Geld von Danone und Kärcher verbrannt: Ein Wasseraufbereiter für 400 Euro? Berliner Start-up Mitte wird eingestellt
Eigentlich sollte der Wasseraufbereiter von Mitte Giftstoffe herausfiltern und Mineralien hinzufügen. Das Gerät wurde aber nie fertig entwickelt und eine abgespeckte Version auf den Markt gebracht.
Foto: PR„Wir wollen das Wasserunternehmen für das 21. Jahrhundert sein“, ließ sich Mitte-Gründer Moritz Waldstein-Wartenberg einmal zitieren. Das Berliner Start-up arbeitete viele Jahre an einem Gerät, das Schadstoffe aus Leitungswasser filtern und anschließend Nährstoffe beisetzen sollte. Es gab viel Kritik, noch mehr Spott. Denn am Ende präsentierte Mitte einen Wasseraufbereiter mit regulärem Filter und Sprudeleinheit. Kostenpunkt: Mehrere Hundert Euro. Im März meldete Mitte plötzlich Insolvenz an, nun wird der Geschäftsbetrieb eingestellt.
Als Insolvenzverwalter wurde Michael Bohnhoff von der Kanzlei Pluta bestellt. Die finanziellen Mittel der letzten Finanzierungsrunde seien nicht ausreichend gewesen und eine neue Runde gescheitert, weshalb das Start-up den Gang zum Gericht angetreten habe, schrieb Rechtsanwalt Bohnhoff im März. Sowohl der Insolvenzverwalter als auch Mitte-Gründer Moritz Waldstein-Wartenberg gaben sich damals noch optimistisch. Doch die Lage war aussichtslos.
Der Anwalt habe „mit mehreren potenziellen Interessenten Verhandlungen geführt“, sagt er heute. „Letztlich war aber kein Interessent bereit, den Geschäftsbetrieb des Start-ups zu übernehmen. Eine Fortführung des Geschäftsbetriebes ohne frisches Kapital war nicht möglich.“
Gründer plant Fortbetrieb im Alleingang
Für Mitte ist also Schluss. Die verbliebenen 14 Angestellten verlieren ihren Job. Mitte-Gründer Waldstein-Wartenberg scheint dennoch nicht aufgeben zu wollen. Mitte Mai registrierte er eine neue Firma im Handelsregister mit dem Namen The Mitte Water Company GmbH. Bisher ist er alleiniger Gesellschafter. Fragen zu seinem Vorhaben wollte der Berliner nicht beantworten.
Laut Handelsregister schloss das Start-up im Januar noch eine Finanzierungsrunde ab. Zu welcher Höhe, das ist nicht bekannt. Neu eingestiegen sind demnach der französische Ex-Rennfahrer Erik Maris und ein Private-Equity-Verwalter aus Luxemburg. In der Vergangenheit hatten die Venture-Einheiten von Bitburger, Danone und Kärcher sowie weitere Geldgeber einen Betrag im mittleren zweistelligen Millionenbereich investiert.
Mitte wurde 2016 von Waldstein-Wartenberg gegründet, zuvor baute der Unternehmensberater die Berliner Kaffeerösterei Coffee Circle mit auf. Seine Vision war es per Knopfdruck Unreinheiten wie Bakterien und Mikroplastik aus dem Leitungswasser zu entfernen und es in einem zweiten Schritt mit Mineralien anzureichern. Das Gerät, in etwa so groß wie ein Kaffeevollautomat, sollte per App bedient werden. Über verschiedene Crowdfunding-Kampagnen sammelte das Projekt zu Beginn rund 400.000 Euro von Privatpersonen ein. Ein voller Erfolg. Tausende bestellten die Wassermaschine vor, die 2018 auf den Markt gebracht werden sollte. 400 Euro sollte die Mitte-Maschine damals kosten. Doch sie kam ewig nicht.
200.000 Euro Umsatz bei neun Millionen Euro Verlust
Der Verkaufsstart wurde immer wieder nach hinten verschoben. Die Unterstützer wurden sauer, viele verlangten ihr Geld zurück. Ende 2021, also dreieinhalb Jahre später, lieferte Mitte schließlich die ersten Modelle aus. Das Produkt ist allerdings eine abgespeckte Version der ursprünglichen Idee. Die Maschine namens „Mitte Home“ filtert Leitungswasser und reichert es mit Kohlensäure sowie ausgesuchten Mineralien an – allerdings weitaus weniger als früher einmal angekündigt. „Mitte Home“ ist also eine Kombination aus längst bestehenden Technologien, wie sie Brita und Sodastream anbieten. Der Preis lag dennoch bei 350 Euro, zuletzt kostete das Starterkit mitsamt Kartusche, CO2-Zylinder und Flasche sogar rund 590 Euro. Verkauft wurden die Artikel nur über den eigenen Onlineshop. Und nur in Deutschland. Kunden aus den USA, die dort über eine Crowdfunding-Kampagne teilgenommen hatten, wurden vertröstet.
Mehr als fünf Jahre finanzierte sich das Start-up also überwiegend durch Investorengelder. Auch, wenn die „Mitte Home“ nicht der Vision des Gründers entsprach, brachte sie zumindest erste Umsätze ein. Im Jahr 2021 waren das rund 200.000 Euro bei einem Verlust von mehr als neun Millionen Euro. Aktuellere Zahlen sind nicht öffentlich einsehbar.
Das ultimative Gerät „Mitte Home Plus“, das nach dem Filtern noch viele weitere Spurenelemente zuführen sollte, wurde den Privatanlegern der Crowdfunding-Kampagnen zumindest anfangs weiterhin versprochen. Bis es Anfang 2023 von Mitte hieß: „Das Produkt wird es wahrscheinlich nicht auf den Markt schaffen. Es tut uns leid.“
Mitte-Gründer Waldstein-Wartenberg hat das Unternehmen wenige Monate später verlassen. Im Oktober 2023 verkündete er seinen Rücktritt als CEO und den Wechsel in den Aufsichtsrat. Gründe nannte der 41-Jährige nicht. Aufgrund der darauffolgenden Finanzierungsrunde lässt sich spekulieren, ob sein Abgang auf Druck der Gesellschafter geschah. Die CEO-Rolle übernahm Stefan Neuber, bis dahin CTO und COO von Mitte. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, das Start-up durch die Insolvenz zu führen. Allerdings erfolglos.
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Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst im März 2024. Wir haben ihn umfassend aktualisiert und neu publiziert.