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„Noch wach?“ von Benjamin von Stuckrad-BarreSo viel Sprengstoff birgt der vermeintliche „Schlüsselroman“ über Axel Springer

Benjamin von Stuckrad-Barre schreibt über Machtmissbrauch in einem Medienhaus. Alles Fiktion, sagt der Schriftsteller. Und legt gleichzeitig offen, wie groß seine eigene Rolle im Fall Julian Reichelt war.Tobias Gürtler 20.04.2023 - 11:44 Uhr

Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre

Foto: imago images, Collage: Marcel Reyle

Wenn ein Buch von großem öffentlichen Interesse ist, verschickt ein Verlag normalerweise Vorab-Exemplare davon an Rezensenten. Oft, bevor das Werk ein letztes Mal Korrektur gelesen wurde. Dann handelt es sich um die sogenannte Druckfahne, einen Vorababzug, früher als lose Blättersammlung verschickt, heute meist digital als PDF. Auch beim Kölner Buchverlag Kiepenheuer & Witsch ist das übliche Praxis. Die frühere Herausgabe des Buchinhalts unter Festsetzung einer Sperrfrist – Rezensionen dürfen zumeist frühestens am Erscheinungstag veröffentlicht werden – stellt sicher, dass das Buch gleichzeitig mit seiner Veröffentlichung besprochen werden kann. Und dass es davor tatsächlich gelesen und nicht bloß überflogen wurde.

Nicht so allerdings bei „Noch wach?“, dem 384 Seiten umfassenden neuen Roman von Benjamin von Stuckrad-Barre, der seit Mittwoch in den Regalen steht und dessen E-Book-Variante am Samstag erscheinen wird. Man habe „diesmal auf den Vorab-Versand der Druckfahne verzichtet“, teilt eine Verlagssprecherin mit. „Die unbedingte Einhaltung der Sperrfrist machte diese Maßnahme erforderlich.“ Das Vertrauen darauf, dass sich das Feuilleton der deutschen Tageszeitungen an vorab besprochene Embargos hält, war offenbar nicht groß genug.

Kein Wunder, wurde Stuckrad-Barres neues Werk doch vorab als ein „Schlüsselroman“ über Axel Springer bezeichnet. Und hieß es doch, dass der Vorsitzende des ohnehin ins Kreuzfeuer geratenen Verlagshauses, Mathias Döpfner, in keiner Veröffentlichung mehr Zündstoff wähne als in Stuckrad-Barres neuem Roman. Angesichts der in der vergangenen Woche in der „Zeit“ veröffentlichten internen Textnachrichten, über deren bevorstehende Veröffentlichung Döpfner ebenfalls Bescheid wusste, legt das eine Fallhöhe nahe, die kaum größer sein könnte. Denn schon diese hatten ihn in derart große Erklärungsnot gebracht, dass er zu einer für ihn ungewöhnlichen Maßnahme greifen musste. Und sich öffentlich, zumindest in Teilen, entschuldigte.

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Aber was steht nun wirklich drin, in diesem vermeintlichen Schlüsselroman über #MeToo und Axel Springer? Und was befähigt ausgerechnet den Popliteraten Benjamin von Stuckrad-Barre dazu, einen Blick durchs Springer'sche Schlüsselloch gewähren zu können?

Dazu muss man zunächst wissen, dass Stuckrad-Barre selbst zehn Jahre für die Zeitungen von Axel Springer tätig war. Dass es Mathias Döpfner war, der ihn in den Verlag holte. Und dass er und Springer-Chef Döpfner in dieser Zeit zu Freunden wurden. Wenn auch mit reichlich Anlauf: „Erst nach vier Jahren bei Springer haben wir angefangen, uns zu duzen“, erzählt Stuckrad-Barre dem „Spiegel“. Später aber zählte Döpfner Stuckrad-Barre offenbar zu seinem engsten Kreis. Zumindest legt das der Tonus einer Textnachricht des Springer-Chefs an den Autoren nahe, die Ende 2021 an die Öffentlichkeit gelangte.

Darin will Döpfner „mal etwas Stimmung“ in den Austausch mit Stuckrad-Barre bringen, verweist dafür auf einen in der „Bild“ veröffentlichten Kommentar seines Schützlings Julian Reichelt und setzt dann zu folgender Lobrede an: „Er ist halt wirklich der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt. Fast alle anderen sind zu Propaganda-Assistenten geworden.“

Auszüge dieser Nachricht veröffentlichte im Oktober 2021 der US-Journalist Ben Smith in der „New York Times“ – in einem Artikel, über den Springer-Chef Döpfner in einem anderen internen Chat, aus dem später die „Zeit“ zitierte, sagen sollte, er habe „das Potential, uns in USA zu killen“. Döpfners Zusammenfassung der „New York Times“-Recherche geht damals so: Springer sei „in Trump Camp, lügt strukturell auch gegenüber Politico, ist männerdominiert und toleriert Machtmissbrauch gegenüber Frauen“.

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Springer ist damals gerade im Begriff, die US-Zeitung „Politico“ zu übernehmen und kann derart schlechte PR in Amerika überhaupt nicht gebrauchen. Vier Tage später wird Döpfner seinen Schützling Julian Reichelt deshalb vor die Tür setzen, um den sich die Vorwürfe des Machtmissbrauchs vor allem drehen. Und das Thema damit für erledigt erklären. „Wir haben uns mit einer Reihe von Themen auseinandergesetzt und unsere Lehren daraus gezogen. Jetzt schauen wir nach vorne“, sollte er später sagen. Aber so einfach ist es dann eben doch nicht.

Das Ende einer Männerfreundschaft

Und das liegt eben auch an Benjamin von Stuckrad-Barre. Der ist inzwischen nicht mehr mit Döpfner befreundet, die beiden verwerfen sich im Zuge der Reichelt-Affäre. Die bereits zitierte Lobrede des Springer-Chefs auf den Ex-„Bild“-Chef gibt Hinweise auf die Ursachen dieses Zerwürfnisses: „Da macht sich einer jeden Tag viele mächtige Feinde“, schreibt Döpfner darin über Reichelt. „Und wir müssen immer sehr genau unterscheiden, woher die Gegnerschaft kommt. Auch deshalb ist aber alles was wir gestern besprochen haben richtig.“

Was genau die beiden „gestern besprochen“ hatten, lässt sich nur mutmaßen. Ein Bericht des Portals „Medieninsider“ legt aber nahe: Es ging um genau jene Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegen den damaligen „Bild“-Chef, deren Veröffentlichungen in der „New York Times“ diesen später den Job kosten würden. Denn Stuckrad-Barre war einer der zentralen Hinweisgeber, die zu einem Compliance-Verfahren gegen Reichelt geführt hatten. „Meine vermeintliche Rolle in dieser Springer-Angelegenheit ist ja öffentlich dokumentiert. Zwar nicht von mir selbst und durchweg fehlerhaft, aber sei’s drum“, kommentierte Stuckrad-Barre dazu im Gespräch mit dem „Spiegel“.

Und er erzählt dort auch, wie es zu dieser Rolle kam: Ab 2017, gerade als die #MeToo-Bewegung weltweit an Fahrt aufnahm, hätten sich immer mehr Frauen aus dem Springer-Verlag an ihn gewendet. Er sei „Zeuge geworden“, habe sich „darum nicht beworben“, aber: „Frauen aus dem Springer-Verlag begannen mich anzurufen – und machen es bis zum heutigen Tag.“

Damit nun zurück zu Stuckrad-Barres neu veröffentlichtem Roman „Noch wach?“. Der Buchverlag Kiepenheuer & Witsch hatte angekündigt, es handele sich um ein „Sittengemälde unserer Zeit“. Der Roman erzähle von „Machtstrukturen und Machtmissbrauch, Mut und menschlichen Abgründen“. Das Werk sei „in Teilen inspiriert von verschiedenen realen Ereignissen“, jedoch eine „hiervon losgelöste und unabhängige fiktionale Geschichte“, teilt der Verlag am Mittwoch weiter mit. Es erhebe „keinen Anspruch, Geschehnisse und Personen und ihre beruflichen und privaten Handlungen authentisch wiederzugeben“.

Hinweise wie diese sind juristisch vermutlich notwendig. Die Anwälte von Axel Springer dürften in diesen Stunden ebenso hektisch durch die 384 Seiten des Romans blättern wie jene Personen, die sich darin wiederzuerkennen wähnen. Und doch, das sagt Autor Stuckrad-Barre heute dem „Spiegel“, könne ein fiktiver Roman „wahrer sein als die Wirklichkeit“.



Es ist unschwer, in die Figuren des Romans Personen hineinzulesen, die bei Axel Springer tätig sind oder tätig waren. In den narzisstisch-manipulativen Chefredakteur eines fiktiven Fernsehsenders etwa, der sich einer jungen Auszubilden annähert, ihr Komplimente macht, über den es im Rest des Senders heißt, „wie gefährlich er sei, und dass du dich in Acht nehmen sollest“. Oder in die zerbrechende Männerfreundschaft zwischen dem Erzähler und einem Konzernchef. All diesen „Schlüsselromanunfug“ zu bemühen, so nennt es Stuckrad-Barre selbst, lässt sich beim Lesen dieses Romans kaum vermeiden.

Gleichzeitig sagt Stuckrad-Barre aber über Julian Reichelt: „Ich würde niemals ein Buch über diesen Mann schreiben.“ Er interessiere sich „nicht für diesen Typen, sondern für einen bestimmten Typus Mensch.“ Das Buch sei „Literatur und kein Klatsch“.

Klatsch gibt es rund um das Axel-Springer-Hochhaus in diesen Tagen ja auch schon genug. Da kann etwas Literatur nicht schaden – zur Abwechslung. Und zur Freude des Buchverlags: Man habe bereits zum Start 160.000 Exemplare an den Buchhandel ausgeliefert, berichtet eine Sprecherin von Kiepenheuer & Witsch. „Das ist eine außergewöhnlich hohe Erstauflage.“

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