation ist ein Biest, das die letzten beißt. Dies dürften Versicherungskunden zum kommenden Jahr wieder zu spüren bekommen. Denn, darin sind sich Rück- und Erstversicherer weitgehend einig: Die Beiträge müssen steigen.

Am vergangenen Montag forderte Clarisse Kopff, Vorständin des weltweit größten Rückversicherers MunichRe, „adäquate“, sprich „höhere“ Preise zu verlangen. „Häufigkeit und Schwere von Unwettern“ hätten zugenommen, sagte Kopff beim alljährlichen Branchentreffen in Baden-Baden. „Daher ist es wichtig, dass Erstversicherer ihren Kunden ein angemessenes Preissignal für die Risiken senden, die sie insbesondere in den Gegenden eingehen, die verstärkt Naturgefahren ausgesetzt sind.“ Gemeint sind damit Erstversicherer wie Allianz und Axa, die ihren Kunden zum Beispiel Gebäudeversicherungen anbieten. 

An dieser alljährlichen Anpassungsrunde ist zunächst nichts ungewöhnlich. „Darum geht es immer wieder in der Branche“, sagt Stephan Weyl, Senior Portfolio Manager von Union Investment. „In der Wertschöpfungskette ist der Preis Rückversicherungen zu Erstversicherungen weitgehend adäquat. Nun gilt es die Beiträge auch für den Endkunden anzupassen.“

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Und auch sonst erscheint diese Argumentation völlig logisch: Wo der Klimawandel mehr Schäden anrichtet, steigen auch die Schadenssummen der Versicherer, ergo müssen diese die Beiträge erhöhen. Der Branchenverband GDV rechnet für das Jahr 2024 mit Schäden durch Naturkatastrophen in Deutschland von mindestens sieben Milliarden Euro. Und allein im ersten Halbjahr 2024 liegen die Schäden schon bei 3,9 Milliarden Euro.

Wo mehr steht, kann auch mehr kaputt gehen

Nur wenn man genauer nachfragt, entwickelt dieses Narrativ eine Unschärfe. Schließlich treibt nicht nur die Inflation die Summe der Schäden in die Höhe. Die Wirtschaft wird auch fraglicher. Deutlich wird dies, wer einmal in Metropolen in Schwellenländern war. Aber auch eine europäische Megacity wie Istanbul hatte in den 1980ern noch zwei Millionen Einwohner. Heute sind es mehr als 16 Millionen. Ergo: Wo mehr steht, kann auch mehr kaputtgehen. Das gilt selbst in Deutschland, wo Kommunen ihre Kassen auffüllen, wenn sie exponierte Ufergrundstücke als Bauland ausweisen.

Das bestätigt auch Claudia Strametz, Leiterin des deutschen Rückversicherungsmarkts bei der Munich Re: „Allein im ersten Halbjahr lagen die versicherten Schäden bei 61 Milliarden US-Dollar – die Hurrikane des Herbsts sind da noch nicht miteingerechnet. Der 10-Jahres-Durchschnitt liegt bei 37 Milliarden.“ Dass die Schäden so gewachsen sind, hat drei Gründe. „Der Einfluss des Klimawandels macht sich immer klarer bemerkbar. Das sehen wir zum Beispiel bei der Flutgefahr auch in Europa, wo die Intensität und die Häufigkeit von Starkregen-Ereignissen zunehmen. Zudem führt die Inflation dazu, dass die Schadenssumme wächst. Drittens steigt die Schadensanfälligkeit – etwa durch mehr Solarzellen auf Dächern.“

Komplexer Preiserhöhungscocktail

Interessant wäre nun, die jeweiligen Anteile zu quantifizieren. Wenn die Rückversicherer ihre Prämien erhöhen, ist wie viel davon Inflation und wie viel davon tatsächlich gehäufte Extremwetterereignisse? Zumindest der Faktor Inflation ist ja ein transparenter: 2022 und 2023 stiegen die Preise in Deutschland um 6,1 und 6,9 Prozent.



„Die Prämien bei Naturkatastrophen sind zu einem großen Teil auch von der Inflation getrieben“, sagt Weyl. „Allerdings versichern Rückversicherer auch immer wieder, dass auch die Häufigkeit und Schwere der Wettereignisse zugenommen hätten.“

Konsens ist: Die Prämien müssen steigen

Nur die Zusammensetzung dieses Preiserhöhungscocktails kennt niemand – auch nicht die mit mathematischer Finesse und Brillanz ausgestatteten Versicherer.

„Wie genau sich diese drei Faktoren auf die Prämien auswirken, lässt sich nicht generell quantifizieren, denn sie sind je nach Naturgefahr, Region und gedecktem Portfolio unterschiedlich. Wir betrachten in der Vertragserneuerung immer einzelne Rückversicherungsbeziehungen mit individuellen Risiken und Absicherungen“, sagt Strametz.

Ähnlich äußert sich auch Matthias Trüstedt, der bei der Allianz als Head of Global Property & Casualty für das Sachversicherungsgeschäft verantwortlich ist. „Wieviel Anteil Extremwetter an den wachsenden Schadenkosten am Ende drinsteckt, lässt sich kaum ermitteln.“ Man sei sich nur einig, dass diese in Zukunft zunehmen werden. Die Versicherungen plädieren deshalb für mehr Prävention. Die liege in den Händen von Staat, Kommunen und Privatpersonen. „In Singapur beispielsweise gibt es Abwasserkanäle, die starke Regenfluten schnell ableiten können“, so Trüstedt.

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Der Klimawandel, sprich also die tatsächliche Häufung von Extremwettereignissen, bleibt also ein Faktor X in der Berechnung der Prämiensteigerung. Bei genauerem Nachfragen stellt sich trotzdem manchmal heraus, dass zwar die Schäden zugenommen haben, nicht aber die Häufigkeit der Wettereignisse – so zum Beispiel im Fall der Hurrikane in den USA

Da die Schadenssummen aber allein schon durch Inflation und fragilere Strukturen steigen, gehen die Prämien nach oben. Der Gipfel der Inflation scheint in Deutschland bereits überschritten: 2024 sind die Preise in Deutschland wesentlich weniger stark gestiegen als in den beiden Vorjahren. Zeitverzögert aber kommen die Effekte bei Endkunden von Versicherern erst im kommenden Jahr an. Wie hoch die Prämien steigen werden, hängt vom Einzelfall ab – auf jeden Fall dürften sie über der Inflation liegen. Klimawandel als nicht quantifizierbarer Faktor X kann da gelegen sein, um Prämienerhöhungen darüber hinaus zu rechtfertigen.

Zumindest aus Investorensicht sind Rück- und Erstversicherer ein solider Fall: „Die Aktie der Allianz ist wesentlich stabiler, als der durchschnittliche Investor denkt“, sagt Stephan Weyl, Senior Portfolio Manager von der Union Investment. „Das Wachstum liegt bei soliden sechs, sieben Prozent – und das trotz einiger „Worst-Case-Ereignisse“ wie Corona, Krieg in der Ukraine und dem Zusammenbruch der Credit Suisse Bank.“ Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis sei vergleichsweise niedrig.

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