Griechenland-Tourismus Die Regierung tut nicht, was sie müsste

Griechenlands Tourismussektor ist bisher erstaunlich gut durch die Krise gekommen. Doch die politische Unsicherheit verhindert dringende Investitionen - und der Troika fehlt es an Fingerspitzengefühl.

Die Griechenland-Urlauber kommen - doch im Land droht ein Investitionsstau. Quelle: dpa Picture-Alliance

Eisenkraut wuchert am Hang, dicht daneben Minze. Filaretos Psimmenos steht im Kräutergarten seines Hotels in Tsagarada auf der vier Autostunden von Athen entfernten Halbinsel Pilion und deutet auf die Stelle, an der er bauen möchte. Eine Ferienwohnung soll da entstehen und eine Küche, in der er Kochkurse abhalten kann. Die griechische Version der italienischen „Cucina Povera“ möchte er seinen Gästen zeigen, dieses schlichte und schmackhafte Essen aus dem, was gerade im Garten wächst.

Die Finanzierung für den Ausbau steht, EU-Zuschuss eingeschlossen, den Bauunternehmer hatte Psimmenos auch schon ausgesucht, doch seit der Wahl Ende Januar ruht das Projekt. „Ich möchte wissen, wie es politisch weiter geht“, sagt Psimmenos. „Ich mag mich nicht in ein Abenteuer stürzen.“

Vor zehn Jahren gab der Marketingexperte seinen Job in der griechischen Hauptstadt auf und wandelte ein traditionelles Gebäude aus dem 19. Jahrhundert in ein Hotel mit Meerblick um. Als junger Mann leistete er in der Region seinen Militärdienst und entdeckte die idyllischen Dorfplätze mit 1000 Jahre alten Platanen und das Meer, das sich hier meist in Türkis präsentiert. Heute läuft das Geschäft so gut, dass Psimmenos erweitern möchte. Aber er wartet lieber ab.

Was Sie über Griechenland wissen sollten
Für die griechische Nationalmannschaft gab es lange keinen Spitznamen. Erst, nachdem die Griechen die EM 2004 gewannen, erhielten sie den Spitznamen „ To Piratiko“, zu deutsch: das Piratenschiff. Der Name ist eine Anspielung auf die Seefahrernation Portugal, der die Griechen die Trophäe abluchsten. Quelle: dapd
Dem berühmten antiken Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes wird das Zitat zugeschrieben: „Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben“. Doch auch mit einem festen Punkt und mithilfe eines Flaschenzugs hätte Archimedes das nicht vollbringen können: Selbst mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes hätte er 45 Billionen Jahre lang ziehen müssen, um die Erde auch nur einen Daumen breit verschieben zu können. Quelle: dpa
Griechenland, damit verbinden viele vor allem Sonnenschein und warme Temperaturen. Und tatsächlich hat das Land einen Rekord zu bieten: In Iraklio auf der Insel Kreta wurde noch nie eine Temperatur unter 0 Grad Celsius gemessen. Quelle: dapd
Ob Vicky Leandros oder Nana Mouskouri: Der griechische Schlager ist in Deutschland beliebt, „ Weiße Rosen aus Athen“ oder „Theo, wir fahr‘n nach Lodz“ klingen im Ohr. Was aber viele nicht wissen: Vicky Leandros war auch als Politikerin aktiv. 2006 errang sie ein Mandat bei den Kommunalwahlen in Piräus für die sozialdemokratische Pasok-Partei. Sie wurde Stadträtin für Kultur und Vizebürgermeisterin. 2001 und 2006 war sie sogar in Deutschland als Kultursenatorin im Gespräch, zuerst für Hamburg und fünf Jahre später für Berlin. Leandros lehnte das Angebot aber ab. Quelle: AP
2008 schaffte es die größte Bougatsa der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde. Dabei handelt es sich um ein Blätterteig-Gebäck, das süß oder herzhaft gefüllt wird und besonders in Nordgriechenland verbreitet ist. Die Rekord-Bougatsa wog 182,2 Kilogramm und war 19,97 Meter mal 58,5 Zentimeter groß und 2 Zentimeter dick. Sie wurde im ostmakedonischen Serres in einem 20 Meter großen Ofen zubereitet. Foto: Konstantinos Stampoulis, GNU-Lizenz 1.2
Für die Zeit zwischen 1200 vor Christus bis etwa 750 vor Christus gibt es kaum historische Belege wie Schriftstücke oder archäologische Funde. Die Zeit wird daher auch als die „Dunklen Jahrhunderte“ bezeichnet. Quelle: REUTERS
Eine Geschichte, die Schlagzeilen machte: Im Juli 2011 fiel auf der griechischen Urlaubsinsel Samos der Strom aus – auch in einem Krankenhaus. Eine Frau, die gerade in den Wehen lag, musste ihr Baby im schwachen Schein von Handydisplays gebären. Das Kind kam trotz allem gesund zur Welt. Quelle: dapd

Die Unsicherheit hängt in diesen Tagen nicht nur über dem Pilion. Ob auf der spektakulären Vulkaninsel Santorini oder auf dem mondänen Mykonos – Griechenlands Touristikmanager arbeiten an Plätzen, die es locker mit Destinationen wie St. Tropez und der Costa Smeralda aufnehmen, und haben doch immer die politischen Turbulenzen im Hinterkopf. Investitionen, ohne die die Branche langfristig international nicht konkurrieren kann, schieben sie erst einmal auf.

Tourismusverband erwartet Rekord

Bisher ist der Tourismus, der mehr als ein Fünftel der Wirtschaftsleistung einbringt, erstaunlich gut durch die Krise gekommen. 24 Millionen Besucher kamen 2014, so viel wie nie zuvor. In diesem Jahr dämpften zwar die Bilder von geschlossenen Banken und die drohenden Szenarien des Austritts Griechenlands aus dem Euro das Geschäft. Dennoch rechnet Andreas Andreadis, Präsident des Verbands der Griechischen Tourismusunternehmen (Sete), für 2015 mit einem neuen Rekordwert von 26 Millionen Besuchern.

Im Athener Büro von Andreadis, selbst Chef der Hotelkette Sani Resorts, laufen Tag für Tag die neuesten Buchungszahlen für den Rest des Jahres ein. Anfang Juni, als bei den Krisensitzungen in Brüssel die Gefahr eines Grexit wuchs, brachen die täglichen Buchungszahlen um bis zu 40 Prozent unter Vorjahresniveau ein. Kaum war eine Einigung mit den Gläubigern erzielt, schlugen die Buchungszahlen genauso heftig in die andere Richtung aus. Eine gute Portion Gelassenheit, weiß Andreadis, kann in diesen Tagen nicht schaden.

Vor allem die Deutschen, die mit zehn Prozent den größten Anteil an den Urlaubern stellen, ließen sich von der Nachrichtenlage schrecken, beobachtet Andreadis: „Franzosen und Angelsachsen entscheiden sich dagegen unabhängig von der politischen Situation für ein Urlaubsland.“ Die deutschen Anbieter hatten schon Krisenpläne entworfen, wie sie Pauschalurlauber bei einer Staatspleite notfalls aus dem Land hätten evakuieren können. Dabei wurden alle Eventualitäten eingeplant, etwa dass die Flugsicherung zusammenbricht, weil der Staat seine Bediensteten nicht mehr bezahlen kann und dass Flüge wegen Treibstoffmangels ausfallen. „Notfalls hätten wir eine Fähre gechartert und die Gäste in die Türkei gebracht, um sie von dort auszufliegen“, sagt der Chef eines der großen deutschen Reiseveranstalter. Namentlich zitieren lassen will er sich damit nicht.

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