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Deutsche Bahn„Reservierung Royal“ im ICE: Digitale Brillanz und neuer Murks direkt an Ihrem Sitzplatz

Achtung, hier kommt Lob für die Deutsche Bahn! Für die „Belegt bis“-Anzeige. So schade allerdings, dass die DB einen digitalen Weg gefunden hat, entzückte Kunden direkt wieder zu düpieren. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Marcus Werner 27.05.2025 - 11:15 Uhr
Zugverkehr in Frankfurt am Main, ICE vor der Skyline von Mainhattan. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Kommen Sie, geben wir es zu: Der ICE ist ein toller Zug. Allein die weiße Lackierung. Typisch pragmatisch für uns Deutsche wäre doch gewesen zu sagen: „Lackiert das Ding in Dreckfarben, dann müssen wir die Züge nicht so oft waschen. Schickimicki können die Franzosen mit ihrem TGV machen.“

Nein nein.

Und wenn die engagierten DB-Fachleute sich digital austoben dürfen, dann kommt sogar etwas Gutes dabei heraus. (Spoiler: Aber auch DB-Flops. Dazu kommen wir später noch.)

Nutzen Sie die neue Reservierung Royal: die Belegt-Anzeige

Die Bahn selber nennt die relativ neue Belegt-Funktion das digitale Handtuch, das Sie jetzt sozusagen virtuell auf Ihren Sitz legen können. Das finde ich PR-mäßig nicht so clever, denn Liegen am Pool zu reservieren, um dann stundenlang essen zu gehen, gilt als die Mutter aller Spießigkeit.

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Doch genau das ist seit einigen Monaten im ICE offiziell erlaubt. Und sogar erwünscht. Das Ganze geht nur dank Digitalisierung. Ich nenne es die Reservierung Royal. Denn:

Bislang war es ja so: Wer seinen reservierten Platz nicht innerhalb der berühmten 15 Minuten nach Start seiner Reise eingenommen hatte, musste damit rechnen, dass die Reservierungsanzeige (die mit dem persönlichen Start- und Zielbahnhof) erlischt und jemand anders seinen müden Hintern auf das Polster sacken lässt. „Das ist mein Platz“ – dieser Spruch kam dann schlicht zu spät und nur Schwangere, Einbeinige oder Typen mit Schlägervisage hatten dann noch eine Chance, den vergangenen Platz erfolgreich einzufordern.

Diese Regelung war unvermeidlich, denn schließlich kann jederzeit jeder von uns beliebig viele Sitzplätze in Zügen der Deutschen Bahn von zuhause aus reservieren. Auch ohne Fahrkarte. Die Sitzplätze können daher nicht alle durchgängig freigehalten werden. Denn womöglich ist der Platzkarteninhaber am Ende gar nicht an Bord.

Und jetzt kommt’s: Dieser Nachweis „ich bin an Bord“ ist jetzt möglich. Sobald Sie den Zug wirklich betreten haben (und nicht mit einer altertümlichen Fahrtkarte aus Papier reisen, sondern mit einem digitalen Ticket), können Sie sich seit einigen Jahren über den DB-Navigator selber auf Ihrem soeben eingenommenen Sitzplatz einchecken.

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In diesem Moment gilt Ihr Ticket als von der Bahn überprüft (und das Zugpersonal checkt Ihr Ticket nicht mehr persönlich) – und jetzt neu: Ihr Sitzplatz wird gemäß Ihrer gebuchten Reiseroute für Sie als von Ihnen „belegt“ registriert.

Heißt: Angenommen, Sie fahren von Freiburg nach Mannheim und checken sich ein, dann wechselt die Reservierungsanzeige innerhalb weniger Augenblicke von „Freiburg – Mannheim“ (was ja bald erlischt) zu „Belegt bis Mannheim“ (und bleibt so bis Mannheim). Weil Sie ja bewiesen haben, dass Sie wirklich da sind.

Sie steuern mit Ihrem Handy jetzt also die Anzeige an Ihrem Sitz!

Weil der Sessel nun Ihrer ist, müssen Sie vor dem Restaurantbesuch nicht mehr überlegen, was Sie darauf zurücklassen: Sorgfältig ausgewählte Utensilien, die zwar einerseits markieren, dass da eigentlich jemand schon sein Nest gebaut hat, die andererseits aber auch nicht gestohlen werden sollen. Was oft dazu führt, dass die Leute vor Abmarsch zum Essenfassen statt Ladegerät oder gar Handtasche lieber Bananenschalen und leere Bierflaschen auf dem Tisch platzieren oder benutzte Taschentücher auf die Sitze werfen, die allesamt einerseits keinen großen Wert haben, aber doch abschreckend wirken. Was die Atmosphäre an Bord allerdings nicht gerade hebt.

Nachteil: Das neue „Belegt bis Mannheim“ ist nicht sehr international. Steigt jemand ohne deutsche Sprachkenntnisse in Baden-Baden zu und versteht nur Bahnhof, nämlich den von Mannheim, könnte er sich in Baden-Baden zu sicher fühlen und sich nichts ahnend setzen. Ich habe schon die ersten Unwissenden von meinem belegten Platz vertreiben müssen. Mit einer Mischung aus Triumph und Mitleid im Bauch.

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Immerhin: Der Platz-weg-Stress nach 15-Minuten-Frist ist für immer überwunden. Modern, modern.

Aber manchmal gehen den Erfindern der digitalen Services an Bord die Gäule durch. Schwierig wird’s, wenn das analoge Personal an Bord tief in den digitalen Prozess eingewoben werden muss. Ich meine die Online-Bestellung von Essen und Getränken aus dem Restaurant direkt vom Platz in der 1. Klasse aus. Mit dem Handy.

Die Idee ist ja aller Ehren wert, weil geil. Es wird im Bord-Intranet über das Bord-WLAN des Zuges auf dem eigenen Smartphone live angezeigt, was an Bord dieses Zuges vorrätig ist. Das allein ist sensationell! Das ewige „Hammwa nicht. Hammwa auch nicht. Wir haben eigentlich nur noch Snickers“ entfällt.

Das Blöde ist: Ihre Bestellung landet am Ende eben digital in der Galley, der Bordküche, und dort muss das

1. jemand mitkriegen und

2. Lust auf und Zeit für diesen modernen Schnickschnack haben, der einem mal wieder von Frankfurt aus dem Elfenbeinturm aus aufs Auge gedrückt wurde, ohne einmal gefragt worden zu sein, als sei die Arbeitsbelastung an Bord nicht so schon hoch genug und so weiter.

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Das noch Blödere ist: Zwar zeigt die DB-Seite im Bord-Netzwerk an, man solle sich gedulden, ob das Team die digitale Würstchen/Käsebrot/Reissalat-Bestellung überhaupt annimmt. Doch wenn Sie bis zur Gnade der Zusage warten und dabei einmal kurz die WLAN-Bestellseite verlassen (etwa, um Weltnachrichten zu lesen), ist jede Verfolgbarkeit der Bestellung flöten. Eine Rückkehr ist trotz durchgängigem Log-in nicht mehr möglich.

„Mit dem WLAN im ICE verbinden“, steht dann da. Bin ich! Geht trotzdem nicht! Mehrfach in unterschiedlichen Zügen getestet!

Ein Zugchef sagte mir jüngst dazu: „Ja, ist blöd gemacht. Aber Sie fahren ja noch zwei Stunden. Lassen Sie sich doch überraschen, ob die Kollegen Ihnen was bringen.“

Der Mann hatte Recht. Ohne diesen Pragmatismus wird man bei der Bahn verrückt.

Neu! Sie bestellen Essen, die Bahn serviert – oder nicht.

Der Gipfel des Blöden ist: Nach eigener Erfahrung liegt die Erfolgsquote der digitalen Bestellung am Platz bei rund fünfzig Prozent. Mal war die Bestellung angeblich nicht angekommen, mal war Personalwechsel in Hannover und da wird das Restaurant ja immer gleich für knapp eine halbe Stunde geschlossen. Dann werden die Online-Bestellungen im Feierabend-Taumel offenbar lässig und ohne Info an den Gast in den Wind geschossen, statt ans Folgeteam weitergegeben. Man war dem Kunden ja nie begegnet.

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Wenn Sie sich also Ihres Croissants oder Ihrer Mikrowellenpommes sicher sein wollen, dürfen Sie entweder nach der Bestellung eine Viertelstunde Ihr Smartphone auf keinen Fall berühren oder müssen aufstehen, um sich im Restaurant persönlich zu erkundigen, ob das denn bitte schön was wird mit den Snacks.

Da hat die Bahn also das eine 15-Minuten-Game eliminiert und direkt ein neues 15-Minuten-Game erfunden. Aber als Vielfahrer sehe ich alles so pragmatisch wie der Zugchef: Ich lasse mich überraschen. Wann ich ankomme, ob ich den Anschlusszug erwische, ob die Toilette geht, ob mein Zielbahnhof spontan umfahren wird, ob der Kaffee kommt.

Einmal kam mein Frühstück wie bestellt – nach 35 Minuten. Das fühlte sich an wie Bescherung. Das Croissant war knisternd knusprig und wohlig warm. Ohne Digitalisierung wäre mir das nie passiert.

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