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Werner knallhart60 Jahre Stiftung Warentest: „Nur Deppen kaufen teure Markenprodukte“

Unserem Kolumnisten wurde schon als kleinem Kind beigebracht: Sehr gut ist etwas nicht, weil es teuer ist, sondern wenn „sehr gut“ drauf steht. Es zählt nicht das Image, sondern objektiv getestete Qualität. Dank der Stiftung Warentest gehen Millionen von Sparfüchsen als Gewinner durchs Leben. Eine Kolumne.Marcus Werner 10.12.2024 - 07:55 Uhr

Ein Leuchtschild mit dem Logo der Stiftung Warentest ist an einem Geschäftshaus am Lützowplatz angebracht.

Foto: Monika Skolimowska/dpa

Als mein Vater vor über einem Jahrzehnt gestorben war, brachten wir es erst Jahre später übers Herz, seine Test-Hefte zum Altpapier zu geben, die er in den vergangenen Jahrzehnten feinsäuberlich und chronologisch in Leitz-Ordnern abgeheftet hatte und die damals durchaus anderthalb Meter Regalfläche im Gästezimmer füllten.

Denn die Testergebnisse in den seitenlangen Tabellen mit Kreisen, Dreiecken und Qualitätsurteilen in den Monatszeitschriften der Stiftung Warentest waren immer Teil der Familien-DNA gewesen, hatten sie doch immer die Grundlage dafür geschaffen, was bei den Werners gegessen, getrunken und eingeschaltet wurde.

Ich komme aus einer Familie, in der das Motto galt: Wozu ins Restaurant, wenn wir es selber besser kochen können? (Und das konnten meine Eltern). Wozu ins Hotel, wenn wir das auf dem Campingplatz gesparte Geld stattdessen in Wasserrutschenparks, Eiscreme und Micky-Maus-Hefte investieren können?

Aldi, Lidl & Co.

„Alle Discounter verkaufen im Basis-Sortiment das Gleiche – zum gleichen Preis“

von Henryk Hielscher

Warum Evian kaufen und schleppen, wenn wir unseren Durst für 2 Euro 50 pro Person komfortabel direkt aus der Leitung stillen können? 2 Euro 50 pro Jahr!

Und so galt es als eine der größten Lebensfreuden meines Vaters, jeden Monat aufs Neue das druckfrische Heft aus dem Briefkasten zu ziehen und uns dann als versammelte Familie fast jedes Mal spätestens beim Abendbrot aufzulisten, welche Handelsmarken von Aldi, Lidl, Rossmann oder DM wieder einmal bei den unbestechlichen Warentestern viel besser abgeschnitten hatten als die teuren Markenprodukte:

  • Elektrische Zahnbürsten für 12 Euro reinigen besser als die Schnickschnack-Geräte für 99 Euro. „Wie bei den Zahncremes. Passt!“
  • Die Fair-Trade-Weihnachtsschokolade von Lidl ist die beste aller getesteten Weihnachtsschokoladen. „Und die kostet die Hälfte.“
  • Die 2-Euro-79-Sonnencreme von der Drogerie-Hausmarke schneidet genauso gut ab wie die aus der blauen Flasche für 8 Euro 99. „Ist ja immer das gleiche chemische Prinzip.“
  • Das beste Bio-Olivenöl kommt vom Discounter. „Wie machen die das bei dem Preis?“
  • Die 30 Prozent billigeren No-name-Schokoküsse sind identisch mit denen bei Rewe, weil vom selben Hersteller. „Jaha, weil der seine Produktionsstraßen dank dem Deal mit Aldi besser auslasten kann.“

Mit der Essiggurke auf der Gabel in der Rechten und den bereits kreisrund vom Eiweiß abgeschiedenen Dotter des Spiegeleis vor sich auf dem Sovitalbrot schüttelte mein Vater dann grinsend den Kopf: „Die Leute sind so dusselig. Nur weil sie keine Ahnung haben, kaufen sie sicherheitshalber das Markenprodukt und orientieren sich so allein am Werbeversprechen und Image. Und schmeißen so über ihre Lebensspanne hinweg Zigtausende für schlechtere Qualität zum Fenster raus. Die können einem echt leidtun.“

Diese Haltung färbte auch auf unseren Samstagvormittag ab. Da ging es immer zuerst zu Aldi, und zwar schon in den späten Achtzigern, in denen Aldi vielen noch als Europaletten-Lager für asoziale Kunden galt, die es im Leben leider nicht geschafft hatten. Meine Schwester und ich hatten hingegen schon als Kinder verinnerlicht: Hier kaufen die Schlauen.

Doch weil das Sortiment der Discounter damals noch sehr eingeschränkt war, kamen wir nicht umhin, später noch zu einer der Supermarktketten mit den Markenprodukten zu wechseln, um dort den Rest einzukaufen, damals insbesondere noch frisches Gemüse und Fleisch. Gut, dass wir No-name-Schokoküsse als Proviant im Kofferraum hatten.

Doch haben die Tests der Stiftung Warentest bis heute ein Manko: Bei Geschmacksfragen sind wir Menschen uns nicht einig. Da hilft nicht immer ein Testurteil. Bei Olivenöl gibt es vielleicht noch eine Art von genormten Geschmackskategorien wie Schärfe, Fruchtigkeit, ranzige Noten. Aber selbst bei Kartoffelchips wird es schon schwierig.

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Und so galten bei uns abweichend von den Testergebnissen Ausnahmen mit Markennamen: Beim Kakao musste es Nesquik sein, bei der Nussnougatcreme Nutella, beim O-Saft für die Schule Hohes C, bei Müsliriegeln die von Schwartau, bei den Chips Crunchips, beim Puddingpulver Paradiescreme von Dr. Oetker. Hier billigte unser Vater uns argumentfreies Wegkonsumieren ohne Sinn und Verstand zu. Einfach so aus Liebe.

Und so ist es bis heute geblieben. Gut, heute würde ich weder Paradiescreme noch Nesquik kaufen. Aber der blinde Griff zum Markenprodukt fühlt sich für mich immer noch an wie ein kleines Versagen.

Die Stiftung Warentest hat uns in all den Jahren zu mündigen Verbrauchern gemacht, die uns von teuren Werbespots nach den Mainzelmännchen kurz vor der 19-Uhr-Heutesendung nichts vormachen lassen.

Und bevor ich mir heute eine neue Spülmaschine oder einen Wischroboter zulegen würde, würde ich mir immer für ein paar Euros den dazu passenden Test meiner Lieblingsstiftung herunterladen. Alles andere wäre einfach irre! Herzlichen Glückwunsch, Stiftung Warentest, zum 60sten! Du hast Deutschland ein ganzes Stück deutscher gemacht. Und zwar im guten Sinne.

Den Autor erreichen Sie über LinkedIn.

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