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Air BerlinKonkurrent Germania will Staatshilfe stoppen

Die Bundesregierung unterstützt Air Berlin mit einem Überbrückungskredit über 150 Millionen Euro. Dem Konkurrenten Germania passt das jedoch nicht. Das Unternehmen klagt im Eilverfahren gegen den Kredit. 29.08.2017 - 15:45 Uhr aktualisiert

Nach dem Insolvenzantrag von Air Berlin zeichnet sich ab, dass die Fluggesellschaft von mehreren Konkurrenten übernommen wird. Ganz vorn dabei ist der deutsche Marktführer Lufthansa. Die Verhandlungen laufen seit Freitag. Zu den Akteuren gehört ein Leiter des Insolvenzverfahrens und indirekt auch die Bundesregierung. Ein Überblick.

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Lufthansa
Der umsatzstärkste Luftverkehrskonzern Europas treibt die Übernahme der Air Berlin bereits seit Monaten in Gesprächen mit der Politik und dem Großaktionär Etihad voran. Ein erster Erfolg war die im Januar genehmigte Anmietung und faktische Übernahme von 38 Mittelstrecken-Maschinen, rund ein Viertel der Air-Berlin-Flotte. Lufthansa-Chef Carsten Spohr will nun mindestens ein weiteres Viertel für seine Billigflieger-Gruppe Eurowings sichern, die zusätzliche Maschinen und Slots für die Mittel- und die Langstrecke sucht. Für sein Ziel, den Billigflieger Ryanair von den größeren deutschen Flughäfen so weit es geht fernzuhalten, muss Spohr aus Wettbewerbsgründen größere Marktanteile anderer Anbieter wie der Easyjet in Kauf nehmen.

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Andere Interessenten
Außer der Lufthansa sind nach Angaben von Air Berlin noch zwei weitere Interessenten im Geschäft. Nach dpa-Informationen sind Gespräche mit Easyjet und Tuifly geplant. Der Reiseveranstalter Thomas Cook mit seiner Ferienflugtochter Condor bekundete Interesse an einer „aktiven Beteiligung an der Zukunft von Air Berlin“. Ein Teil der Thomas-Cook-Feriengäste kommt mit Air Berlin ans Ziel.

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Etihad
Der Staatskonzern aus Abu Dhabi ist seit 2012 Großaktionär von Air Berlin mit einem Anteil von 29,2 Prozent. Wenige Tage, nachdem Etihad die Unterstützung entzogen hatte, sah sich Air Berlin zur Insolvenzanmeldung gezwungen. Ein Großteil der Schulden von Air Berlin in Höhe von 1,5 Milliarden Euro dürfte am Partner hängenblieben, der mehrere Kredite gegeben hat. Etihad wehrt sich gegen den Eindruck, Air Berlin im Stich gelassen zu haben. Das Unternehmen habe im April nochmals 250 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Angesichts der „sich rapide verschlechternden Geschäftsergebnisse und Liquidität“ wollte Etihad aber nicht noch mehr Geld in Air Berlin pumpen.

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Ryanair
Der Passagier-Europameister Ryanair hat bereits mehr als 300 Flugzeuge und bekommt grob gesagt jedes Jahr 50 neue hinzu, für die in ganz Europa Punkt-zu-Punkt-Strecken gesucht werden. Derzeit gilt das größte Interesse der Iren Deutschland und Italien, wo mit Alitalia und Air Berlin jeweils eine verkehrsreiche Airline in die Insolvenz gegangen ist. Deren Verbindungen würde Ryanair-Chef Michael O'Leary liebend gern übernehmen, die Flugzeuge und teils teuren Crews eher nicht. In Italien gehört Ryanair zum Bieterkreis für das Alitalia-Erbe, in Deutschland fühlen sich die Iren durch den Lufthansa-Deal ausgebootet und haben kartellrechtliche Schritte angekündigt. In der politischen Auseinandersetzung macht ihnen ihr schlechtes Sozial-Image als Arbeitgeber zu schaffen.

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Insolvenzexperten
Gleich zwei Top-Sanierungsexperten des Landes sind in die Rettungsbemühungen involviert. Der Düsseldorfer Jurist Frank Kebekus (rechts) sitzt als Generalbevollmächtigter an der Seite von Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann im Cockpit. Sein Credo: So viel „business as usual“ hinbekommen. Das Duo Kebekus/Winkelmann leitet die Verkaufsverhandlungen.

Der zweite Insolvenzexperte, Lucas Flöther, überwacht als vorläufiger Sachwalter im Auftrag der Gläubiger alle Vorgänge. Beide Rechtsanwälte kennen einander seit Jahren vom Gravenbrucher Kreis. In diesem Verband sind die 30 führenden Insolvenzverwalter organisiert.

Kebekus war zuletzt unter anderem als Insolvenzverwalter beim Modekonzern Steilmann gefragt. Flöther wurde bereits zwei Mal mit der Rettung des Fahrradherstellers Mifa betraut und beschäftigte sich mit der Pleite des Leipziger Internetunternehmens Unister.

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Bundesregierung
Die Bundesregierung hat es durch schnelles Handeln ermöglicht, dass über die Zukunft Air Berlins in halbwegs geordneten Bahnen geredet werden kann. Ohne den Brückenkredit von 150 Millionen Euro hätte die Fluggesellschaft sofort den Betrieb einstellen müssen, Zehntausende Passagiere wären an ausländischen Flughäfen gestrandet. Nun hält es Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) für dringend geboten, dass Lufthansa wesentliche Teile der insolventen Airline übernimmt. Allerdings sitzt die Regierung nach eigenen Angaben nicht mit am Verhandlungstisch.

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Die Wettbewerbsbehörden
Das Bundeskartellamt und vor allem die EU-Kartellwächter werden überprüfen müssen, ob durch die Übernahme von Air Berlin nicht eine beherrschende Stellung in Teilbereichen des Luftverkehrsmarktes besteht. Das könnte auf einigen europäischen Strecken so sein, wenn sie Lufthansa zufallen. Ryanair hat bereits bei beiden Behörden Beschwerde eingelegt. Die Insolvenz sei künstlich herbeigeführt worden, es gebe ein „Komplott“ von deutscher Regierung, Lufthansa und Air Berlin gegen die Konkurrenz.

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Die Fluggesellschaft Germania geht juristisch gegen die geplante Staatshilfe für Air Berlin vor. Die Bundesregierung hatte der Air Berlin 150 Millionen Euro als Überbrückungskredit zugesagt, damit der Flugbetrieb der insolventen Airline weitergehen kann. Germania will dies per Eilverfahren verhindern, solange die EU-Kommission die Hilfe nicht genehmigt. Wie das Gericht am Dienstag mitteilte, wirft Germania dem Bund vor, die Lufthansa einseitig zu bevorzugen und so deren marktbeherrschende Stellung zu verstärken. Über den Germania-Antrag soll am 15. September verhandelt werden.

Die EU-Kommission hat sich erneut zuversichtlich geäußert, den staatlichen Kredit für die insolvente Air Berlin genehmigen zu können. Man befinde sich in einem konstruktiven Kontakt zur Bundesregierung, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde am Dienstag. "Wir sind zuversichtlich, dass Lösungen innerhalb des Rahmens der EU-Gesetze gefunden werden können." Ähnliches hatte die EU-Kommission bereits vor zwei Wochen mitgeteilt. Zu einem möglichen Zeitpunkt, wann die Genehmigung erteilt wird, äußerte sie sich nicht.

Für den gleichen Zeitraum wird auch eine Entscheidung über den oder die Käufer angepeilt für die insolvente Fluglinie angepeilt. Interessenten können ihre Angebote bis zum 15. September abgeben, so das Unternehmen. „Air Berlin wird den Investorenprozess zügig abschließen“, sagte ein Sprecher am Dienstag.

Er widersprach jedoch Informationen aus dem Umfeld des Gläubigerausschusses, wonach die Bieterfrist schon am 13. September ende und das Gremium zwei Tage später bereits erste Entscheidungen treffen könne. Eine Gläubigerversammlung werde es zu einem späteren Zeitpunkt geben, sagte der Sprecher.

Die Zeitungen "Bild" und "B.Z." berichteten, dass nach Erwartung von Verhandlungskreisen den Gläubigervertretern bereits am 15. September entscheidungsreife Kaufangebote vorlägen. Ein dritter Insider gab allerdings zu bedenken, der Terminplan sei "extrem stramm" und es könne zu Verschiebungen kommen. "In Anbetracht der stetig wachsenden Liste von Kaufinteressenten kann das Ganze länger dauern", erklärte ein weiterer Branchenkenner.

Die Chronik von Air Berlin
Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.
1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.
Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.
Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.
Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.
Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.
Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.
Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.
Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.
Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.
Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.
Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.
Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.
Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.
Fast 40 Jahre nach dem Start der ersten Air-Berlin-Maschine in Berlin-Tegel landet am 27. Oktober 2017 um 23.45 Uhr der letzte Air-Berlin-Flieger dort. Die Zukunft der Angestellten und vieler Unternehmensteile ist zu diesem Zeitpunkt noch ungewiss.

Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hatte vergangene Woche erklärt, bis Ende September eine Lösung anzustreben. Die Verhandlungen laufen unter Hochdruck, da sich Air Berlin vor allem nur dank eines staatlichen Überbrückungskredits von 150 Millionen Euro in der Luft halten kann.

Sechs Interessenten für Air Berlin

Derzeit bieten nach Informationen aus Unternehmens- und Branchenkreisen sechs Airlines und Luftfahrtunternehmer für Air Berlin:

  • Die Lufthansa will demnach den größten Teil mit bis zu 90 der 140 Maschinen von Air Berlin samt Crews einschließlich des Ferienfliegers Niki übernehmen.
  • Der britische Billigfluganbieter EasyJet soll nach Medienberichten für bis zu 40 Flugzeuge bieten.
  • Die Thomas-Cook-Tochter Condor ist an einer zweistelligen Zahl von Maschinen interessiert.
  • Ryanair ist auch interessiert, vor allem an mehreren Routen.
  • Der Nürnberger Fluganbieter Hans Rudolf Wöhrl hat sich selbst ins Spiel gebracht, wurde von Winkelmann aber als PR-Gag abgekanzelt.
  • Niki-Gründer und -Namensgeber Niki Lauda sagte mehreren Zeitungen, er sei am Rückkauf von Niki interessiert.

Poker um Air Berlin

Michael Müller kritisiert Ryanair scharf

Die Fäden laufen zusammen bei Sachwalter Lucas Flöther und dem Generalbevollmächtigten von Air Berlin, Frank Kebekus. Für Dienstag hat Lauda einen Gesprächstermin bei ihnen ausgemacht, wie er der österreichischen Zeitung "Kurier" sagte. Bevor er über ein Gebot entscheidet, will Lauda Einblick in die Bücher von Niki nehmen. Er kritisierte, bei einem erfolgreichen Kauf durch die Lufthansa hätte die deutsche Airline einen viel zu hohen Marktanteil von 90 Prozent in Österreich und 80 Prozent in Deutschland.

Am Mittwoch ist Wöhrl bei Flöther angemeldet, bestätigte dessen Verwaltungsgesellschaft Intro. An diesem Tag soll auch O'Leary eine Pressekonferenz in Berlin abhalten. Bisher hat der Ryanair-Chef Insidern zufolge aber noch keinen Termin bei Air Berlin ausgemacht. Er hatte sich beschwert, bisher dazu noch nicht eingeladen worden zu sein.

Nicht nicht ganz klar ist aber, woran O'Leary genau interessiert ist. In der vergangenen Woche hatte er erklärt, eine komplette Übernahme von Air Berlin in Betracht zu ziehen. Nach den Worten von Marketingchef Kenny Jacobs ist Ryanair jetzt doch nur an Teilen interessiert."Wir interessieren uns für einige Vermögenswerte von Air Berlin, hauptsächlich die Routen, die wir betreiben könnten", sagte Jacobs am Dienstag in Dublin.

Über die sechs hinaus soll es noch weitere Interessenten geben, wie einer der Insider weiter erklärte.

Wöhrl zu Air Berlin

"Einer marktwirtschaftlich ausgerichteten und demokratischen Nation unwürdig"

dpa, rtr, ses
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