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Steigende Coronazahlen Wird der Karnevalsauftakt zum GAU für die Gastronomie?

Corona-Zahlen: Karnevalsauftakt - Super-GAU für die Gastronomie? Quelle: dpa

Angesichts rasant steigender Coronazahlen verzichten in den rheinischen Karnevalshochburgen einzelne Gastronomen lieber auf Umsatz, als ins Risiko zu gehen. Schon jetzt ist klar: Der Branche droht ein harter Winter.

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„Liebe Gäste und leev Jecke, wir haben eine schwere Entscheidung getroffen: Das Veedel bleibt am 11.11. geschlossen!“, schreibt die Kölner Gaststätte „Früh Em Veedel“ auf Facebook. Ebenso soll es im „Chlodwig-Eck“, dem „Wirtz“ und etlichen weiteren Restaurantbetrieben in der Domstadt mit Blick auf die schnell steigenden Coronazahlen am 11.11. keinen Kneipenkarneval geben. Und auch in anderen Karnevalshochburgen bleibt manch Party-Location geschlossen. 

Wirte verzichten freiwillig auf Umsatz? Tatsächlich ist die Branche tief gespalten. Während die einen nicht auf das Karnevalsgeschäft verzichten können oder wollen, sorgen sich andere Gastronomen, um die möglichen Auswirkungen auf die Infektionslage. Sie befürchten zusätzlichen Personalmangel im Weihnachtsgeschäft durch krankheitsbedingte Ausfälle, vor allem aber eine Diskussion um eine weitere Verschärfung der Zugangsregeln, falls der Karnevalsauftakt die Infektionsdynamik erhöht. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach befürchtet gar, dass der Karneval zu einem „Superspreader-Event“ werden könnte.

Schon im Vorfeld spürten Gastronomen überall im Land, dass das Geschäft wieder schwieriger wird. Strengere Auflagen schlagen direkt auf ihr Geschäft durch. „Viele Unternehmer rechnen mit Umsatzeinbußen aufgrund der verschärften Zugangsregelungen“, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, der WirtschaftsWoche. Laut einer aktuellen Dehoga-Umfrage fürchten 63,5 Prozent der Betriebe die verpflichtende Einführung der 2G-Regelung, also den Zutritt nur noch für Geimpfte und Genesene. Gastronomiebetriebe in Bundesländern, die bereits auf 2G-Regeln setzen, oder darüber hinaus nur PCR-Getesteten den Zugang gestatten (3G Plus), würden bereits „von Stornierungen im Veranstaltungs- und Tagungsbereich“ berichten. Die Entwicklung dürfte ausgerechnet im wichtigen Weihnachtsgeschäft noch Fahrt aufnehmen.

„Traditionell gehört die Advents- und Weihnachtszeit mit Firmenweihnachtsfeiern oder Weihnachtsessen mit Geschäftspartnern, Freunden oder mit der Familie im Restaurant für die Gastronomen und Hoteliers zu den wichtigsten Wochen des Jahres“, sagt Branchenvertreterin Hartges. Nach einem aufgrund des Lockdowns 2020 komplett ausgefallenen Weihnachtsgeschäft hoffen Restaurants jetzt zwar auf eine bessere Saison. „Allerdings ist die Stimmung bei den Gastronomen und Hoteliers gedämpft“, so Hartges. 18,8 Prozent seien positiv bis sehr positiv gestimmt, 33,4 Prozent zeigen sich neutral. Fast jeder zweite Unternehmer (47,9 Prozent) blickt indes negativ oder sogar sehr negativ auf die letzten Wochen des Jahres. Grund dafür ist die aktuelle Buchungslage. 72,1 Prozent der Unternehmer bewerten diese schlechter als 2019, nur 5,5 Prozent als besser. Vor allem bei Unternehmensweihnachtsfeiern und Cateringaufträgen für interne firmeninterne Feiern häufen sich derzeit die Absagen, heißt es in der Branche. 

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    „Bußgeldbescheide wurden bisher nicht erlassen“

    So habe die Brauerei Veltins wie schon im Vorjahr betriebliche Weihnachtsfeiern abgesagt, berichtete jüngst die „Welt am Sonntag“. Bei Siemens seien Weihnachtsfeiern in den Abteilungen zwar erlaubt. Doch das Unternehmen empfiehlt, in Deutschland auch in diesem Jahr von sämtlichen Feierlichkeiten abzusehen. Auch beim Rückversicherer Munich Re würden große Feste angesichts der Infektionslage ausfallen. Möglich seien nur dezentrale Weihnachtsfeiern in kleinen Gruppen. Ähnlich hält es Energieversorger RWE. Und beim Softwarekonzern SAP gibt es laut Welt am Sonntag wie im vergangenen Jahr nur ein virtuelles Fest. 

    Und so beginnt für die Gastro-Branche wieder das große Bangen. Laut der Dehoga-Erhebung wenden aktuell zwei Drittel der Betriebe (66,4 Prozent) die 3G-Regelung an. Neun Prozent der Unternehmer praktizieren 2G. Elf Prozent wechseln zwischen 2G und 3G je nach Bedarf. 10,6 Prozent der Betriebe wenden 3G Plus an. Doch wie systematisch die Einhaltung der Regeln von den Behörden überwacht wird, scheint regional recht unterschiedlich gehandhabt zu werden. Das könnte auch zum Karnevalsauftakt ein Problem werden. Zwar setzen die Karnevalshochburgen Köln und Düsseldorf auf strikte Vorgaben: In den abgesperrten Bereich vor dem Düsseldorfer Rathaus dürfen zum „Hoppeditz-Erwachen“ am 11.11. nur geimpfte oder genesene Zuschauer. In Köln gilt zum Karnevalsbeginn am Donnerstag in der Altstadt und im Zülpicher Viertel in den abgesperrten Bereichen sowie in allen Kneipen die 2G-Regel. Doch ob deren Einhaltung immer kontrolliert werden kann, scheint zumindest fraglich.



    „Wie wir 2G beim Schunkeln kontrollieren wollen, ist mir noch nicht ganz klar“, sagte Christian Karagiannidis, Leiter des Intensivregisters der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ und spricht damit aus, was sich viele fragen: Klappt die Einlasskontrolle in der Altstadt, in den großen Brauhäusern und den kleinen Kneipen in den Veedeln? „Feiern in Innenräumen mit viel Alkohol neigt zum Superspreading-Event“, so Karagiannidis. 

    Die Stadt Köln verweist auf Zugangskontrollen in den entsprechenden Zonen. Diese gelten indes nicht für Anwohner, Gewerbetreibende und deren Beschäftigte. Und in den Kneipen selbst bleibt die Umsetzung der Kontrollen – und im Zweifel der Ärger mit Gästen – zunächst an den Gastro-Mitarbeitern hängen. „Grundsätzlich sind die Betreibenden von Gaststätten oder anderen Einrichtungen für die Einhaltung der Regeln verantwortlich“, teilt die Stadt Köln mit.

    Auch der Branchenverband Dehoga appelliert an die Gastronomiebetriebe, sich um die Einhaltung der Regeln zu kümmern: „Bei allem Verständnis für den Mehraufwand ist ein Nichtbeachten der Vorgaben auch unfair gegenüber der großen Mehrheit unserer Mitglieder, die sich an die Regeln hält.“ Bei Verstößen drohten im Übrigen empfindliche Strafen. So können in Köln Bußgelder von 250 Euro für Gäste und 500 Euro für Wirte verhängt werden, die die Coronaschutzverordnung unterlaufen. „Wenn fremde oder gefälschte Immunisierungsnachweise verwendet werden und dies nachgewiesen werden kann, kann sich im Einzelfall das Bußgeld auf 1000 Euro erhöhen.“ 

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    Das klingt zwar abschreckend und tatsächlich hat die Stadt nach Angaben einer Sprecherin im Jahr 2021 „bisher über 650 Verstöße in Gastronomiebetrieben festgestellt“ und aktuell verzeichne der Ordnungsdienst der Stadt Köln auch „eine sehr hohe Beschwerdelage in Bezug auf nicht ordnungsgemäße Kontrollen der 3G-Regelung in Gastronomiebetrieben“.  Allerdings: „Bußgeldbescheide wurden bisher nicht erlassen.“

    Mehr zum Thema: Es gibt so viele Corona-Infektionen wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Rufe nach einer flächendeckenden 2G-Regel werden laut.  Doch die Wahrheit ist: Ein nur halbherzig durchgesetztes 2G kann das Problem nicht lösen.

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