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Flugzeugabsturz Für Boeing bleiben die Kosten beherrschbar

Boeing 737-Max: Kosten für Boeing bleiben beherrschbar Quelle: dpa

Nach zwei Abstürzen müssen die meisten 737-MAX-Maschinen von Boeing am Boden bleiben. Fluglinien fürchten hohe Einnahmeausfälle - und fordern Schadenersatz. Den zu bekommen, dürfte aber schwerer werden als gedacht.

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Auf seinen wichtigsten Flugzeuglieferanten ist Björn Kjos derzeit nicht gut zu sprechen. Weil am vergangenen Sonntag die zweite Maschine vom Typ Boeing 737 MAX innerhalb von fünf Monaten abstürzte, musste der Chef und Mitinhaber des skandinavischen Billigfliegers Norwegian seit gestern auf Anweisung der europäischen Luftaufsichtsbehörde EASA seine 18 Maschinen dieses Modells stilllegen. „Wir erwarten jetzt, dass Boeing die Rechnung übernimmt“, ließ der Manager nun einen Sprecher fordern. Ähnliche Ansprüche erhoffen sich auch rund ein Dutzend anderer Linien, die ihre Maschinen am Boden lassen müssen, weil auch Aufsichtsbehörden in China, Singapur oder Australien ein Start und Landevorbot für die Maschine verhängt haben.

Die Ansprüche summieren sich rasch. Laut einer Schätzung des New Yorker Wertpapierhauses Bernstein könnten die Mehrkosten etwa bei Norwegian bei bis zu 800.000 Euro pro Tag und Flugzeug liegen. Das wären dann bis zu 100 Millionen Euro pro Woche allein ei Norwegian. Schließlich befördert jeder Jet bis zu 1000 Passagiere pro Tag. Und wenn die nicht starten können, muss die Airline Ersatzflüge, Verpflegung oder Hotelübernachtungen, sowie auch Verspätungs-Entschädigungen von jeweils bis zu 600 Euro bezahlen. Weil bislang gut 120 Maschinen am Boden sind, kämen damit schnell Milliarden zusammen.

Doch allzu große Hoffnungen sollte sich die Fluglinien nicht machen. Denn sie könnten auf ihren Kosten größtenteils oder auch ganz sitzen bleiben.

Das wird Boeing Chef Dennis Muilenberg erleichtern. Zwar wird Boeing für die Opfer besonders des ersten Absturzes im Oktober wahrscheinlich diskret Schadensersatz von bis zu einer Million Dollar pro Opfer leisten. Dazu kommt ein beträchtlicher Imageschaden. Doch wie groß der ist, bleibt abzuwarten. Zwar lassen die vielen negativen Berichte seinen Bestseller 737 MAX derzeit unsicher erschienen, auch wenn es bislang noch keinen Beleg für ein technisches Versagen gibt. Doch am Ende muss Boeing keinen Einbruch bei den Auslieferungen fürchten. „Die Nachfrage nach neuen Flugzeugen in dieser Größe ist so gewaltig, dass Airbus sie allein gar nicht decken kann“, sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt.

Schadenersatz ist nicht zwingend

Somit blieben als größte finanzielle Belastung Schadensersatzzahlungen an Fluglinien, die ihre Jets wegen der Flugverbote nicht wie geplant betreiben können. Doch ob die groß ausfallen, ist mehr als fraglich.

Zwar haben die Fluglinien wie Norwegian bei ihren Forderungen auf den ersten Blick gute Karten. Weil die renommierte europäische Luftaufsichtsbehörde EASA gestern Abend ganz offiziell die Maschine aus dem Verkehr zog, müsste Boeing eigentlich zahlen. „In unseren Kaufverträgen steht, dass wir einen Jet mit einer gültigen Betriebserlaubnis in den Vereinigten Staaten UND in Europa bekommen“, so ein Manager eines Betreibers. „Doch ob das für einen Schadensersatz reicht, ist mehr als fraglich.“ 

Denn es zeichnet sich ab, dass Boeing den Forderungen nur nachgeben wird, wenn sie unbedingt müssen. Und das ist unsicher. Zwar hat sich der Luftfahrtriese angesichts der noch laufenden Ermittlungen zu den Gründen des Unfalls bislang noch nicht zu den Forderungen geäußert. Doch in Konzernkreisen ist zu hören, das Unternehmen sehe derzeit keine Basis für Zahlungen in Millionenhöhe.

USA ziehen beim Flugverbot nach

Der wichtigste Grund sei, hieß es da bislang, dass die US-Behörden die 737 MAX nach wie vor für sicher halten und die Schuld für den Crash also nicht beim Flugzeug selbst sehen. Allerdings: Am Mittwochabend haben die USA ebenfalls ein Flugverbot für Boeing-Maschinen vom Typ 737 MAX 8 und MAX 9 erteilt. Auch nach dem im Branchenjargon „Grounding“ genannten Betriebsverbot in Europa und weiten Teilen Asiens sowie einem steigenden öffentlichen Druck änderte die für die Zulassung zuständige amerikanische FAA ihre Meinung bislang nicht, aber das US-Flugverbot könnte das noch ändern. Vor Bekanntwerden des US-Flugverbots war sich die Aufsicht ihrer Sache jedoch sicher. „Unsere Prüfungen haben keine grundlegenden Probleme festgestellt und bieten daher keine Grundlage für ein Grounding“, erklärte der amtierende FAA-Chef Daniel Elwell gestern Abend zum europäischen Flugverbot.

Da die US-Behörde die Maschine bei weitem am besten kenne, habe das Gewicht, glaubt ein Luftfahrtjurist. „Da wird der Anspruch nicht leicht durchzusetzen sein.“ Zumal die EASA zwar einen guten Ruf, aber in der Sache bislang wenig Argumente für ihr Verbot habe. „Die Entscheidung der EASA wirkt nicht gut begründet“, fürchtet ein führender Manager einer Fluglinie. Es wirke eher so, als ob die EASA nachziehen musste, weil zuvor ihre wichtigsten Mitgliedsländer Großbritannien, Deutschland und Frankreich einseitig und - ohne auf die Behörde zu warten - die 737 MAX auf den Boden verbannten. „Und die Entscheidungen der Staaten wirken eher populistisch und am Ende gerade in Deutschland etwas bescheuert“, so der Manager.

Zwar spielte offenbar sowohl beim aktuellen Absturz wie auch beim ersten Crash einer 737 MAX im vergangenen Oktober ein System zur automatischen Korrektur der Fluglage namens MCAS eine Rolle. Das reagierte offenbar zu stark auf Abweichungen vom erwarteten Flugverhalten und sorgte damit für Gefahr statt für mehr Sicherheit. „Doch es gibt Anzeichen, dass auch Fehler der Piloten eine Rolle gespielt haben könnten“, so der Airline-Manager.

Für Norwegian könnte es eng werden

Das sieht ein Pilot ähnlich. Die 737 MAX könne zwar Probleme im Flug machen. „Doch die sind mit der richtigen Ausbildung und der nötigen Routine in den Griff zu bekommen“, so der Pilot. „und die entsprechenden Anweisungen von Boeing sollte nach dem ersten Crash vom Oktober eigentlich jede Airline umsetzen.“

Bleibt es dabei, könnte es zumindest für Norwegian kritisch werden. Denn die zusätzlichen Millionen für gestrandeten Passagiere kann sich die finanziell angeschlagene Linie derzeit nicht leisten. „Wenn die Sache nicht in den kommenden zwei Wochen geklärt ist, wird die Lage sehr ernst für Norwegian“, sagt Preben Rasch-Olsen, Analyst im Handelshaus Carnegie aus Norwegen.

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