RWE: Was der aktivistische Investor Elliott von RWE-Chef Krebber fordert
Seit einiger Zeit ist klar, dass der aktivistische US-Investor Elliott Investment Management auch dem Vorstand des größten deutschen Energieerzeugers RWE das Geschäft etwas schwerer macht. Schon im vergangenen Sommer hat es Gespräche auf höchster Ebene gegeben, konkret beim Lunch vor der Fußball-EM-Partie England gegen Slowenien in Köln. Ergebnis des Spiels: 0:0, torlos unentschieden.
Nur mit Unentschieden hat es der aggressive Hedgefonds bekanntermaßen nicht so. Deswegen meldete Elliot sich am Montagmorgen dieser Woche auch öffentlich – mit einem Wumms in Richtung RWE-Management in Essen, wenige Tage nach der Bilanzpressekonferenz. Elliott halte nun fast fünf Prozent der RWE-Aktien, hieß es in einem Statement. Man finde es ja gut, dass der Konzern seine bis 2030 geplanten Investitionen um 10 Milliarden Euro gestutzt habe, auf netto 35 Milliarden Euro. Man finde es auch gut, dass RWE nun engere Kriterien bei den Investitionen anlegen und Renditeziele erhöhen wolle. RWE hatte die Renditeanforderungen vergangene Woche bei der Bilanzpressekonferenz von bislang „durchschnittlich 8 Prozent“ auf durchschnittlich „mindestens 8,5 Prozent“ erhöht. Dies sei ein „wichtiger erster Schritt“.
„However“, hieß es in dem Schreiben dann allerdings – und es folgte das große Aber: Elliott sei wie der Markt insgesamt enttäuscht darüber, dass es RWE an „Klarheit“ fehle, wie der Konzern denn nun die Werte der Anleger erhöhen wolle. Angesichts der angekündigten Verminderung der Investitionen und der „anhaltenden Unterbewertung“ von RWE gebe es nun eine „zwingende Gelegenheit“, den Umfang und das Tempo des Aktienrückkaufprogramms zu erhöhen. „Wir freuen uns unseren konstruktiven Dialog mit dem Unternehmen fortzusetzen“, hieß es.
Eine beinharte Drohung Richtung Essen
Was nach freundlichem Gespräch klingt, ist eine eisenharte Drohung in Richtung des RWE-Managements um CEO Markus Krebber. Diese Drohung lautet vor allem: Das, was ihr bisher geplant habt, reicht uns nicht. Und wenn ihr nicht mehr macht, könnt ihr euch auf unruhige Zeiten einstellen. RWE hatte angekündigt, bis zum zweiten Quartal 2026 Aktien für bis zu 1,5 Milliarden Euro zurückzukaufen, Elliot fordert eine Erhöhung dieser Summe. Zwar reicht der Elliott-Anteil für keine Mehrheiten in einer RWE-Hauptversammlung. Diese Mehrheiten stützen eher das Management. Knapp 9 Prozent hält allein der staatliche Investitionsfonds von Katar, QIA, der größte Einzelinvestor. Und ein Anteil von deutlich über 10 Prozent liegt bei Kommunen in Nordrhein-Westfalen.
Dennoch hat Elliott wiederholt bewiesen, wie unbequem der Fonds für CEOs und deren Strategie sein kann, ob bei Thyssenkrupp und SAP in Deutschland oder bei dem Telekommunikationskonzern AT&T in den USA. Zuletzt ist Elliott in Europa bei dem Öl- und Gaskonzern BP eingestiegen und drängte das Management erfolgreich hin zu einer zügigen Rückkehr zum fossilen Geschäft. Gleichzeitig wettet Elliott beim Energieriesen Total Energies auf einen fallenden Kurs – und damit auf ein Versagen der Dekarbonisierungsstrategie der Franzosen.
RWE hält weitere Rückkäufe für möglich
Von RWE heißt es in Reaktion auf das Statement Elliotts, man stehe fortwährend in Gesprächen mit Investoren. Man habe mit den vergangenen Wochen angekündigten Maßnahmen bereits auf das „aktuelle Marktumfeld“ reagiert. Aber es heißt auch: „Weitere Aktienrückkäufe sind Teil unserer zukünftigen Überlegungen zur Kapitalallokation.“ Für 2025 seien alle Investitionen „vollständig verplant, ab 2026 haben wir mehr Flexibilität.“ Über die optimale Kapitalallokation werde man „Anfang nächsten Jahres“ entscheiden, wenn Klarheit über die künftigen Investitionen in den USA und in Deutschland bestehe. Übersetzt heißt das: Wir spüren den Druck – und halten uns alle Möglichkeiten offen.
RWE steckt derzeit in einem strategischen Dilemma. 2021 hat der Essener Konzern seinen Aufbruch ins Grüne verkündet, seine „Growing Green“-Strategie. Das Ziel: Wegkommen von der fossilen Energieerzeugung, bloß das Image des steten Schmutzfinken abschütteln und vor allem auf Erneuerbare Energien setzen. Mit dem Tagebau im Rheinischen Revier und seinen Kohlekraftwerken ist RWE zwar immer noch einer der größten CO2-Emittenten Europas. Aber das soll sich absehbar ändern, vor allem mit dem Kohleausstieg 2030. Schon jetzt liege der Anteil des Stroms aus regenerativen, grünen Quellen bei über 40 Prozent, hieß es bei der Bilanzpressekonferenz.
Hat sich der grüne Wandel ausgezahlt?
Kernpunkt der Strategie sind massive Investitionen in Erneuerbare Energien weltweit, insgesamt waren 55 Milliarden Euro vorgesehen für Windkraft Offshore und Onshore, für Solarenergie, für „flexible Produktion“, für Batteriespeicher, für Wasserstoffprojekte. 2023 hat RWE für knapp sieben Milliarden Euro die Erneuerbaren-Sparte von Con Edison Energy in den USA gekauft – und wurde so jenseits des Atlantiks mit einem Schlag zu einem der größten Betreiber von Solar- und Onshore-Windparks. Dazu investierte der Konzern in Offshore-Windparks vor der Küste New Yorks und hat Rechte im Golf von Mexiko ersteigert. Der Inflation Reduction Act Joe Bidens, das gigantische grüne Investitionsprogramm, schien die USA zu einem grünen Wirtschaftswunderland zu machen. Die Weigerung von US-Präsident Donald Trump, Offshore-Windparks zu genehmigen sowie die Skepsis Trumps gegenüber Erneuerbaren Energien insgesamt haben das US-Geschäft von RWE dagegen vorerst deutlich unsicherer gemacht.
Krebbers Hauptproblem: Über den Aktienkurs hat sich die grüne Strategie bislang nicht ausgezahlt. Im Gegenteil: Der Kurs macht ihn angreifbar. Der Wert der Aktie liegt derzeit mit 32 Euro in etwa auf dem Niveau des Herbsts 2021. Deshalb hat Markus Krebber angekündigt, die Investitionen zu stutzen und das Aktienrückkaufprogramm anzugehen. Das soll dem Kurs helfen. Analysten dringen schon seit einiger Zeit auf ein Rückkaufprogramm. RWE-Finanzchef Michael Müller hatte sich dagegen lange gesperrt und seine Position erst im vergangenen Herbst nach dem Wahlerfolg Donald Trumps geändert.
Ist das US-Investment ein Abenteuer?
Der deutsche aktivistische Investor Enkraft um Geschäftsführer Benedikt Kormaier hatte zudem schon länger auf eine Abspaltung des Kohlegeschäfts gedrungen, um den Wert von RWE zu heben. Krebber hatte einen klaren Plan hin zu so einem Schritt stets abgelehnt. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, der Energiekrise und dem Rückgriff auch auf RWE-Kohlekraftwerke hatte die Forderung an Stoßkraft verloren. Krebber versuchte ihr auch dadurch zu begegnen, dass er mit dem Land Nordrhein-Westfalen und dem Bund einen Kohleausstieg für das Jahr 2030 vertraglich vereinbarte. Und er setzte darauf, dass vor allem Robert Habeck und sein Ministerium für Wirtschaft und Klima (BMWK) die finanziellen Rahmenbedingungen für den Bau neuer Gaskraftwerke bald festzurren würde, sodass RWE hier würde investieren können.
Diese Kraftwerksstrategie gibt es bis heute nicht. Das ist Krebber nicht anzulasten, eher Habeck und dessen Kleinklein mit der EU-Kommission. Schwerer dürfte ohnehin wiegen, dass das US-Geschäft so unkalkulierbar geworden ist, vor allem Offshore. Es wäre wohlfeil zu behaupten, dass Krebber die Trumpsche Rückkehr hätte vorhersehen und einkalkulieren müssen. Aber nun fühlen sich alle bestätigt, die 2023 bei der Übernahme der Erneuerbaren-Sparte von Con Edison vor einem teuren Wagnis fern des Kernmarktes gewarnt haben. „Konnte man 2022 absehen, dass Trump wiederkommt? Nein.“, sagt Enkraft-Geschäftsführer Benedikt Kormaier. „War das Risiko null? Auch nein.” Der RWE-Chef, so die Unterstellung, habe sich verzockt – auf Kosten der Anleger.
„Es ist kein Geheimnis, dass wertorientierte Aktionäre seit langem sehr unzufrieden mit RWEs mangelndem Fokus auf Risiko und Rendite von Investitionen sind“, sagt Kormaier. „Die mangelnde Bereitschaft des RWE-Managements, eine wertsteigernde Strategie zu entwickeln und umzusetzen, wird dem Unternehmen nun zum Verhängnis. Der Druck auf das Management wird von nun an weiter zunehmen.“ Um RWE „wieder auf Erfolgskurs zu bringen, so Kormaier, brauche es „letztlich mehr als nur die Steigerung der Kapitalrendite für die Aktionäre. Die fehlende Shareholder- und Value-Orientierung des Vorstands bringt RWE in eine schwierige und verletzliche Lage.“ Dem Unternehmen fehle eine „klare, wertorientierte Strategie“, die sich auf seine Kernkompetenzen, die europäische Stromerzeugung, konzentriert. Die Kernaussage ist eindeutig: Das US-Abenteuer war ein Fehler. „RWE ist ein Paradebeispiel dafür“, kritisiert Kormaier, „wie deutsche Unternehmen durch Unentschlossenheit und Schläfrigkeit ihrer Führungsteams an Stärke und Bedeutung verlieren.“
„Elliott wird eine Dynamik entfalten“
Dabei zielt Kormaier direkt auf RWE-CEO Krebber: „Dem Managementteam von Markus Krebber fehlt es an Glaubwürdigkeit, eine wertsteigernde Strategie umzusetzen“, sagt er. Es ist ein Vorgeschmack auf die Diskussion, die sich in den nächsten Wochen vor der RWE-Hauptversammlung Ende April entspinnen könnte, möglicherweise befördert von Elliott. Krebbers Vertrag läuft bis 2026. Eine Verlängerung erscheint sicher. Alles andere wäre eine faustdicke Überraschung. Bislang war vor allem Enkraft ein steter Stachel im Fleisch des RWE-Vorstands. Mit Elliott dürfte die Kritik lästiger werden. Schon jetzt kommt von Seiten der Aktivisten Kritik am mutmaßlich neuen Aufsichtsratschef Frank Appel. Der frühere DHL-CEO und Telekom-Aufsichtsratschef soll auch bei RWE zum Oberaufseher gekürt werden. Für Investor Kormaier ist das kein gutes Signal. „Frank Appel wird die RWE-Strategie kaum groß in Frage stellen. Er steht für eine Kultur des Weiter so. Und ein Weiter so ist genau das, was RWE nicht gebrauchen kann“, sagt der Enkraft-Geschäftsführer. Werde der Aufsichtsrat bei der Hauptversammlung so gewählt, wie es in der Einladung für die Hauptversammlung vorgeschlagen wird, so werde es „RWE weiter an Expertise und vor allen an kritischen Positionen“ fehlen. „Wir würden uns einen Aufsichtsrat mit einem breiteren Erfahrungsschatz wünschen, wenn RWE schon so ein großes US-Unternehmen ist“, sagt Kormaier. „Wer kennt sich denn da bitte in den USA aus?“
Für Mehrheiten der Aktivisten dürfte es bei der – virtuellen – Hauptversammlung kaum reichen. Aber die Strategie des RWE-Vorstands dürfte nun lauter in Frage gestellt werden als zuvor. „Der offizielle Einstieg von Elliott wird eine Dynamik bei RWE entfalten“, prophezeit zumindest Benedikt Kormaier.
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