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Viel Restrukturierungserfahrung Hans-Jörg Vetter leitet künftig Commerzbank-Aufsichtsrat

Hans-Jörg Vetter, damaliger Vorstandsvorsitzender der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), soll nun die CoBa aus der Krise führen. Quelle: dpa

Noch am Sonntag machte Cerberus massiv Stimmung gegen Hans-Jörg Vetter. Trotzdem wurde der frühere LBBW-Chef zum neuen Commerzbank-Aufsichtsratschef gewählt – eine empfindliche Schlappe für den aktivistischen Investor.

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Der frühere Vorstandschef der Landesbank Baden-Württemberg, Hans-Jörg Vetter, wird künftig den Aufsichtsrat der Commerzbank leiten. Nachdem zunächst der Präsidial- und Nominierungsausschuss dem Aufsichtsrat empfohlen hatte, dem zuständigen Gericht die Bestellung von Vetter als neues Aufsichtsratsmitglied vorzuschlagen, wählte das Kontrollgremium den 67-Jährigen am Montag zu seinem Vorsitzenden.

Bei der Commerzbank war Anfang Juli ein Führungsvakuum entstanden, da Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann und Konzernchef Martin Zielke nach Kritik von Investoren ihren Rücktritt angekündigt hatten. Der Finanzinvestor Cerberus hatte öffentlich harsche Kritik an ihnen geübt. Doch auch mit Vetter war man nicht einverstanden: Cerberus hatte erst Sonntag kräftig Stimmung gegen Vetter gemacht, um seine Wahl zu verhindern. „Wir haben ernsthafte Zweifel, dass Hans-Jörg Vetter die richtige Person für diese Aufgabe ist und über die richtige Erfahrung hierfür verfügt“, schrieb der Finanzinvestor am Sonntag in einem Brief an die Commerzbank-Aufsichtsräte.

Man habe vielmehr „zwei Kandidaten identifiziert, die die notwendigen Qualifikationen haben, um die Rolle des Vorsitzenden zu besetzen und die aller Vermutung nach auch das Vertrauen aller wichtigen Interessengruppen genießen würden“, schrieb der Commerzbank-Großaktionär. Namen der vermeintlich besseren Alternativen nannte Cerberus in dem Brief allerdings nicht. Nach der empfindlichen Niederlage war von dem Finanzinvestor zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Vetter war von 2009 bis 2016 Chef der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und schon einmal im Gespräch für die Aufsichtsratsspitze der Commerzbank. 2016 fiel die Wahl aber auf Schmittmann, der am Montag abtrat. Vetter hat viel Restrukturierungserfahrung bei der LBBW gesammelt, die in der Finanzkrise ab 2007 in Schieflage geraten war. Zudem sanierte er die frühere Bankgesellschaft Berlin, die sich mit Immobilienengagements verhoben hatte. Investor Cerberus hatte kritisiert, dass der 67-Jährige bisher noch keine börsennotierte Bank geleitet hat.

Oberste Aufgabe des neuen Aufsichtsratschefs Vetter und seiner Kollegen wird die Suche nach einem Nachfolger für Vorstandschef Zielke sein, der Ende des Jahres die Commerzbank verlässt. Den Vertrag mit Zielke wird die Bank spätestens zum 31. Dezember 2020 vorzeitig auflösen.

Die Führungskrise trifft die Commerzbank mitten in der Debatte um eine neue Strategie. Auf dem Tisch liegen nun dem Vernehmen nach Pläne, Stellenabbau und Filialschließungen deutlich zu verschärfen, um den MDax-Konzern profitabler zu machen. Der Bund hatte die Commerzbank in der Finanzkrise vor gut einem Jahrzehnt vor dem Aus gerettet und ist mit 15,6 Prozent weiterhin größter Aktionär der Commerzbank, vor Cerberus mit gut fünf Prozent. Die Bundesregierung hat daher ein großes Interesse daran, das Führungsvakuum bei dem Geldhaus zügig zu beenden. „Als größter Anteilseigner begrüßt es der Bund, dass in Herrn Vetter ein ausgewiesener Bankexperte mit großer Transformationserfahrung gefunden wurde“, hieß es am Montagabend aus Regierungskreisen.

Commerzbank-Anleger reagierten erleichtert auf die Nachricht von Vetters Wahl. Die Aktie legte um 2,4 Prozent auf 4,45 Euro zu. Damit ist das Papier aber immer noch weit von früheren Kursen entfernt. Seit dem Einstieg des aktivistischen Investors Cerberus im Sommer 2017 sackte die Commerzbank-Aktie rund 60 Prozent ab. Angesichts der schlechten Kursentwicklung hatte Cerberus im Juni eine öffentliche Kampagne gegen die Commerzbank-Führungsspitze gestartet, die im Abtritt von Zielke und Schmittmann gipfelte.

Im ersten Quartal dieses Jahres rutschte das Geldhaus wegen der Coronakrise auch noch in die roten Zahlen. Das Ziel eines Gewinns im laufenden Jahr sei „sehr ambitioniert“, erklärte die Bank schon im Mai, und jetzt zeichnen sich auch noch Belastungen aus der Wirecard-Pleite ab. Einen 200 Millionen Euro schweren Kredit an den insolventen Zahlungsanbieter muss das Geldhaus wohl abschreiben. Analysten erwarten sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr einen Verlust.

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Der neue Aufsichtsratschef der Commerzbank muss jetzt dringend alle Optionen prüfen. Auch einen Verkauf der Bank, fordert unsere Autorin Saskia Littmann in einem Kommentar.

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