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Corona-Folgen Einzelhandel befürchtet Pleitewelle gegen Jahresende

Im Bereich Nicht-Lebensmittelhandel hält der Handelsverband Deutschland (HDE) Insolvenzen im Bereich von 10.000 für möglich. Quelle: dpa

Nach jahrelangem Umsatzwachstum droht dem deutschen Einzelhandel durch die Coronakrise der stärkste wirtschaftliche Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Einzelhandelsverband warnt: Zehntausende könnten Pleite gehen.

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Schon Ende März ging der deutsche Modekonzern Esprit in die Schutzschirm-Insolvenz, Anfang Juni meldet eine Tochterfirma der Hamburger Tom Tailor Holding Insolvenz an, Ende Juni war es die deutsche Tochter der Modekette Gina Tricot, die Insolvenz anmeldete. Es sind nur drei der bekanntesten, größten Namen, die in den desaströsen Meldungen zur finanziellen Schieflage im deutschen Einzelhandel seit Beginn der Coronakrise zu lesen waren. Und dabei sind die Modehändler, die von einer Insolvenzwelle erfasst werden, nur eine Sparte des Einzelhandels, bei dem wohl unzählige Unternehmen ums Überleben kämpfen. Das zumindest legt der Handelsverband Deutschland (HDE) nahe.

Der Einzelhandel befürchtet angesichts des Umsatzeinbruchs im Zuge der Coronakrise eine riesige Pleitewelle, ließ der Verband per Videoschalte wissen.. Unter Verweis auf die wegen der Pandemiefolgen bis Ende September ausgesetzte Pflicht zum Antrag auf Insolvenz sagte der HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth: „Wir müssen leider davon ausgehen, dass eine Insolvenzwelle erst später zu erwarten ist – also letztendlich im Herbst und zum Jahresende.“ Die Frage sei dabei auch, ob die Politik die Ausnahmeregelung verlängere oder nicht.

HDE-Daten zeigten, dass in den Monaten März, April und Mai die Ausgaben pro Einkauf im stationären Handel um zehn Prozent gesunken seien, während sie im Online-Handel um 20 Prozent gestiegen seien. Diese Entwicklung setze den Handel unter Druck, seine Geschäftsmodelle sowie Standort- und Investitionsentscheidungen anzupassen. Der HDE fordere deshalb insbesondere für kleinere Firmen einen staatlichen Digitalisierungszuschuss. Außerdem solle beispielsweise der Zugang zu den staatlichen Überbrückungshilfen erleichtert werden.

„Im Bereich Nicht-Lebensmittelhandel haben wir Insolvenzen im Bereich von 10.000 als möglich eingeschätzt“, sagte Genth. Der HDE rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang der Erlöse von 40 Milliarden Euro im Bereich außerhalb des Lebensmittelhandels und insgesamt einem Umsatzminus von vier Prozent für den Einzelhandel. Laut einer HDE-Prognose ist davon auszugehen, dass gut 50.000 Geschäfte im Zuge der Coronakrise dichtmachen müssen. „Das heißt natürlich nicht im September/Oktober, sondern in der Folge daraus, wenn wir nicht zu einer normalen Konjunktur- und Konsumsituation zurückkommen“, sagte Genth.

„Die Krise trifft vor allem Unternehmen mit voller Wucht, die ohnehin schon kämpfen müssen“, sagte Lorenzo Matthaei, Partner der Frankfurter Insolvenzrechtsboutique Finkenhof, kürzlich gegenüber der WirtschaftsWoche.

Auch Insolvenzverwalter haben jüngst vor einem deutlichen Anstieg von Firmenpleiten gewarnt. Hintergrund ist, dass die Insolvenzantragspflicht derzeit ausgesetzt ist – vorerst bis 30. September. Danach sei mit einem deutlichen Anstieg der Firmenpleiten zu rechnen, warnte der Berufsverband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID). Dieser geht nicht davon aus, dass die Aussetzung verlängert wird, sofern es nicht zu einem erneuten Anstieg der Neuinfektionszahlen kommt.

Die Coronakrise hat auch das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) infiziert. Statt andere Firmen zu kaufen oder mit ihnen zu fusionieren, haben die meisten Unternehmen jetzt andere Sorgen – und Investmentbanker und Berater in der Regel weniger zu tun. Einzige Ausnahme: Experten erwarten mehr Restrukturierungsdeals und Notverkäufe von Unternehmen, die sich in der Krise oder in Insolvenz befinden. Das zeigt die „Covid-19-Studie distressed M&A“ des Beratungsunternehmens Falkensteg,.

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