Proteste in den USA: Donald Trump vergrault Fachkräfte – so können Firmen sie nach Deutschland locken
WirtschaftsWoche: Herr Waraich, die US-Regierung von Donald Trump vergrault Fachkräfte, indem sie die Kosten für Visa erheblich verteuert. Das ist eine Chance für deutsche Unternehmen, diese Fachkräfte nach Deutschland zu locken. Tun sie das?
Sultan Waraich: Ja, das tun sie. Wenn ich eine ausländische Fachkraft in den USA wäre und sehe, dass ich nicht mehr willkommen bin, würde ich mich nach anderen Ländern umsehen. Es gibt jetzt eine Möglichkeit, Menschen anzusprechen, die sich nicht mehr wohlfühlen.
Ihre Firma Curato berät Firmen dabei, wie sie erfolgreich auf der Job-Plattform Indeed Mitarbeiter anwerben. Wie gehen diese Firmen bei den Kandidaten aus den USA jetzt vor?
Die Unternehmen schreiben gezielt Anzeigen für Jobs in Deutschland in den USA aus. Sie werben nur dezent für die eigentliche Stelle – aber stellen viel mehr die Vorteile von Deutschland heraus.
Welche Vorteile sind das?
Zum einen die Sicherheit des Sozialsystems. Wer in Deutschland arbeitet, zahlt kein Vermögen, wenn er zum Arzt oder ins Krankenhaus muss. Das Schulsystem ist kostenlos, dafür muss man in den USA sehr viel Geld zahlen. Sicherheit ist der größte Treiber für die meisten Kandidaten – und das bietet Deutschland, auch bei der Rente oder bei der Elternzeit. Diese Vorteile stellen wir in den Anzeigen heraus.
Welche Fachkräfte in den USA sind denn besonders interessant für deutsche Unternehmen?
Vor allem solche aus dem IT-Bereich, und gerade sie braucht Deutschland dringend. KI spielt in Deutschland eine große Rolle, die USA sind bei dem Thema schon weiter. Jetzt können wir die Leute, die das in den USA mitentwickelt haben, nach Deutschland holen. Die USA sind schön und gut – aber es gibt Alternativen.
Was läuft hierzulande schief bei der Anwerbung von Fachkräften?
Wir hätten viel früher mit dem Thema anfangen müssen. Der demografische Wandel mit seiner ganzen Wucht ist ja noch gar nicht eingeschlagen. Die Behörden sind mit der Erteilung der Arbeitserlaubnis überfordert, sind viel zu langsam, es gibt zu viele Ansprechpartner. Die Unternehmen werden von einer Behörde zur anderen geschickt. Aber: Auch viele Unternehmen schenken dem Thema zu wenig Aufmerksamkeit.
Warum ist das so?
Deutschland ist von der Mentalität zu konservativ. Trends zu erkennen und kurzfristig darauf zu reagieren, fällt den meisten Unternehmen sehr schwer. Auch kümmern sie sich noch zu wenig darum, dass Mitarbeiter aus dem Ausland hier die Sprache lernen, eine Wohnung finden, sich mit sozialen Kontakten integrieren können. Stattdessen suchen sie nur im Umkreis ihrer Standorte und machen Benefit-Dumping. Heißt: Sie bieten die Vier-Tage-Woche, gehen mit der Wochenarbeitszeit immer weiter runter. Dabei müssen wir eigentlich mehr arbeiten, um die Wirtschaft antreiben zu können. Das könnten wir mit Fachkräften aus dem Ausland schaffen.
Was für Erfahrungen machen Sie bei Ihrer Arbeit mit Unternehmen?
Ich spreche teilweise mit Unternehmen, die nicht mal bereit sind, bei der Suche aus Hamburg herauszugehen. Da will ich gar nicht wissen, was sie über Auslands-Fachkräfte denken. Das ist sehr traurig. Wir brauchen viel mehr Bereitschaft bei den Unternehmen. Die Tech-Branche ist eine Riesenmöglichkeit. Es müssen ja nicht gleich die USA sein, auch in unseren Nachbarländern gibt es viele Kandidaten, gerade aus dem IT-Bereich. Wenn wir beim Thema Fachkräfte nicht schnell die Kurve kriegen, ist es zu spät. In Ländern wie den Niederlanden oder Australien funktioniert die Einwanderungspolitik schon sehr gut. Wir haben ein Unternehmen aus den Niederlanden als Kunden, das gezielt Leute in den USA anspricht und schon Wohnungen für sie hat.
Das Thema Zuwanderung und Standort Deutschland spielt in Ihrer Familie eine große Bedeutung.
Ja, mein Vater ist in den 80er-Jahren im Alter von 18 Jahren aus Pakistan nach Deutschland gekommen. Er musste als ältester Sohn Geld verdienen, um die Familie zu ernähren. Er hat Anlagenmechaniker gelernt und in der Produktion von Schüco in Bielefeld gearbeitet, an den Wochenenden auf Flohmärkten Schmuck verkauft. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Aber: Wie gut es uns ging, habe ich gesehen, wenn wir unsere Verwandten in Pakistan besucht haben. Mein Vater hat immer gesagt: Wir müssen unfassbar dankbar dafür sein, welche Möglichkeiten uns dieses Land bietet. Das stimmt.
Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals am 11. Oktober 2025. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.