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Wirecard-Prozess„Es war immer vollkommen klar, dass Dr. Braun das mitträgt“

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun hat die Milliarden-Manipulation beim Skandalkonzern operativ gesteuert, sagt der mitangeklagte Ex-Dubai-Statthalter Oliver Bellenhaus und liefert Details aus angeblichen Treffen.Volker ter Haseborg 11.01.2023 - 20:07 Uhr

Angeklagter und Ex-Vorstandsvorsitzender von Wirecard Markus Braun. Vorne: Mitangeklagter und Kronzeuge Oliver Bellenhaus.

Foto: imago images

Es dauert bis zum Nachmittag, ehe es an diesem Tag im Wirecard-Prozess um Markus Braun geht. Um die Frage, ob der langjährige Wirecard-Chef Teil der Bande ist, die nach Auffassung der Münchner Staatsanwaltschaft Milliarden-Geschäfte mit Partnerfirmen im Ausland erfunden hat. Es ist die Kernfrage des Gerichtsverfahrens, entsprechend vehement weisen Braun und seine Verteidigung die Vorwürfe zurück.

Vor Richter Markus Födisch sitzt Oliver Bellenhaus, er war Wirecards Statthalter in Dubai. Er hat vor Gericht bereits gestanden, Belege für die Existenz von Geschäften mit Drittpartnern (TPA) gefälscht zu haben – zusammen mit dem ehemaligen Chefbuchhalter Stephan von Erffa, der ebenfalls angeklagt ist und kriminelle Handlungen bisher bestritten hat. Aber auch zusammen mit dem bis heute flüchtigen Ex-Vorstand Jan Marsalek. Auch sein ehemaliger Chef Markus Braun soll ihm zufolge Teil dieser Gruppe gewesen sein. Braun sitzt im Gerichtssaal keine zwei Meter hinter ihm. Beide würdigen sich keines Blickes.

Bevor es aber um Braun geht, schildert Bellenhaus seinen Weg in den Milliardenbetrug. 2012, im Skiurlaub, sei er vom damaligen Finanzvorstand Burkhard Ley (gegen den noch ermittelt wird) angerufen worden. Ob er nicht nach Dubai gehen und sich dort um das Drittpartnergeschäft kümmern wolle? Bellenhaus wollte. „Dubai war mein Traumziel. Das war eine gute Beförderung. Eine sehr gute“, sagt er.

Marktmanipulation, Untreue, Bandenbetrug

Die Story vom Milliardenkonzern

In München hat der Prozess gegen den langjährigen Wirecard-Chef begonnen. Die Ermittler sehen ihn als Kopf einer Bande, die Umsätze erfand. Vor allem seine Kapitalmarkt-Kommunikation bringt ihn in Bedrängnis.

von Volker ter Haseborg

Er sei von Ley und von Marsalek damit beauftragt worden, den Drittpartner Al Alam zu gründen – als Ergänzung zu den bereits bestehenden Drittpartnern Senjo und Payeasy. 2013 ging er nach Dubai. Zunächst habe er noch angenommen, dass die Drittpartner so etwas waren wie Verschiebe-Bahnhöfe für Umsätze. Doch spätestens 2016 sei ihm klar gewesen, dass das TPA-Geschäft nicht existent war, so Bellenhaus. Wirecard habe Umsätze gebraucht, weil andere Umsätze aus dem Geschäft mit Porno- und Glücksspielzahlungen eingebrochen waren. Also fälschte er sie.

„Wir haben angefangen, was zu basteln“

Marsalek habe ihm anfangs Daten geschickt, aus denen er Abrechnungen basteln sollte. Später sei von Erffa sein Hauptansprechpartner und Lieferant für die Vorgaben von Zahlen gewesen, die Schnittstelle zu Markus Braun. Zusammen mit von Erffa will Bellenhaus Rechnungen und Belege gefälscht haben. „Irgendwann war klar: Ich bin ein Spieler, wurde aufs Spielfeld gestellt. Und jetzt spielt man mir hin und wieder den Ball zu“, sagt er.

Den Wirtschaftsprüfern habe man das Zahlenwerk vorgegaukelt, sagt Bellenhaus: „Es war ein Riesenchaos. Der Wirtschaftsprüfer brauchte was, dann entstand die Panik. Wir haben angefangen, was zu basteln. Das einzige Ziel, war zu sagen: Ist der Wirtschaftsprüfer glücklich?“

Brauns Verteidigung hingegen will vor Gericht beweisen, dass es das Drittpartnergeschäft sehr wohl gegeben hat– und dass eine Bande um Marsalek und Bellenhaus das Geld hinter Brauns Rücken geklaut hat.

Lesen Sie auch: Die absurde Verteidigungsstrategie des Markus Braun

„Gab es TPA-Geschäft, das veruntreut wurde?“, fragt Richter Markus Födisch. „Nein“, sagt Bellenhaus. Ihm zufolge hat Braun eine zentrale Rolle im Drittpartnergeschäft gespielt. „Es war immer vollkommen klar, dass Dr. Braun das mitträgt“, sagt Bellenhaus. Braun habe „operative Anweisungen“ gegeben, ab 2016 habe er regelmäßig deshalb mit Braun zu tun gehabt. Er erinnere sich an ein Gespräch, in dem Braun mehr Volumen im TPA-Geschäft gefordert habe. Und „anderes Business“. Zum Beispiel einen geringen Anteil von Umsätzen aus dem Porno-Bereich, weil das nach außen schlecht aussah. Es ging also um Zahlen, die im Nachhinein auf Brauns Geheiß geändert wurden. Und um Umsätze, die im Nachhinein umcodiert wurden, sagt Bellenhaus.

Brauns Direktiven seien teilweise über einen Mitarbeiter an Bellenhaus‘ Vorgesetzten von Erffa herangetragen worden. Er habe sich teilweise dagegen gewehrt – von Erffa habe dann Kontakt zu Braun gesucht, sagt Bellenhaus. Die Beschwerden hätten aber wenig Erfolg gehabt. Von Erffa habe ihn angerufen und mitgeteilt, dass es bei den Vorgaben bleiben müsse. „Markus will das so“, soll von Erffa gesagt haben.

„Es war eine reine Verarschungs-Aussage“

Binnen weniger Tage habe er die Zahlen der Drittpartner umbauen müssen. Umsatz und Ertrag wurden Knall auf Fall ständig geändert. „Geht nicht. Markus will das so“, hätte von Erffa oft gesagt, wenn er aus Gesprächen mit Braun zurückkam.

Am 24. Oktober 2019 sei es zu einem Gespräch in Brauns Büro in Aschheim gekommen. Auch Marsalek und von Erffa seien dabei gewesen. Damals hatten die Prüfer von KPMG gerade mit ihrer Sonderuntersuchung des Drittpartnergeschäfts begonnen. Bellenhaus sagt heute, er und von Erffa hätten sich mehr als skeptisch gezeigt, ob es gelingen würde, Belege für das Drittpartner-Geschäft zu beschaffen. „Ich dachte, wir werden das nicht schaffen.“ Braun jedoch habe beschwichtigt, von einem „semiforensischen Audit“ gesprochen und davon, dass er schon mit dem KPMG-Management gesprochen habe. „Es war eine reine Verarschungs-Aussage“, sagt Bellenhaus. Er habe gefragt, warum Wirecard die Untersuchung überhaupt veranlasst habe. Braun habe geantwortet, man wolle mit der Untersuchung – die natürlich positiv für Wirecard ausfallen werde – die Kapitalmärkte „managen“ und so für einen steigenden Aktienkurs sorgen.

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Von 2015 bis 2020 habe er mindestens einmal im Quartal mit Braun gesprochen oder ihn getroffen. „Wir haben oft telefoniert“, sagt Bellenhaus. E-Mails habe es nicht gegeben, ein Großteil der Kommunikation sei über die Messengerdienste Telegram und Signal gelaufen.

Sein letztes Gespräch mit Braun habe er im Juni 2020 kurz vor dem Zusammenbruch von Wirecard geführt. Er habe nochmal Volumendaten für die Pressekonferenz zum Jahresabschluss 2019 zusammenstellen müssen. Eine Pressekonferenz, die nie stattgefunden hat, weil der Skandal aufflog und EY Wirecard kein Testat erteilte. Braun habe ihn zuvor aufgefordert, die Zahlen zu liefern, sagt Bellenhaus. Eine Hälfte habe er dann noch geliefert – die andere Hälfte nicht mehr, sagt Bellenhaus. Weil er mit Wirecard abgeschlossen hatte, keine Lust mehr hatte – und nur noch wegwollte. Wenig später reiste er nach München und stellte sich den Behörden.

Wäre der Milliarden-Betrug ohne Braun möglich gewesen? „Nein, unmöglich“, sagt Oliver Bellenhaus. Fortsetzung folgt. An diesem Donnerstag geht die Verhandlung weiter.


Lesen Sie nachfolgend das WirtschaftsWoche-Live-Blog vom Prozesstag:


11.01.2023 – 15:28 Uhr Volker ter Haseborg
Richter Födisch will für heute Schluss machen. Morgen soll es weitergehen. 
Ich schreibe jetzt noch eine Zusammenfassung des heutigen Tages - die dann später auf wiwo.de zu sehen ist. 
Danke fürs Mitlesen - und bis morgen!
11.01.2023 – 15:18 Uhr Volker ter Haseborg
Bei der KPMG-Prüfung habe Stephan von Erffa Belege gefälscht, sagt Bellenhaus.
11.01.2023 – 15:15 Uhr Volker ter Haseborg
Noch eine Email, die Födisch an die Wand wirft. Auch aus ihr soll hervorgehen, wie von Erffa Änderungen am Stand der Treuhandkonten forderte. (Die Dokumente werden an die Wand geworfen. Wir Zuschauer sitzen jedoch so weit weg, dass wir kaum lesen können, was darin steht.)
11.01.2023 – 15:11 Uhr Volker ter Haseborg
Födisch lässt eine Email von Stephan von Erffa an die Wand werfen. Darin fordert von Erffa Bellenhaus auf, die Zahlen nochmal zu korrigieren. "35 Mio weniger bitte" steht da. 
11.01.2023 – 15:07 Uhr Volker ter Haseborg
Zum Ende des Quartals seien die Zahlen-Vorgaben von von Erffa gekommen. Daraus habe er Abrechnungen der TPA-Partner erstellt. Und wieder per Email an von Erffa verschickt. "Aber natürlich nicht unter meinem Namen." Sondern im Namen der Drittpartner.
11.01.2023 – 15:03 Uhr Volker ter Haseborg
Die "intellectual property" der Verträge sei von von Erffa gekommen.
11.01.2023 – 15:02 Uhr Volker ter Haseborg
Födisch kommt zurück zur Zusammenarbeit zwischen Bellenhaus und von Erffa. Bellenhaus sagt, dass er mit von Erffa Vertragsentwürfe vorformuliert hat - eine Mitarbeiterin in Dubai hätte die Texte in die Juristensprache übersetzt. 
11.01.2023 – 15:00 Uhr Volker ter Haseborg
Ohne Braun hätte es interne Prüfungen gegeben. Mitarbeiter hätten angefangen, sich Gedanken zu machen. 
11.01.2023 – 14:59 Uhr Volker ter Haseborg
Wäre der Milliarden-Betrug ohne Braun möglich gewesen? "Nein, unmöglich. Weil wir jemanden gebraucht haben, der das TPA-Geschäft abschirmt", sagt Bellenhaus. 
11.01.2023 – 14:59 Uhr Volker ter Haseborg
Marsalek habe ihm noch gesagt, dass er jetzt auf die Philippinen fliege, um das Treuhand-Geld zu finden. Das sei "amüsant" gewesen, sagt Bellenhaus. "Ich kann mir vorstellen, dass Jan schon auf der Uhr hatte, dass er überwacht wird." - Er habe Marsalek gesagt: "Hallo Jan, ich bin's". Sie hätten später noch mal telefoniert. "Und er hat mir nicht verraten, wo er ist."
11.01.2023 – 14:57 Uhr Volker ter Haseborg
Marsalek habe ihn nach dem Zusammenbruch aufgefordert, Beweismittel zu vernichten. Mit Braun und von Erffa hatte er nach eigenen Angaben keinen Kontakt mehr. 
11.01.2023 – 14:56 Uhr Volker ter Haseborg
Sein letztes Gespräch mit Braun habe er kurz vor dem Zusammenbruch geführt. Er habe nochmal Volumendaten für die Pressekonferenz zum Jahresabschluss 2019 zusammengestellt. Braun habe ihn aufgefordert, die Zahlen zu machen. Eine Hälfte habe er noch geliefert - die andere Hälfte nicht mehr, sagt Bellenhaus. Weil er mit Wirecard abgeschlossen hatte - und nur noch weg wollte.  
11.01.2023 – 14:49 Uhr Volker ter Haseborg
Sie hätten Textnachrichten ausgetauscht und telefoniert, sagt Bellenhaus.
11.01.2023 – 14:48 Uhr Volker ter Haseborg
Wie hat Braun kommuniziert? Emails gab es nicht. Ein Großteil der Kommunikation lief über Telegram und Signal, sagt Bellenhaus.
11.01.2023 – 14:46 Uhr Volker ter Haseborg
"Er hat jetzt nicht meine TPA-Abrechnungen kontrolliert. Da war er kein Kontrollfreak."
11.01.2023 – 14:46 Uhr Volker ter Haseborg
War Braun ein Kontrollfreak? "Er hat schon die Sachen sehr schnell verstanden. Und er wollte die Sachen auch wissen. Man musste es nicht zehnmal erklären." 
11.01.2023 – 14:44 Uhr Volker ter Haseborg
Al Alam hatte eine Händler-Liste, auf der 34 Händler standen. Die FT hatte recherchiert, dass es viele dieser Händler gar nicht gab, andere hatten von Al Alam noch nie etwas gehört. Diese Liste wurde geleaked. 

Er habe mit Braun darüber gesprochen, wie man mit der Liste umgeht. "Wir hatten dafür keine Lösung." Nach mehreren Telefonaten mit Braun habe man schließlich eine Sprachregelung gefunden.
11.01.2023 – 14:40 Uhr Volker ter Haseborg
Von 2015 bis 2020 habe er mindestens einmal im Quartal mit Braun gesprochen oder ihn getroffen. "Wir haben oft telefoniert." 
11.01.2023 – 14:40 Uhr Volker ter Haseborg
Er habe in seinen Vernehmungen zunächst ausgesagt, dass es "eine Vielzahl" von Telefonaten mit Braun gegeben habe. Und dies auf 12 Telefonate pro Jahr korrigiert. 
11.01.2023 – 14:38 Uhr Volker ter Haseborg
Was Braun mit einer angeblich "semiforensischen Prüfung" gemeint hat? "Es war eine reine Verarschungs-Aussage", sagt Bellenhaus. Um den Druck rauszunehmen, um ihn zu beschwichtigen. 
11.01.2023 – 14:36 Uhr Volker ter Haseborg
Warum die Sonderuntersuchung überhaupt beauftragt wurde, sei Thema gewesen. Braun soll Bellenhaus zufolge gesagt haben, dass man mit der Untersuchung die Kapitalmärkte "managen" wolle. Also mit einem positiven Ergebnis die Wirecard-Aktie pushen wolle.
11.01.2023 – 14:33 Uhr Volker ter Haseborg
Sind Sie sich sicher, dass Braun gesagt hat, er habe mit dem CEO von KPMG gesprochen? Das will Richter Födisch wissen. Bellenhaus: "Ja."
11.01.2023 – 14:32 Uhr Volker ter Haseborg
"Wir hatten kein System. Das war jedem vollkommen klar."
Oliver Bellenhaus
11.01.2023 – 14:31 Uhr Volker ter Haseborg
Daten der Jahre 2016 bis 2019 habe es nicht gegeben. Jeder, der sich die Transaktion angeschaut hätte, hätte auf einen Blick gesehen, dass die Zahlen nicht authentisch waren. EY hätte nur Stichproben gezogen. 
Braun habe von einem "semiforensischen Audit" gesprochen und davon, dass er schon mit dem KPMG-Management gesprochen habe. Er habe beschwichtigt. 
Marsalek habe Brauns Optimismus geteilt.
Von Erffa sei ähnlich besorgt wie er selbst gewesen, sagt Bellenhaus. 
11.01.2023 – 14:29 Uhr Volker ter Haseborg
Das zweite Gespräch habe am 24.10. 2019 stattgefunden - kurz nach der Beauftragung von KPMG. Braun, Marsalek, von Erffa und er hätten sich im Büro von Braun getroffen. Er habe keine Chance gesehen, dass Wirecard die Untersuchung überstehe. Wegen der Fülle an Infos, die die Prüfer brauchten. "Ich dachte, wir werden das nicht schaffen." Und so sei es dann auch gekommen. 
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