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Flixtrain expandiert trotz Krise „Es kann zwei Bahnen in Deutschland geben“

Flixtrain verspricht renovierte Züge. Quelle: dpa

Das private Zugunternehmen Flixtrain baut sein Deutschlandnetz massiv aus – und positioniert sich damit als ernsthafter Konkurrent zum Fernverkehr der Deutschen Bahn. Auch Nachtzüge sollen bald durch die Republik rollen.

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Seit mehr als einem Jahr kämpft Deutschland mit der Pandemie. Und auch von dem Unternehmen FlixMobility, das Tickets für Fernbusse und Züge verkauft, war lange Zeit nichts zu sehen: Seit November 2020 fuhren monatelang keine grünen Busse auf der Autobahn und auch das Zuggeschäft wurde eingestellt. Doch nun will das Münchener Unternehmen wieder angreifen. „Wir sind gut finanziert“, sagt Flixmobility-Gründer und -Chef André Schwämmlein. „Wir können uns den Neustart und die Expansion leisten.“

Das gilt nicht nur für die Fernbusse, die schon vor ein paar Wochen aus dem Winterschlaf geholt wurden. Ab 20. Mai will Flixmobility auch das Zuggeschäft reaktivieren. Das Unternehmen baut zwei weitere Linien in Deutschland auf. Bis zu acht Mal täglich will Flixtrain die Städte Leipzig, Berlin und Hamburg verbinden. Außerdem pendelt das Unternehmen einmal pro Tag zwischen München und Frankfurt. Dazwischen halten die Zügen zum Beispiel in Augsburg, Würzburg und Aschaffenburg. Der Ticketverkauf startet am Dienstag, die Linien werden sukzessive bis zum Sommer hochgefahren.

Damit erhöht Flixtrain den Druck auf die Deutsche Bahn. Tatsächlich kann inzwischen von einem deutschlandweiten Zugnetz von Flixtrain gesprochen werden. Bis zur Coronakrise hatte Flixtrain drei Linien angeboten: von Köln nach Hamburg und nach Berlin sowie von Stuttgart nach Berlin. Nach eigenen Angaben werde Flixtrain nun das Zugnetz verdoppeln.



Zwar sind die Münchener im Vergleich zur Deutschen Bahn noch immer ein Zugzwerg, der Marktanteil dürfte kaum über ein bis zwei Prozent im deutschen Fernverkehr hinaus kommen. Dennoch gibt es künftig neben den ICE- und Intercity-Zügen auf zahlreichen Strecken eine Alternative auf der Schiene. Flixtrain verspricht Tickets ab fünf Euro – inklusive garantiertem Sitzplatz. Die Züge bieten WLAN an Bord, verzichten auf Bordrestaurants und Zwei-Klassen-Konzept. „Wir haben die Zeit der Pandemie genutzt, um unsere Züge zu renovieren“, berichtet Schwämmlein. Von einem „Quantensprung in der Qualität des Wagenmaterials“, spricht der Firmenchef.

Vor allem das Angebot zwischen Leipzig und Hamburg lässt aufhorchen. Flixtrain sieht sich als Teil des Halbstundentakts zwischen der hochfrequentierten Strecke Berlin und Hamburg. Die Deutsche Bahn hat Ende 2020 ihren ICE-Takt zwischen den Metropolen erhöht und will damit zeigen, wie sie sich den Fernverkehr in Zukunft deutschlandweit vorstellt: dichter Takt, gute Verzahnung mit dem Nahverkehr. Offenbar will nun auch Flixtrain einen Beitrag zum Ausbau der Verkehrsleistung auf der Schiene leisten. „Wir sind etwa so schnell wie ein ICE“, sagt Schwämmlein. „Damit wollen wir der Politik zeigen, dass wir als privates Eisenbahnunternehmen in die Vision der Politik passen, Deutschland noch enger miteinander zu verzahnen. Der Deutschlandtakt darf kein DB-Takt sein, sondern kann auch mit der Hilfe privater Anbieter betrieben werden.“

Für die Deutsche Bahn hat das durchaus Auswirkungen. Die Politik hat versprochen, den Schienenverkehr zu fördern. Die Infrastruktur wird ausgebaut, ausgerichtet auf einen perfekten Fahrplan. Doch wer den fährt, ist durchaus umstritten. Einige Parteien wie die Grünen oder auch Teile der FDP können sich vorstellen, den Fernverkehr auszuschreiben oder stärker zu entzerren. Die Basis wäre ein Deutschlandtakt, der Betrieb aber nicht mehr automatisch durch die Deutsche Bahn abgedeckt. 



Dass Flixtrain sein Netzwerk ausgerechnet jetzt ausbaut, ist durchaus als Signal zu verstehen – an die Politik wie auch an DB Netz. Vor drei Jahren habe es „viele Diskussionen“ zwischen Flixtrain und dem Schienennetzbetreiber der Deutschen Bahn gegeben. Etwa darüber, dass beantragte Trassen nicht realisiert werden konnten. Das deutsche Schienennetz ist an zahlreichen Stellen überlastet. Züge kollidieren mit der Trassenverfügbarkeit. Hinzu kommt, dass Deutsche Bahn und Flixtrain oft zu ähnlichen Zeiten losfahren wollten und ähnliche Trassen beantragt haben. In der Regel bekommt derjenige den Zuschlag, der mit seinem Zug längere Strecken fährt und DB Netz mehr Umsatz verspricht – also vor allem die Deutsche Bahn. Flixtrain fühlte sich deshalb diskriminiert, man schaltete die Bundesnetzagentur als Wettbewerbsbehörde ein. Inzwischen gebe es aber „intensivste Zusammenarbeit“ mit DB Netz, sagt Schwämmlein. Zwar sei die Trassenvergabe „sehr bürokratisch“. Anträge müssten oft auf Papier eingereicht werden. Aber bei DB Netz habe man erkannt, dass „wir Teil der Lösung sein können: Es kann zwei Bahnen in Deutschland geben.“

Flixtrain will die Deutsche Bahn nun sogar auch im Nachtzuggeschäft angreifen. Der Staatskonzern hatte sich vor Jahren aus dem kapitalintensiven Geschäft mit eigenen Schlafwagen zurückgezogen. Seitdem kooperiert die Deutsche Bahn mit den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die europaweit mehrere Nachtzugverbindungen betreibt. Die Deutsche Bahn hatte sich entschieden, als Alternative zum „Nightjet“ der ÖBB ihren ICE als eine Art Nachtsprung einzusetzen – ohne Schlafwagen, eben standardmäßig mit Sitzplätzen. Den Weg geht nun auch Flixtrain. Die Nachtverbindung zwischen München. Berlin und Hamburg soll ab Mitte Juni bis zu zwei Mal pro Nacht angeboten werden: „Wenn das erfolgreich läuft“, sagt Schwämmlein, „werden wir das weiter ausbauen.“

Weitere Expansionsziele auf der Schiene seien derzeit nicht konkret geplant. Vor wenigen Tagen hat Flixtrain den Ausbau des Zuggeschäfts in Schweden verkündet. Eine erste Linie verbindet nun die beiden größten Städte des Landes, Göteborg und Stockholm. Gut 30 Abfahrten pro Woche seien geplant. „Wir konzentrieren uns erstmal auf Deutschland und Schweden“, sagt Schwämmlein.

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Das Fernbusgeschäft laufe derweil weiter wie geplant. Flixbus ist in zahlreichen Ländern innerhalb Europas wieder am Start. Auch die USA brummen schon wieder auf Hochtouren. „Wir sind über dem Niveau von Mai 2019“, sagt Schwämmlein. „Wir werden dort weiterhin stark wachsen.“

Mehr zum Thema: Reisende können seit März 2021 wieder mit den grünen Bussen von Flixbus durch Deutschland fahren. Doch das Comeback ist fragil – anders als in den USA: Dort zeigt sich, wie Fernbusse von einer guten Impfkampagne profitieren.

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