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Coronavirus erwischt Versandhändler „Seit Wochen stapeln sich hier die Pakete“

Der Ausbruch des Coronavirus lähmt mittlerweile große Teile der Paketbranche. Quelle: Getty Images

Das Coronavirus lähmt unter anderem die Paketzustellung beim Onlineversandhändler Wish. Grund dafür sind die Produktionsausfälle in China – und die Angst der deutschen Kunden.

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Sie stapeln sich auf dem Regal, sie liegen verstreut auf dem Boden und im Rest des winzigen Verkaufscontainers des Kfz-Händlers Paul Dornauer in Berlin-Lichtenberg türmen sie sich ebenfalls: Pakete des US-Versandhändlers Wish. „Als Zuverdienst zu meinem Job habe ich hier eine Abholstation für Wish-Pakete eingerichtet“, erklärt Dornauer. Und bislang habe sich das Geschäft mit den Wish-Paketen, die meist aus Asien kommen, für den Berliner Händler gelohnt. Doch durch das Coronavirus wird es zum Problem: „Seit gut drei Wochen stapeln sich hier die Pakete. Viele Kunden holen ihre Pakete einfach nicht mehr ab, weil sie Angst haben, sich mit dem Coronavirus anzustecken“, sagt Dornauer.

Der Ausbruch des Coronavirus im chinesischen Wuhan und seine rasante Ausbreitung bis nach Europa lähmt mittlerweile große Teile der Paketbranche. Bereits Mitte Februar gab die Deutsche Post bekannt, keine Pakete mit Zielort China mehr anzunehmen. Nicht betroffen von dem Annahmestopp sind Briefsendungen, wenngleich mit Verzögerungen bei der Zustellung zu rechnen sei.

Am Beispiel der US-Versandplattform Wish mit Sitz in San Francisco zeigt sich, wie stark der internationale Versand von Waren durch das Coronavirus eingeschränkt wird – und wie die Psychologie der Kunden den Abwärtstrend noch verstärkt. Denn zu den Produktionsausfällen der chinesischen Warenhersteller – die mittlerweile bei sämtlichen Wish-Sendungen von China nach Europa zu Verzögerungen führen – gesellen sich die Ängste der Deutschen vor einer Infizierung über den Postweg.

Pakete stapeln sich bei Wish-Abholstation

Wish, gegründet von dem früheren Google-Ingenieur Peter Szulczewski, zählt laut eigenen Angaben zehn Millionen aktive Nutzer pro Tag und operiert in 130 Ländern. Bekannt ist Wish vor allem für seine Billigangebote, die zumeist von asiatischen Produzenten stammen. Deutschland ist nach den USA und Frankreich der drittgrößte Markt für Wish. 2019 wurde die App des Versandhändlers allein hierzulande knapp fünf Millionen Mal heruntergeladen.

Kfz-Händler Dornauer sitzt am Computer neben einem der Pakethaufen und zeigt eine E-Mail, die er unlängst von Wish erhalten hat. Das US-Unternehmen schreibt darin, dass der Lagerbetrieb von Wish durch den Ausbruch des Coronavirus „erheblich“ eingeschränkt sei. „Aus diesem Grund halten wir neue Kundenbestellungen vorübergehend an, damit die Kunden keine übermäßige Verzögerung bemerken.“

Zudem geht Wish in dem Schreiben auf die Ängste einer Übertragung des Coronavirus durch die Pakete ein: „Wenn Sie oder Ihre Kunden Bedenken haben, dass das Coronavirus über Pakete übertragen wird, möchten wir Ihnen versichern, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt hat, dass das Virus auf Oberflächen oder Gegenständen wie Briefen und Schachteln nicht lange überleben kann.“

Bestätigt wird diese Einschätzung der Versandplattform durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). So gebe es derzeit keine Nachweise dafür, dass sich Menschen „über den Verzehr kontaminierter Lebensmittel oder durch importiertes Spielzeug mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben“. Auch für andere Coronaviren seien keine Berichte über Infektionen durch den Kontakt mit trockenen Oberflächen bekannt. „Übertragungen über Oberflächen, die kurz zuvor mit Viren kontaminiert wurden, sind allerdings durch Schmierinfektionen denkbar. Aufgrund der relativ geringen Stabilität von Coronaviren in der Umwelt ist dies aber nur in einem kurzen Zeitraum nach der Kontamination wahrscheinlich“, schreibt das BfR.

Händler Dornauer hat von den angekündigten Lieferstopps von Wish noch nicht viel mitbekommen: „Noch immer kommen Pakete von Wish an. Abgeholt werden sie allerdings kaum noch.“

Eine der wenigen Wish-Kunden, die an diesem Nachmittag Ende Februar in das Geschäft von Dornauer kommt, ist Gabi G. aus Berlin. Über Wish bestellt sie regelmäßig Kleidung und Deko-Artikel. Angst, dass sie sich über die Pakete mit dem Coronavirus anstecken könnte, hat sie nicht: „Soweit ich weiß, wird das Coronavirus von Mensch zu Mensch und nicht durch Oberflächen übertragen. Ansonsten würde Wish die Sendungen ja auch einstellen.“

Dass Wish die Sendungen nach Deutschland wegen der Produktionsausfälle – nicht wegen eines Infektionsrisikos – mittlerweile reduziert hat, hat das Unternehmen offenbar nicht allen Kunden kommuniziert. Im Gegensatz zu den Händlern haben Kunden wie Gabi G. keinerlei Informationen von Wish erhalten, dass der Versand aktuell eingeschränkt ist. Wish teilt dazu mit, dass Zustelldaten über die Plattform kommuniziert würden und dass das Unternehmen „hart“ daran arbeite, den Bedenken der Verbraucher über sein Kundenserviceteam und über Social-Media-Kanäle entgegenzuwirken.

Zudem erklärt Wish, dass sämtliche Pakete aus China aufgrund des Ausbruchs des Coronavirus derzeit von Verzögerungen betroffen seien. „Wir arbeiten zusammen mit unseren Logistikpartnern und Händlern daran, die betroffenen Regionen zu überprüfen und alternative Wege zu finden, um die Sendungslieferung aufrecht zu erhalten.“

Wish-Partner Dornauer hält von solchen Beschwichtungsformeln nicht viel. Er hat seinen Vertrag mit dem Versandhändler mittlerweile gekündigt.

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