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Nestlé, Starbucks und die Reimanns Kaffee-Allianz gegen Deutschlands geheimnisvolle Milliardäre

Quelle: dpa

Nestlé kauft das Starbucks-Geschäft außerhalb der Kaffee-Shops. Damit will der Kaffeeröster Ballast abwerfen – und der Schweizer Nahrungsmittelriese verlorenen Boden gut machen.

Wenn der oberste Investmentverwalter der deutschen Milliardärs-Familie Reimann Peter Harf über sein Kaffee-Geschäft spricht, bemüht er sich um Gelassenheit. „Wir haben nicht vor, Nestlé Konkurrenz zu machen“, erklärt Harf regelmäßig seit er vor ein paar Jahren begann – mit Hilfe mächtiger Investoren wie Warren Buffett – ein gewaltiges Imperium rund um Pulverkaffee und Kapseln aufzubauen.

Nestlé-Chef Mark Schneider beruhigen diese Worte offenbar nicht. Er scheint das Wirken Harfs sehr wohl als Wettbewerb für seine Hauptmarken Nespresso und Nescafé zu empfinden.

Auch weil das Reimann-Imperium den Schweizer Kaffeeprimus im weltgrößten Markt USA überholt hat, schluckte Schneider am Wochenende vom Brühriesen Starbucks die Rechte für die Vermarktung der Konsum- und Gastronomieprodukte. Dahinter verbirgt sich im Prinzip alles, was die Firma aus der West-Küstenmetropole Seattle außerhalb ihrer Coffee-Shops in Supermärkten an Kaffee, Tee oder Eiscreme verkauft. Die laut Starbucks-Chef Kevin Johnson „historische Vereinbarung“ ließ sich Schneider gut sieben Milliarden Dollar kosten.

Historisch ist der Deal vor allem für Starbucks. Mit ihm löst sich Johnson vom größten Problem seiner Kette: dem Verkauf von Dingen abseits der eigenen Läden.

So gut die Idee auch mal war, die Marke Starbucks als Symbol für US-Kaffee und Coolness auszuweiten: Viel Vergnügen hatten die Starbucks-Aktionäre mit den eher dünnen Margen aus dem knapp zwei Milliarden Dollar Umsatz schweren Lizenzgeschäft nicht. Zum Vergleich: Gut 20 Milliarden Dollar Umsatz machten die 28.000 Filialen mit dem grün-weißen Logo in mehr als 50 Ländern zuletzt. Doch auch dort stagnieren die Gewinne.

Idealer Deal?

Wie zuvor von seiner Tee-Marke Tazo hat sich Johnson deshalb vom Lizenzgeschäft getrennt, um den Fokus zu schärfen. Der soll künftig wieder stärker auf dem Ausbau der Starbucks-Läden liegen. „Und wenn Kevin Johnson dafür so viel Geld kriegt, war der Deal ideal“, kommentiert ein Kenner des Kaffeemarktes.

Aber auch Nestlé kann den Abschluss gut brauchen. Vor allem in den USA können die Schweizer damit viel von dem an die Reimanns verlorenen Boden gut machen. Die extrem verschwiegene deutsche Milliardärs-Sippe, die ihr Geld lange vor allem mit dem Anteil am Putzmittelriesen Reckitt Benckiser (Marken: Sagrotan, Calgon) verdiente, ist inzwischen in den USA Kaffee-Marktführer vor Nestlé. Das fiel jedoch kaum auf.

Die Reimanns hatten zwar 2015 für 15 Milliarden Dollar den größten amerikanischen Kapselhersteller Keurig übernommen. Doch der Rest ihres gut 30 Milliarden schweren Kaffee-Kaufrauschs galt Feldern, die auf den ersten Blick wenig mit den USA zu tun hatten. Statt in weitere US-Zuhause-Marken steckten die Reimanns ihr Geld in Unternehmen aus Brasilien oder Europa wie Jacobs. In den USA beließen sie es bei kleineren Ketten wie Peet's, Caribou, Einstein Noah, Stumptown, Intelligentsia. Damit bleiben sie unter dem Nestlé-Radar. 

Diese Marken gehören zu Nestlé
1866 gründete Henri Nestlé die Farine Lactée Henri Nestlé lk.A. Quelle: dpa
Nestle's Kindermehl: 1867 erfand Nestlé ein Verfahren, um lösliches Milchpulver herzustellen Quelle: gemeinfrei
Das Geschäft mit Milchprodukten begleitet Nestlé bis heute Quelle: dpa
Kaffeekapseln von Nespresso Quelle: dpa
Nestlé kauft Starbucks-Handelsgeschäft Quelle: REUTERS
Nestle bietet auch Frühstücksgetreideprodukte Quelle: REUTERS
1947 fusionierte Nestlé mit der Maggi AG. Quelle: REUTERS

Das änderte sich im Januar. Reimann- Investmentverwalter Harf kaufte zusammen mit dem US-Nahrungsmittelriesen Mondelez (Milka, Oreo) den Getränkeriesen Dr. Pepper Snapple Group. Der fast 19 Milliarden schwere Deal um Süßgetränke wie 7up oder Sunkist machte den Bund Reimann/Mondelez zu einem Universalanbieter für Zuckriges in allen Formen – und stieß sichtbar ins Territorium von Nestlé vor. 
Spätestens dabei fiel wohl auch Nestlé-CEO Schneider auf, dass ihm die Reimanns und ihre Partner so allmählich auf den Leib rücken. Er musste handeln.

Zudem bringt der Deal Nestlé mehr als nur Größe. Die Starbucks-Waren ergänzen das Angebot der Schweizer. Schneider hat bereits im vergangenen Jahr sein Angebot rund um die Premiumkapseln und den löslichen Kaffee ergänzt um kleinere hippere Marken wie Blue Bottle Coffee und Chameleon Cold-Brew. Nun folgen ein paar weitere einfachere und preiswertere Waren aus dem Starbucks-Reich. „Quasi als Einstiegsprodukt“, erklärt ein Kenner des Kaffeemarktes.

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