US-Strafzölle Wie deutsche Unternehmen Trumps Handelskrieg ausweichen

Trump-Finsternis: Der US-Präsident will dunkle Zeiten für den Welthandel einläuten – doch deutsche Unternehmen sind vorbereitet. Quelle: REUTERS

Der Handelskrieg zwischen den USA und Europa ist eröffnet. Doch viele Firmen schreckt das nicht. Denn findige Berater haben längst Wege gefunden, um die ungeliebten Zölle zu drücken.

Manfred Lindloff ist ein erfolgreicher Beamter. Er kennt seine Vorschriften und Gesetze nicht nur, nein, die Beziehung geht tiefer. „Meine Bibel“ nennt er den Unionszollkodex, das Gesetzbuch über die Grenztarife in Europa. Und wenn Lindloff, stellvertretender Leiter des Hauptzollamts Waltershof, mitten im Hamburger Hafen, daraus predigt, dann klingt das so: „Im Kodex steht, dass wir Waren unverzüglich abzufertigen haben. Ob das dann 12, 24 oder 72 Stunden sind, steht da nicht.“ Spricht es, die Arme akkurat verschränkt auf der grünen Uniformjacke, und blickt aus seinem Eckbüro in Richtung Unendlichkeit, hinweg über die Kulisse der Globalisierung. Rechts die Köhlbrandbrücke, links die Terminals, an denen sich die bunten Container stapeln.

Drei Stockwerke weiter unten zeigt das Wort des Herrn derweil seine Wirkung. In einem engen Flur mit einer Handvoll Sitzplätze warten die Lastwagenfahrer, dass eines der Lämpchen unter der Decke endlich auf Grün umschaltet. Grün bedeutet Abfertigung. Kann aber dauern. Das beweisen die hängenden Gesichter, die roten Verbotsschilder, die Sitzen auf den Treppenstufen untersagen – und die Kommentare im Internet: „Langsamer können nur Schnecken und Faultiere“, schreibt einer.

Der zähe Alltag im Zollamt Waltershof könnte schon bald zum neuen Pulsschlag des Welthandels werden. Heute wird nur noch ein Bruchteil aller Waren, die nach Deutschland eingeführt werden, auf diese Weise verzollt, der Großteil passiert längst elektronisch. Doch seit US-Präsident Donald Trump Strafzölle auf Stahl und Alu verkündet hat, mit Abgaben auf deutsche Autos droht und vom Handelskrieg spricht, sind Diplomaten und Politiker aus den Industrieländern in Aufruhr. Sie fürchten einen Rückfall in Zeiten der Kleinstaaterei, wo hinter jeder Hafenmauer ein Schlagbaum wartet und vor jeder Grenze eine Warteschlange.

Ein solcher Handelskrieg, ist sich das ifo Institut jetzt schon sicher, „kennt nur Verlierer“. Die EU-Kommission plant dennoch den Gegenschlag: Zölle auf Erdnussbutter und Orangen, auf US-Whiskey und Harley-Davidsons. Nur von denen, die dieser Krieg eigentlich treffen müsste, ist erstaunlich wenig zu hören. Die Unternehmen lassen zwar ihre Lobbyisten mahnen, den großen Aufschrei aber vermeiden sie. Klar: Wer zugibt, dass das eigene Haus darunter leidet, den erwischt es garantiert als Ersten. Aber selbst hinter vorgehaltener Hand bleiben die Konzernvertreter ruhig. Wir finden da schon einen Weg, flüstern sie dann.

Zölle, soll das heißen, sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die Unternehmer von heute jedenfalls schrecken sie kaum mehr. Dafür sind sie viel zu gut beraten, von einer Heerschar an Anwälten und Consultants, die ihnen erzählen: Handelskrieg ist halb so schlimm – wir helfen da durch. Anti-Zoll-Berater – eine Profession, die es schon gar nicht mehr geben dürfte, die nun eine ungeahnte Konjunktur erlebt – dank Trump.

Zölle. Bislang konnte Claudia Schmucker bei diesem Wort nur müde lächeln. Die Dame ist Handelsexpertin bei der deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Dort leitet sie seit fast 15 Jahren das Programm Globalisierung und Weltwirtschaft. Und bislang bedeutete das vor allem: Handelsabkommen bewerten, Vorschriften anprangern, Einfuhrquoten beobachten, also sogenannte nicht tarifäre Handelshemmnisse. „Zölle“, sagt Schmucker, seien im transatlantischen Handel „für die Realwirtschaft nicht mehr von besonderer Bedeutung“.

Wer Schmucker aber dieser Tage spricht, der hört viel von den indirekten Folgen des Zollwettlaufs: Verschlechterung des Handelsklimas, Umleitung der Rohstoffe, am Ende vielleicht das Ende der Welthandelsorganisation WTO. Die angekündigten Einfuhrabgaben selbst, sagt Schmucker, „haben jedoch nur moderate Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft“. Interessanter ist da schon die Nebenwirkung: der nie gekannte Zulauf, den Zolloptimierer erleben.

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