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Hart umkämpfter Markt Wie sich deutsche Scooter-Firmen behaupten wollen

Circ Flash Quelle: Presse

Neben hochbewerteten US-Unternehmen mischen auch deutsche Anbieter auf dem Markt für E-Scooter mit. Sie wollen sich auf verschiedene Arten Marktanteile sichern – und starten jetzt schon in der ersten deutschen Stadt.

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Die Vorzeichen für einen erfolgreichen Marktstart der deutschen Verleiher von E-Scootern könnten auf den ersten Blick eigentlich kaum schlechter sein: Immerhin haben sie ihre Hauptsitze in einem Land, das bei der Zulassung der elektrischen Tretroller auf hiesigen Straßen und Fahrradwegen erst in den vergangenen Monaten Fahrt aufgenommen hat. Während die E-Scooter nun in Deutschland voraussichtlich in der zweiten Junihälfte offiziell starten, fahren sie in anderen Städten wie Austin, Los Angeles oder Stockholm bereits seit etlichen Monaten umher.

Und dort machen die Unternehmen, die die Roller gegen Gebühr verleihen, bereits gute Geschäfte. Die US-Start-ups Bird und Lime werden von Investoren mittlerweile mit Milliarden bewertet und zählen zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen überhaupt. Immerhin hat sich Bird diese Milliardenbewertung gerade gut ein Jahr nach der Gründung Ende 2017 erarbeitet. Ein solch beachtlicher Erfolg mit dem Verleih von Rollern lockt konsequenterweise auch deutsche Hersteller an, etwa die Berliner Start-ups Tier Mobility oder Flash, und das Unternehmen Hive, hinter dem Daimlers Taxivermittler Mytaxi steckt.

Sie dürften dem Start in Deutschland ganz besonders entgegenfiebern, weil sie bislang stets auf ausländische Märkte ausweichen mussten. Flash startet am Mittwoch bereits den ersten Regelbetrieb in einer deutschen Stadt, noch bevor die Elektroroller am 15. Juni bundesweit erlaubt werden sollen. Am 5. Juni sollen die Scooter dank einer Sondergenehmigung durch die Stadt Herne im Ruhrgebiet rollen. In den nächsten Wochen wird sich entscheiden, ob sie den Vorsprung der großen Konkurrenten wie Bird, Lime oder dem schwedischen Unternehmen Voi kompensieren können. Dass sie aus Deutschland kommen, dürfte nur für wenige Kunden bei der Rollersuche ein Alleinstellungsmerkmal sein.

Ein neuer Name soll helfen

Deshalb bereiten die deutschen Rollerhersteller den Marktstart seit einigen Monaten vor. So auch Flash: Zwar sind die Scooter des Unternehmens bereits in sieben verschiedenen Ländern erhältlich. Kurz vor dem Start in Deutschland benennt sich das Unternehmen noch um, und zwar von Flash in Circ. Warum der alte Name nach nur wenigen Monaten ausgedient hat? „Tatsächlich war Flash für die ersten Monate ein sehr guter Name“, erklärt Boris Mittermüller, COO von Flash – oder nun eben Circ. „Allerdings assoziiert man damit natürlich hohe Geschwindigkeiten und dafür wollen wir nicht stehen“, sagt Mittermüller.

Vielmehr wolle das Unternehmen für Sicherheit stehen. Fortan dient deshalb ein Kreis als abstraktes Firmenzeichen: „Circ, in Anlehnung an einen Kreis, symbolisiert zum einen die Räder, die unsere Nutzer von A nach B bringen. Außerdem stehen der Kreis oder auch der Ring für Sicherheit“, sagt Mittermüller, der vor seiner Zeit bei Circ zum Beispiel Foodora mitgegründet hat.

In der Berliner Zentrale, die sich zurzeit im Bau befindet und noch ohne Klingelschild auskommen muss, stellt Circ eigene Scooter her. Im Gegensatz zu vielen der Konkurrenten, die bereits vorhandenen Modellen von den Marken Segway Ninebot oder Xiaomi den eigenen Look verpassen und diese vermieten. Dass das durchaus kostspieliger ist, sieht Flash nicht als großes Problem. Denn das Unternehmen könne durch „das Platzieren der Scooter an beliebten Orten mit anderen Anbietern mithalten, die womöglich mit viel mehr Scootern im Markt sind“, erklärt Mittermüller.

Dass das bisweilen gut funktioniert, betont Boris Mittermüller gerne: „Wir haben in 132 Tagen eine Million Fahrten verzeichnen können – so schnell war bislang kein anderer Wettbewerber.“ Der umstrittene Fahrdienstvermittler Uber – auch im E-Scooter-Markt aktiv – habe fünfmal so lange dafür gebraucht. Und auf Platz zwei würde „ein anderer deutscher Anbieter“ mit 192 Tagen liegen. Konkreter möchte Mittermüller hier nicht werden. Denn das Unternehmen, um das es geht, ist ein Konkurrent aus derselben Stadt: das Berliner Start-up Tier Mobility.

Vermarktung und Schnelligkeit sind entscheidend

Ein Wettkampf zwischen den beiden Unternehmen an der Spitze dieser Liste zeigt, dass auch deutsche Unternehmen von dem Hype rund um die elektrischen Scooter profitieren können – obwohl ihr Heimatmarkt nicht existent ist. Und auch Tier blickt dem Deutschlandstart entgegen: Im Mai 2019, kurz nachdem der Bundesrat einer Verordnung über E-Scooter zugestimmt hat, verkündete Tier öffentlichkeitswirksam, dass Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg in das Start-up investiert habe. Neben der Präsenz der Tier-Scooter in 21 europäischen Städten dürfte auch eine solche Meldung das Unternehmen bei potenziellen Kunden hierzulande etwas bekannter machen. Um in der Masse verschiedener Anbieter hervorzustechen, ist das bitter nötig.

Da hilft auch der erste Regelbetrieb hierzulande, den Circ ab Mittwoch dank einer Sondergenehmigung in Herne auf die Beine stellt. Bei Circ heißt es, dass das nur Dank der Hilfe des Herner Bürgermeisters, Frank Dudda von der SPD, möglich sei. Dudda stehe der neuen Mobilität positiv gegenüber. Dass Herne nun nicht Berlin oder Hamburg ist, tut bei Circ offenbar nichts zur Sache, denn irgendwo muss es ja losgehen. In welche weiteren deutschen Städte Tier und Circ oder auch Firmen wie Wind und Hive kommen möchten, ist bislang kaum bekannt, die Firmen halten dicht: „Wir werden in allen großen Städten in Deutschland vertreten sein – die Frage ist lediglich, wann es so weit sein wird“ – mehr verrät Mittermüller nicht.

Doch wer einen Blick auf die ausgeschriebenen Stellenangebote auf den Webseiten von Circ und Tier wagt, kann erahnen, in welche Städte die beiden Berliner Start-ups ihre Scooter bringen wollen. Online suchen die Firmen nämlich nach „City Managern“ in diversen Städten. Tier tut das etwa in Hannover, Bochum, Bielefeld, Potsdam oder Leipzig. Auch die großen deutschen Metropolen sind dabei. Ebenso bei Circ, das gleich in 46 deutschen Städten Personal sucht – etwa in Trier, Ulm oder Konstanz. In vielen dieser Städte wird sich in den nächsten Wochen und Monaten zeigen, ob US-Unternehmen wie Bird und Lime ihre Erfahrung und die finanziellen Mittel gekonnt ausspielen werden, oder ob die deutschen Anbieter erfolgreich Vorarbeit leisten konnten. Genügend Zeit hatten sie bei dem langwierigen Prozedere rund um die Erlaubnis der E-Scooter allemal.

In diesen Städten starten die E-Scooter-Verleiher



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