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Mark Parker und Kevin Plank Das steckt hinter der Chef-Dämmerung bei Nike und Under Armour

Nike Quelle: REUTERS

Innerhalb von gerade mal acht Stunden kündigen Nike und Under Armour an, ihre Chefs auszutauschen. Hinter dem Doppelschlag stecken Skandale, Proteste – und ein gründlich verschlafener Trend.

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4500 Kilometer, ein ganzer Kontinent und auch sonst so einiges trennen die Konzernzentralen von Nike und Under Armour. Doch dieser Tage haben die Unternehmen aus Beaverton im US-Bundesstaat Oregon und Baltimore in Maryland zumindest eines gemeinsam: Die beiden großen Nummern in der Sportartikelbranche haben Knall auf Fall Chefwechsel angekündigt. Beim Weltmarktführer Nike geht Mark Parker, beim kleineren Konkurrenten Under Armour macht Gründer und Vorstandschef Kevin Plank Platz für seinen Nachfolger. Auch wenn die Gründe für die Stabübergabe jeweils sehr verschieden sind – mindestens eines haben beide Personalien gemeinsam: Parker wie Plank waren in den vergangenen Jahren die prägenden, die entscheidenden Figuren in ihren Konzernen.

Auf der einen Seite Mark Parker, ein Eigengewächs bei Nike, vor Jahrzehnten als Designer gestartet und seit 2006 Vorstandschef des Branchenprimus. Legendär sind Parkers Notizbücher – wo immer der passionierte Läufer unterwegs war, stets hat er einen kleinen Block zu Hand, um spontane Ideen und Beobachtungen im wahrsten Sinne aufzuzeichnen. Nicht minder legendär Parkers Büro, von dem man nie genau weiß, wie viel von dem kreativen Chaos, das es hier zu besichtigen gab, Inszenierung war und wie viel schlicht gewachsenes, anarchisches Durcheinander. Das erinnert mit Turnschuhen, Bildern und allen denkbaren Fundstücken aus aller Welt frappierend an das Ganzraumpuzzle, in dem der britische Modedesigner Paul Smith haust.

Bei aller Stilisierung als Kreativpapst – Parker ist auch der Mann, der für das Wachstum von Nike steht, für die ehrgeizigen Pläne, die den US-Konzern mit weitem Abstand vor dem deutschen Wettbewerber Adidas zum Marktführer machten. Ein Ehrgeiz, der allerdings auch immer wieder Schattenseiten offenbarte. Gerade im vergangenen Jahr schlugen Negativnachrichten wie Bomben ein, eine nach der anderen.

Erst die Enthüllungen über sexuelle Diskriminierung innerhalb des Konzerns aus Beaverton im US-Bundesstaat Oregon, der zum Abgang zahlreicher Top-Manager führte, darunter auch der des designierten Kronprinzen Trevor Edwards. Dazu die Klage von Sportlerinnen, Sponsor Nike habe sie während ihrer Schwangerschaft fallen gelassen oder unter Druck gesetzt, trotzdem Leistung zu bringen. Dann die trüben Geschichten um das Trainingscamp des Leichtathletik-Gurus Alberto Salazar, der wegen Dopings Anfang Oktober für vier Jahre gesperrt wurde. Salazar stand dem Nike Oregon Project vor, einer Kaderschmiede für Läufer, finanziert und gefördert vom Konzern. Kompromittierende E-Mails rückten die Affäre auch sehr nah an Parker heran.

Und schließlich der Stress in China. In einem Tweet vor wenigen Wochen hatte sich der Manager der Houston Rockets mit den Demonstranten in Hongkong solidarisiert. Peking reagierte vergrätzt. Nike, Generalausrüster der Basketball-Profiliga, ließ nach Presseberichten Rockets-Produkte aus chinesischen Läden räumen. Und geriet dadurch erst recht zwischen die Fronten. Denn daheim in den USA lautete der Vorwurf nun auf Duckmäusertum – und Heuchelei. Denn im vergangenen Jahr hatte sich Nike noch als Unternehmen mit Haltung inszeniert, als es sich demonstrativ hinter den ehemaligen Football-Profi Colin Kaepernick stellte. Der hatte mit seinem Protest während der Nationalhymne den Zorn des US-Präsidenten und seiner Anhänger auf sich gezogen. Nike warb auf Plakaten mit Kaepernick, daraufhin verbrannten Fanatiker ihre Nike-Turnschuhe.

Wie lange der nun verkündete Chefwechsel von Parker auf John Donahoe bereits geplant war, lässt sich schwer beantworten. Doch klar ist, dass Nike ihn für einen Neustart nutzen muss, als Befreiungsschlag, dazu angetan, das angekratzte Image wieder aufzuhübschen. Das immerhin schlug sich bislang nicht in den Zahlen nieder. Allen Turbulenzen zum Trotz ist der Konzern von einer Krise meilenweit entfernt; im jüngsten Geschäftsjahr, das im Mai endete, setzte der Konzern fast 40 Milliarden Dollar um, ein Plus von sieben Prozent. Donahoe muss jetzt beweisen, dass er es mindestens so gut kann wie Parker. Und das ist nicht selbstverständlich: Schon einmal hat Nike den Versuch mit einem Branchenfremden an der Spitze gemacht, als Gründer Phil Knight den Platz räumte. Der Versuch ging in die Hose, Parker übernahm und drückte der Marke seinen Stempel auf.

Ganz anders die Lage bei Under Armour: Hier gilt es für den neuen Chef Patrik Frisk, die Marke wieder in die Spur zu bringen. Vorgänger Plank, der im Januar den Stuhl freimacht, hatte aus dem Nichts eine lange Zeit stark wachsende Marke gemacht. Mit seiner Idee, Kompressionswäsche für Sportler anzubieten und sich von da aus zur kompletten Ausrüstermarke zu entwickeln, hat Plank sicher Branchengeschichte geschrieben. Doch Plank hat auch viele Fehler gemacht. Angefangen damit, dass er im Überschwang Wettbewerber schmähte – über Adidas, das in den USA gerade durchhing, spottete er, die Deutschen seien sein „dümmster Konkurrent“.

Auf den damaligen Adidas-Chef Herbert Hainer und seine Truppe hatte das durchaus stimulierende Wirkung: Der Dax-Konzern konzentrierte sich fortan auf den US-Markt und hängt den Emporkömmling inzwischen deutlich ab. Selbst Puma ist Planks Geschöpf gefährlich geworden. Denn Under Armour vertraute viel zu lange darauf, mit seinem Fokus auf Leistungssport erfolgreich zu sein. Dabei übersah Plank, dass der Trend sich längst gedreht hatte.
Statt Trikots und Turnschuhe für den Sportplatz kaufen Konsumenten vor allem solche Markenteile, die sie bestenfalls sportlich aussehen lassen. Das Athleisure-Thema hat Under Armour komplett verschlafen. Und schleppt ein weiteres Manko mit sich herum: die Marke ist im Vergleich sehr jung, gerade mal 23 Jahre – Adidas und Puma feierten gerade den 70. Geburtstag. Selbst Nikes Geschichte geht zurück auf das Jahr 1964. Diese lange, wechselhafte Historie füllt bei diesen Marken die Archive – und aus denen holen Designer und Marketingleute regelmäßig mit reichlich Geschichten und Patina beladene Schuhe hervor, die auch beim Lifestyle-Publikum ankommen. Das alles hat Under Armour nicht. Der neue Chef Frisk muss sich also etwas einfallen lassen, wie er dieses Defizit ausgleichen will.

In einem immerhin hat er Nike etwas voraus: Er fängt den neuen Job am 1. Januar an. Nikes Donahoe startet erst zwei Wochen später.

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