Energiewirtschaft So will RWE unabhängig von Moskau werden

Warnt vor einem Lieferstopp von russischem Gas: RWE-Chef Markus Krebber Quelle: dpa

Alles in Moll. Der Ukraine-Krieg überschattet die Vorstellung der Jahreszahlen des Energieriesen RWE. Vor einem Lieferstopp von russischem Gas warnt dennoch auch Konzernchef Markus Krebber – seine Flexibilität bei der Kohle stößt auf Kritik.

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Es ist eine denkwürdige Pressekonferenz, die RWE an diesem Dienstag in Essen abhält. Es fühle sich „irgendwie seltsam“ an, Geschäftszahlen inmitten dieses „grausamen“ Krieges zu präsentieren, sagt Konzernchef Markus Krebber gleich zu Beginn. Alles ist überschattet von dem Krieg in der Ukraine, von der Betroffenheit. Sie stamme aus „Ex-Jugoslawien“, sagt etwa Personalvorständin Zvezdana Seeger, da fühle sich die Not noch eine „ganze Ecke näher an“. Raketen. Tote. Das alles habe man erlebt, das „wollten wir nie wieder erleben.“ 

Der Moll-Ton, den die Konzernspitze anschlägt, zeigt, wie bewusst man sich auch hier ist, dass derzeit nichts normal ist, dass tatsächlich auch in der Energiewirtschaft eine „Zeitenwende“ ansteht. Denn wo soll Deutschlands Energie in Zukunft herkommen, wenn nicht aus Russland? Und zu welchem Preis? Die Fragen sind so fundamental, dass Krebbers Ausführungen bisweilen so wirken, als würde er eine Regierungserklärung abgeben – zur Versorgungslage der Nation.

In jedem Fall liquide

Für RWE können Krebber und Finanzvorstand Michael Müller an diesem Vormittag beachtliche Zahlen vorweisen. Das Ergebnis des Konzerns (Ebitda) ist 2021 gegenüber dem Vorjahr gestiegen, von 3,29 auf 3,65 Milliarden Euro. Treiber des Geschäfts waren der Energiehandel, aber auch das Geschäft mit Strom aus Gas- und Kohlekraftwerken. Für 2022 rechnet RWE sogar mit einem Ergebnis zwischen 3,6 und 4 Milliarden Euro. Auch liquide sei man, sagt Müller. Wir haben genug auf der hohen Kante, um Sicherheiten im Stromhandel hinterlegen zu können, bedeutet das. 

Selbstverständlich ist das nicht. Uniper hatte Anfang des Jahres bei der staatlichen Förderbank KfW Kreditlinien in Höhe von zwei Milliarden Euro vereinbart, um für einen Anstieg der so genannten Margin-Zahlungen gewappnet zu sein, Sicherheiten, die im Handel hinterlegt werden müssen und die durch die explodierenden Energiepreise in die Höhe geschossen waren. Auch der Gasgroßhändler VNG hat, wie Anfang der Woche bekannt geworden ist, bei der KfW um einen Kreditrahmen ersucht. RWE, so Müllers Botschaft, hat das nicht nötig.

Dennoch bergen die Sanktionen gegen Russland und ein möglicher Lieferstopp auch für RWE Risiken. Zwar seien die bisherigen Auswirkungen überschaubar, sagt Krebber. Aber vor allem der Geschäftsbericht skizziert die Gefahren eindeutig. „Obwohl RWE keinen Geschäftstätigkeiten in Russland und der Ukraine nachgeht, könnte eine weitere Eskalation des Konflikts und ein Abbruch der Lieferbeziehungen zu russischen Unternehmen spürbare Auswirkungen auf unsere Vermögens-, Finanz- und Ertragslage haben“, heißt es dort. Der Konzern hat einen langfristigen Liefervertrag mit dem russischen Monopolisten Gazprom.

Neue Lieferverträge mit Russland werde RWE nicht abschließen, sagt Krebber. Dies gelte für Erdgas, Steinkohle und Öl.

Warnung vor Lieferstopp aus Russland

Krebber warnt davor, Energieimporte aus Russland zu kappen – und stützt so die Haltung der Bundesregierung. „Ich kann die Rufe nach maximaler Ausweitung der Sanktionen sehr gut nachvollziehen“, sagt der Manager. Aber: „Energieimporte von Russland auszusetzen hätte derzeit aufgrund der hohen Abhängigkeit massive Konsequenzen. Ein sofortiger Stopp hätte ungeahnte Folgen für die Wärmeversorgung der Haushalte. Zudem dürfte eine längere Lieferunterbrechung die Produktionsanlagen der Industrie und des Mittelstandes nachhaltig schädigen. Ich kann die Position der Bundesregierung, die sich zum jetzigen Zeitpunkt gegen Sanktionen von Energielieferungen ausgesprochen hat, sehr gut nachvollziehen.“ Es ist eine Haltung, die moralisch schwierig ist. Das wissen alle, Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) hat das am Sonntag in der ARD-Sendung „Anne Will“ auch unumwunden zugegeben. Aber noch herrscht die eindeutige Meinung vor: Es geht nicht anders.

Aber selbst wenn vorerst noch Energieträger aus Russland bezogen würden, so Krebber, sei allen klar, dass es nun darum gehe, die Abhängigkeit von Moskau möglichst schnell zu reduzieren, Versorgungssicherheit zu gewährleisten, ohne den Ausbau der Erneuerbaren Energien auszubremsen. „Es steht außer Frage“, sagt Krebber. „Der Energiemarkt wird sich, ausgelöst durch diesen Krieg, fundamental ändern.“ Nur: Wie will RWE für Unabhängigkeit sorgen?

Kernkraft? Nein, danke

Kurzfristig gehe es darum, mögliche Ausfälle abzusichern. Das könne etwa durch eine längere Laufzeit von Kohlekraftwerken geschehen. „Wir prüfen deshalb, welche Kohlekraftwerke im Notfall wieder ans Netz gehen oder länger als geplant am Netz bleiben können“, sagt Krebber. „Technisch machbar wäre das für unser Steinkohlekraftwerk in Westfalen.“ Einen Ausstieg aus dem Kohleausstieg bedeutet das für Krebber allerdings nicht. „Das ändert nichts am Kohleausstieg. Es ist keine Rolle rückwärts, sondern allenfalls ein Schritt zur Seite für eine begrenzte Zeit.“ 2038 soll das letzte Kohlekraftwerk eigentlich vom Netz gehen, „idealerweise“, wie es im Koalitionsvertrag heißt, schon früher. Aber „ideal“ ist gerade nichts. Ist der Plan, den Ausstieg schneller zu bewerkstelligen, durchzuhalten? Darüber, sagt Krebber, wolle er derzeit nicht spekulieren. An den Zeitplänen, etwa im Tagebau, sei bisher jedenfalls nichts geändert worden. Entscheiden müsse über längere Laufzeiten von Kraftwerken ohnehin die Bundesregierung. „Wir bereiten uns vor und stehen im Bedarfsfall bereit“, sagt der RWE-Chef.

Und die Atomkraft? Für Krebber ist sie kein Thema mehr, auch Habecks Wirtschaftsministerium hat bereits abgewunken. Kurzfristig technisch nicht machbar. „Für einen sinnvollen, verlängerten Betrieb von Kernkraftwerken schätzen auch wir die Hürden als zu hoch ein.“ Am Atom-Ausstieg, das hat sich in den vergangenen Tagen abgezeichnet, wird nicht mehr gerüttelt werden. Kernkraft, nein danke. So heißt es jetzt auch bei RWE.

Dafür stellte Krebber in Aussicht, dass das nun in aller Eile beschlossene Flüssiggas-Terminal in Brunsbüttel unter Umständen relativ schnell in Betrieb gehen könnte. Ein LNG-Terminal mit Tanklager und Pipelines, so Krebber, wäre wahrscheinlich erst 2026 einsatzbereit. Aber ein „stückweiser“ Aufbau der Infrastruktur sei so denkbar, dass das Terminal in Betrieb gehen könne, möglicherweise vor 2025. Deutschland verfügt bisher über keinen einzigen LNG-Terminal. Bundeskanzler Olaf Scholz hatte im Bundestag verkündet, dass die Regierung den Aufbau dieser Infrastruktur in Brunsbüttel und Wilhelmshaven forcieren wolle, auch Stade ist als Standort im Gespräch. RWE beteiligt sich in Brunsbüttel.

Kommt die Energiewende jetzt schneller?

Grundsätzlich, so scheint es, ist der Essener Konzern trotz aller Verwerfungen strategisch gut positioniert. Wenn jetzt vorübergehend wieder verstärkt auf Kohle gesetzt werden sollte, wird RWE daran gut verdienen. Für das grüne Zeitalter hat sich RWE ohnehin gewappnet. „Growing Green“, heißt die im vergangenen Jahr verkündete Strategie, die mit massiven Investitionen in Erneuerbare Energien, ob Offshore oder Onshore, verbunden ist. Der politische Drang, sich nun um fast jeden Preis möglichst schnell aus der Abhängigkeit Wladimir Putins zu lösen, könnte auch diese Bemühungen befeuern und belohnen. „Jetzt, da es um die Befreiung von den Abhängigkeiten russischer Energielieferungen geht, kommt da noch mal eine ganz andere Dynamik und eine noch höhere Geschwindigkeit rein“, sagt Krebber. „Das wäre natürlich sehr positiv, was die Energiewende angeht. Und darauf zahlen wir natürlich dann mit unserem Wachstumsprogramm Growing Green ein.“ Allerdings profitiere RWE von dieser Entwicklung nicht kurzfristig. „Aber es könnte natürlich sein, dass es am Ende der 20er Jahre durchaus noch mal zu einer Beschleunigung auch unseres eigenen Wachstumsprogramm kommt“, so Krebber.

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Grün ist diesem Investor nicht grün genug

Noch nicht grün genug ist RWE nach Ansicht des Finanzinvestors Enkraft, der auf eine Abspaltung des Kohlegeschäfts dringt. „Die Jahresergebnisse der RWE sind insbesondere aufgrund der hohen Strompreise erwartbar gut“, hieß es am Dienstag von Enkraft. RWE habe 2021 die Stromproduktion aus Braunkohle um ein Viertel nach oben gefahren. „Ohne eine Ablösung der Braunkohleaktivitäten wird RWE absehbar kein nachhaltiges Unternehmen.“ Wie schon in der Vergangenheit zögere RWE, sich auf grundlegende strategische Schritte festzulegen. Der Krieg in der Ukraine und die sich fundamental ändernden Grundsätze der Energieversorgung von Deutschland seien nur ein weiterer Anlass für RWE auf Vorgaben der Regierung zu warten.

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