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Engadinerhäuser Jenseits der Spekulation

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Engadinerhäuser taugen kaum als Kapitalanlage

„Wir vermitteln keine Bauten, wir nehmen keine Provision“, betont Ruch, „uns geht es nur darum, Lösungen zu finden“. Und er lässt anklingen, dass die meisten anderen in seiner Branche das nicht so streng sähen. Es gebe drei, vier weitere Firmen, die auf andere Weise mit Engadinerhäusern Erfolg hätten, sagt einer seiner Büro-Mitarbeiter und spielt damit auf eingezogene Stockwerke und zerstörte Leerräume an. Die allerwenigsten seiner Kunden, versichert dagegen Ruch, benutzten die umgebauten Häuser als Kapitalanlage. Die Investitionen erfolgten „ausschließlich aus kulturellem und architektonischem Interesse“. Allenfalls gebe einen Liebhaber-Markt.

Auf die Frage, ob er sich nicht doch mitverantwortlich fühle, dass sich St. Moritz und Teile des Engadins in ein Refugium für die Oberschicht verwandelten, lacht er kurz und entgegnet trocken: „Da gibt’s nichts mehr zu verwandeln.“ Sehr viele Reiche seien „hier gelandet und die ziehen einander an“. Sein Beitrag sei „marginal“.

Angefangen hat Hans-Jörg Ruch 1987 mit einem Engadiner Haus in der Graubündner Gemeinde S-chanf, zwischen Davos und St. Moritz. Ein Bekannter aus dem Kanton Solothurn hatte das rund 400 Jahre alte Objekt gekauft und Ruch mit dem Umbau beauftragt. Der Besitzer wollte zunächst Wohnungen in den riesigen Heustall einziehen. Doch Ruch widersprach. Der große Raum blieb erhalten und diente dem Eigentümer fortan als Abstellraum und Holzlager, während er für Ruch zur Blaupause seines weiteren Wirkens wurde.

Schwarzer Kubus in Heustall eines Engadinerhauses Quelle: Filippo Simonetti

Fast zwanzig Jahre später entdeckte ein Galerist den Lagerraum in S-chanf und richtete dort eine Kunstgalerie ein. Ruch ließ hierfür einen schwarz-schimmernden Würfel mit sieben Meter Kantenlänge in den Heustall einsetzen. Alt und Neu berühren einander nicht, man kann den eingesetzten Galerie-Kubus komplett umrunden – eine spektakuläre Lösung. „Und wie das so ist“, erzählt Ruch, „die Leute haben Bekannte, die laden sie ein, und die erzählen das weiter.“ So häuften sich die Anfragen bei Ruch, und am Ende zogen mehr und mehr Galerien in die Heuställe von Engadinerhäusern ein: „Damit haben wir sie gerettet.“

Kunstgalerie im Inneren des Heustalls. Quelle: Filippo Simonetti

Kunstmuseen statt Poststelle

Die Kunst war Hans-Jörg Ruch anfangs tatsächlich näher als die Architektur. Aufgewachsen ist er im Dorf Bellach im Kanton Solothurn, 30 Kilometer nördlich von Bern. Sein Vater führte die Poststelle, seine Mutter war Hausfrau. Er hätte ohne Schwierigkeit die Arbeit seines Vaters fortführen können, erzählt er, die Leitung der Poststelle sei seit Generationen Sache der Familie gewesen. Aber Briefe interessierten den jungen Ruch dann doch nicht so sehr wie die Kunst: Er zeichnete und modellierte, besuchte die Kunstmuseen der Umgebung. Nach seiner Matura an einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium wählte er an der ETH Zürich das Studium der Architektur. „War eine gute Fügung“, sagt er rückblickend.

Nach seinem Master an einer technischen Hochschule in der Stadt Troy im US-Bundesstaat New York kehrte er 1974 in die Schweiz zurück – nach St. Moritz. „Das obere Engadin ist der großartigste Landschaftsraum der Welt“, schwärmt er. Bis 1989 arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros, dann eröffnete er sein eigenes. Ruch entwarf das Straßenverkehrsamt und Bezirksstiefbauamt des Kantons Graubünden, er schuf das elektrische Unterwerk am Julierpass sowie zahlreiche Hotel- und Wohnprojekte. Aber seine Leidenschaft galt immer mehr jenen „architektonischen Interventionen“ wie in der Chesa Petzi.

Wie viel Umsatz? „Keine Ahnung!“

Sein Büro in St. Moritz, gegenüber des schiefen Turms oberhalb der Fußgängerzone gelegen, ist im oberen Stockwerk eines dreistöckigen Zweckbaus untergebracht. Ruchs Mitarbeiter verteilen sich auf 300 Quadratmetern Großraum, vollgestellt mit Modellen aus Holz, Styropor und Pappe, mit Skulpturen seiner Lieblingskünstler, mit Büchern, Skizzen und Regalen voller Leitz-Ordner. Ruch arbeitet nebenan in seinem eigenen Büroraum. Die Stiefel von der Baustelle hat er gegen Sneaker getauscht. Von seinem Schreibtisch aus blickt er auf ein vier Meter langes Gemälde des deutschen Künstlers Franz Wanner, ein Stillleben mit Zitronen auf einem Holztisch.

Schon während seiner Studienzeit, erzählt Ruch, habe er angefangen, Kunst zu sammeln. Heute sei er dank seiner Beziehungen in diese Welt, die ihm auch den Zugang zu Engadinerhäusern begünstigt hat, in der Lage, sich die Zeit für seine „Interventionen“ zu nehmen: Die Hälfte seiner Arbeit machen Engadinerhäuser aus. Ruch betrachtet sich selbst inzwischen mehr als Künstler oder Archäologe, denn als Unternehmer oder Architekt. Fragen nach dem Umsatz seines Büros beantwortet er mit einem dahingeschnaubten „Keine Ahnung!“, als sei es für einen wie ihn absurd, sich mit Zahlen überhaupt zu befassen. Er weiß natürlich auch, dass man sich diese Haltung leisten können muss.

Aufhören, sich als Architekt zur Ruhe setzen? „Ich glaube, das kann ich nicht.“ Wann immer er so ein Haus betrete, „fängt es hier oben an“, sagt er und kreist mit beiden Zeigefingern an seiner Stirn, „und es hört einfach nicht mehr auf“.

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