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Deutsche Post Sortierer in Aufruhr

Der Logistikkonzern Deutsche Post hat Anteile eines Unternehmens gekauft, das rüde gegen Wettbewerber vorgehen soll.

Bescheid zugestellt: Die Netzagentur prüft den Verdacht auf Missbrauch in Briefzentren. Quelle: dapd

Das Treffen im Tulip Inn, einem Hotel in der Düsseldorfer Fußballarena, endete für Max Toller mit einer speziellen Offerte. Der Mitarbeiter der Postcon, einer Tochtergesellschaft der holländischen Post TNT, sollte über seinen Arbeitgeber Bericht erstatten, wenn es etwa mit Kunden „Probleme oder andere Schwierigkeiten geben“ würde, habe ihn sein Gegenüber gebeten. Es lockte die Aussicht auf Geld. Der angebliche Auftraggeber: ein Manager des Berliner Unternehmens Compador.

Die Stärken und Schwächen der Deutschen Post
QuartalsgewinneDer vom Internetboom profitierende Paketversand in Deutschland und das florierende Expressgeschäft haben der Deutschen Post einen deutlichen Gewinnzuwachs beschert. Das operative Ergebnis des Konzerns stieg im zweiten Quartal um 14 Prozent auf 619 Millionen Euro. Der Konzerngewinn fiel mit 422 Millionen Euro sogar mehr als doppelt so hoch aus wie im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Zu der Verbesserung trugen allerdings auch Einmaleffekte bei. Gleichzeitig hob die Deutsche Post DHL die Gewinnprognose für das Gesamtjahr leicht nach oben an. Der Umsatz des Logistikkonzerns ging von April bis Juni um 0,6 Prozent auf 13,6 Milliarden Euro zurück. Quelle: dpa
Stärke: ProfitabilitätAlle Sparten der Deutschen Posten arbeiten profitabel. Für 2013 rechnet Konzern-Chef Appelt mit einem Gewinn von 2,7 bis 2,95 Milliarden Euro. Besonders stark ist das Briefgeschäft, das 2012 gut ein Drittel am Gewinn ausmachte. Quelle: REUTERS
Stärke: Monopol-Stellung im BriefmarktDie Post hält 90 Prozent Marktanteil im deutschen Briefgeschäft. Damit ist sie unangefochten die Nummer eins. Das Briefgeschäft soll 2013 zwischen 1,1 und 1,2 Milliarden Euro Gewinn abwerfen. Quelle: AP
Stärke: Paket-GeschäftDie Post ist zwar Marktführer im Briefgeschäft, doch da immer mehr Privat- und Geschäftsleute die elektronische Kommunikation per E-Mail vorziehen, schrumpft der Markt für Papierbriefe seit 2000 stetig. Dafür läuft das Geschäft mit der Paketzustellung dank Internethandel umso besser. Millionen von Kunden bestellen Päckchen online - und schicken sie deutlich öfter als den Versandhändlern lieb ist wieder zurück. Quelle: dpa
Schwäche: E-PostbriefUm der Abwanderung der Briefkunden ins Internet nicht tatenlos zuzusehen, startete die Deutsche Post im November 2010 den „E-Postbrief“ - eine rechtsverbindliche, vertrauliche und sichere Form der E-Mail, für die Nutzer 55 Cent pro Sendung zahlen sollen. Der E-Postbrief lässt sich außerdem ausdrucken und per Briefträger zustellen. Bislang nutzen ihn rund eine Millionen Privatkunden, 4000 Mittelständler und 150 Großkunden - deutlich weniger erhofft. Auch beim elektronischen Briefverkehr der Bundesbehörden kam die Post nicht zum Zug. Diese elektronische Nachrichten müssen nach dem De-Mail-Standard verschlüsselt sein, den die Deutsche Telekom und 1&1 anbieten. Quelle: dapd
Schwäche: Cashflow Obwohl die Post 2012 deutlich mehr Gewinn machte als im Vorjahr, wuchs die Nettoverschuldung auf rund zwei Milliarden Euro. Der Grund: Die Post musste Pensionsverbindlichkeiten von rund zwei Milliarden Euro finanzieren. Hinzu kam eine Umsatzsteuernachzahlung in Höhen von 482 Millionen Euro sowie eine Beihilferückforderung  von rund 300 Millionen Euro. Die Beihilfen hatte der Staat nach der Post-Privatisierung für Beamtenpensionen gewährt, doch die EU-Kommission hielt sie für zu hoch. In den ersten sechs Monaten des Jahres hat die Post ihren Cashflow gegenüber dem Vorjahr jedoch deutlich verbessert. Er stieg von von -767 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2012 auf 99 Millionen Euro in 2013. Die Nettoverschuldung ist allerdings auf 2,8 Milliarden Euro gestiegen. Quelle: dpa
Schwäche: Teilweise ungedeckte Pensionsverpflichtungen14,7 Milliarden Euro Pensionsverpflichtungen kommen auf die Post zu, mehr als 2,5 Milliarden Euro sind nicht gedeckt. Das heißt diese Summe ist weder in der Bilanz erfasst noch durch externes Fondsvermögen abgedeckt. Quelle: dpa

Toller heißt in Wahrheit anders. Doch der Versuch der Einflussnahme ist in einem Gesprächsprotokoll festgehalten, das ein Vertrauensmann der Postcon mit dem angesprochenen Kollegen im Anschluss an das ominöse Treffen anfertigte. Compador bestreitet die Vorwürfe. Das Papier, das der WirtschaftsWoche vorliegt, bringt jedenfalls auch die Deutsche Post in Erklärungsnot: Der Logistikkonzern ist an Compador beteiligt. Das Berliner Unternehmen hat in jüngster Zeit mit zweifelhaften Methoden auf sich aufmerksam gemacht. Post-Konkurrenten schlagen nun Alarm. Die Deutsche Post, so ihr Vorwurf, nutze Compador als Trojanisches Pferd, um Wettbewerb im Briefmarkt auszuhebeln.

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Beteiligung der Deutschen Post in Verruf gerät. Vor zwei Jahren beanstandete das nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht das Vorgehen von First Mail. Die 100-prozentige Billigtochter der Post hatte versucht, den Konkurrenten der Mutter über Kampfpreise Kunden abzujagen. Die Post hält im Briefgeschäft immer noch einen Marktanteil von 90 Prozent, doch das Sendungsaufkommen sinkt seit Jahren stetig. Der im Juni 2010 gestartete E-Postbrief hat die Planzahlen bislang nicht erreicht.

Nun sieht es so aus, als nutze die Post die Beteiligung Compador als neue Speerspitze gegen Wettbewerber. Im Dezember vergangenen Jahres kaufte sich die Post in das Unternehmen ein: mit 49 Prozent bei der Sparte Compador Technologies GmbH, die Maschinen für das Vorsortieren von Briefen produziert und wartet. Zusätzlich hält der Konzern 26 Prozent an der Schwestergesellschaft Compador Dienstleistungs GmbH, die Briefsendungen bei Großkunden einsammelt und bei der Deutschen Post oder privaten Briefdiensten zur Zustellung abgibt.

Mit dem Einstieg der Bonner begann eine Serie fragwürdiger Methoden. Postcon etwa war einer der Hauptkunden von Compador. Mit deren Maschinen sortierte die TNT-Tochter die bei Großkunden eingesammelten Briefe. Die meisten Sendungen wurden über Zusteller der Muttergesellschaft TNT und regionale Kooperationspartner ausgeliefert. Einen Teil speiste Postcon in das Zustellnetz der Deutschen Post ein. Der Briefkonzern gewährt für das Vorsortieren der Briefe nach Postleitzahlen gesetzlich festgelegte Rabatte. Das sogenannte Konsolidierungsgeschäft ist für TNT lukrativer als die Briefzustellung in Eigenregie. 2012 erwirtschaftete Postcon einen Gewinn von 14 Millionen Euro.

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