Werner knallhart: Beim Galadinner zeigt Hapag Lloyd, welchen Stellenwert der Umweltschutz wirklich hat
Auf der „Dine & Cruise“ genannten Veranstaltung von Hapag-Lloyd Cruises in Berlin sollte es Ende Mai auch mal kurz um Nachhaltigkeit gehen. Das war durchaus angemessen, denn Kreuzfahrtschiffe sind ungeheure CO2-Schleudern. Bei einer Siebentägigen Kanaren-Rundfahrt fallen laut Umweltbundesamt beispielsweise pro Passagier rund 0,95 Tonnen CO2-Äquivalente an. Und dann muss noch die Flugreise ab Deutschland zum Ablegehafen dazugerechnet werden, das macht zusammen knapp 2,2 Tonnen CO2. Zum Vergleich: Bei Fahrten mit Auto, Bus und Bahn produziert der Durchschnittsdeutsche rund 1,6 Tonnen CO2, also viel weniger. Pro Jahr.
Und nun saß ich da und wollte mich in netter Begleitung darüber informieren lassen, wie die Zukunft der Luxus-Reederei unter dem Tui-Dach aussieht, hieß es in der Einladung doch „Neuigkeiten rund um Hapag-Lloyd Cruises“. Wie sieht angesichts des Klimawandels die Zukunft einer modernen deutschen Kreuzfahrt-Firma aus?, dachte ich mir so.
Der Abend war dann aber eine Kunden-Werbeshow auf Powerpoint, begleitet von Crémant und Dreigänge-Menü, das einen Eindruck von der Kulinarik an Bord vermitteln sollte. Überhaupt: Das gute Essen scheint eines der Hauptmerkmale zu sein, auf die das Unternehmen mit seinen vergleichsweise kleinen, vergleichsweise exklusiven und deshalb auch vergleichsweise teuren Kreuzfahrten stolz ist. Eine 16-tägige Tour rund um Japan auf der „Hanseatic spirit“ (mit maximal 230 Passagieren) etwa kostet inklusive An- und Abreise mindestens 15.390 Euro pro Person. Nur mal so.
Also, das Essen: Der Chefverkäufer des Abends kam ins Schwärmen. Wenn Sie an Bord eines der Schiffe etwa Tatar essen wollen, dann werden Ihnen die von Ihnen gewünschten Zutaten wie etwa Zwiebeln, Kräuter und so direkt VOR IHREN AUGEN in den Rührpott geworfen. Also etwa so, wie es Schmalspururlauber von der Sandwichzubereitung bei „Subway“ kennen, nur mit rohem Fleisch und bei Seegang.
Wenn Sie aber denken, dass Sie dann das Tatar einfach serviert bekommen, müssen Sie den Speichel runterschlucken und umdenken. Nein, das Tatar wird dann in der Rührschüssel wieder einkassiert, in die Küche gebracht, dort ausgekratzt und hübsch zurecht gemacht. Erst dann ist es ein echtes Essen Marke Hapag-Lloyd Cruises. Falls Sie sich fragen, wo Ihre 15.390 Euro geblieben sind.
Das andere Hauptmerkmal der Touren ist die Nähe zur Natur. Auf den Arktisreisen Eisbären ganz nah (was ja dank der schmelzenden Eisberge künftig immer leichter zu organisieren sein dürfte). Auf dem Amazonas Ausflüge mit bordeigenen Schlauchbooten zu putzigen bunten Fröschen in den dicht bewachsenen Seitenarmen des Flusses. Mit den kleinen Kreuzfahrtschiffen kommen die Passagiere eben näher ran an entlegene Gegenden, wo den Riesendampfern der Konkurrenz mit ihren tausenden Partygästen die Wendigkeit fehlt.
Umso erstaunter war ich, dass bei dieser naturverbundenen Reederei partout nichts zur Umweltbelastung und zu den Nachhaltigkeitsbemühungen gesagt wurde. In einem Werbevideo blitzte für gefühlt weniger als eine Sekunde die Info auf, das nun irgendwie von Schweröl auf umweltverträglichere Treibstoffe umgestellt worden war. Aber der Umweltschutz sollte nicht so recht Thema werden.
Doch dann! Der Verkaufsmann sprach über das Essen aus der Region. Ich meine, ich erinnere mich fast wortwörtlich, dass er zu einer Reise an den Südzipfel Südamerikas sagte: „Und mal ehrlich. Was gibt es Nachhaltigeres, als während einer Kreuzfahrt an den Falklandinseln Erdbeeren zu essen, wenn sie dort gerade wirklich reif sind? Und nicht diese extra aus Spanien nach Deutschland importierten. Ich meine, ich habe die Spanischen noch nie gegessen.“
Der Verkaufsmann des Abends steht also auf Erdbeeren aus der Region. Nur dass man für die bei Hapag-Lloyd Cruises angepriesenen erst nach Südamerika fliegen und dann auf ein rauchendes Kreuzfahrtschiff steigen muss, um ohne schlechtes Gewissen Erdbeeren aus der Region mit Sahne genießen zu können.
Das sollte ein Scherz von ihm sein. Doch mehr zum Thema Umweltschutz war dem Mann nicht wichtig. Der Hotelleriechef der Reederei hingegen beliebte nicht zu scherzen. Als einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit in der Kreuzfahrtbranche lobte er den Hapag-Lloyd-eigenen Weihnachtsbaum. Statt jedes Jahr einen neuen zu kaufen, werde immer wieder derselbe an Bord geschafft. Man spürte an dieser Stelle seine Sehnsucht nach Applaus.
Ich wagte eine Nachfrage an den Verkäufer: „So weit so gut. Bis auf den Punkt mit der Nachhaltigkeit. Was konkret unternehmen Sie gegen Ihren Einfluss auf den Klimawandel? Wie kompensieren Sie CO2? Was tun Sie gegen den Ausstoß von Ruß? Wie machen Sie da Ihren Kunden ein gutes Gefühl?“
Auf allen möglichen Buchungsportalen für Flüge und Hotels springen uns heute Infos zu Nachhaltigkeits-Initiativen an, Angebote, CO2 zu kompensieren, Trinkwasser zu sparen, Lebensmittel zu schützen und die Umwelt vor Ort zu schonen.
Doch ausgerechnet auf meine Frage zum Klimaschutz bei Hapag-Lloyd Cruises fiel dem Mann nichts Großes ein. Schweröl würde jetzt nirgends mehr genutzt, überlegte er laut. Umweltfreundliche Lacke. „Wir haben ja Ihre E-Mail-Adresse. Wir schicken Ihnen gerne Infos zu unserem Nachhaltigkeitsprogramm zu.“
Und dann: „Aber Sie haben natürlich recht. Besser fürs Klima wäre es, wir würden gar nicht erst losfahren.“
Das war Ende Mai. Ich habe bis heute keine E-Mail bekommen.
Auf deren Website steht zur Klimaschutz-Roadmap: „Freiwillige CO2-Kompensation 2025“. Erst. All das könnten auch Mitarbeitende dort nachlesen. Aber es gibt offensichtlich wichtigere Themen für die Verkaufsleute vor Ort. Was denken die über ihre Kunden?
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