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Schaustellerpräsident Ritter Weihnachtsmärkte: „Dass die Politiker immer wieder freihändig entscheiden, ist für uns unerträglich“

Regeln auf dem Essener Weihnachtsmarkt. Schaustellerpräsident Albert Ritter hat hier seinen Stand. Quelle: dpa

Vielerorts bleiben die Weihnachtsmärkte dicht. Der oberste Lobbyist der Schausteller erklärt, warum Karl Lauterbach ihre Hygienekonzepte nicht ausreichend wertschätzt und welchen juristischen Kampf er in Erfurt führt.

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Albert Ritter steht gerade auf dem Weihnachtsmarkt seiner Heimatstadt Essen. Von hier vertritt er die Interessen der deutschen Schausteller. Eigentlich beginnt für sie spätestens am 1. Advent die Crunchtime des Jahres: Mit den Weihnachtsmärkten verdienen sie den meisten Umsatz. Doch jetzt müssen die Budenbetreiber zum zweiten Mal in Folge erhebliche Umsatzeinbußen verkraften. Im Telefoninterview mit der WirtschaftsWoche erklärt der Verbandspräsident, ob die Staatshilfen die Einbußen auffangen – und warum er seit zwei Jahren vergeblich versucht, mit Karl Lauterbach ins Gespräch zu kommen. Ritters Stand hat – noch – geöffnet, weil er in Nordrhein-Westfalen liegt. Vor ein paar Tagen war er in Thüringen. Dort sieht die Lage ganz anders aus.

WirtschaftsWoche: Haben Sie noch einen Überblick, in welchen Bundesländern was erlaubt und wo Weihnachtsmärkte geöffnet sind?
Albert Ritter: Nein, das ist aber nicht erst seit gestern so. Es gab schon immer 16 verschiedene Schutzverordnungen, jede Kommune kann zusätzlich per Allgemeinverfügung Maßnahmen wie eine Maskenpflicht anordnen. In einem Bundesland gilt 3G, im nächsten 2G. Wir wünschen uns eine Einheitlichkeit.

In Bayern etwa sind die Märkte komplett abgesagt, in anderen nicht. In wieder anderen widersetzen sich manche Kommunen den Vorgaben des Landes.
In Thüringen und Sachsen sind sie verboten worden, in Baden-Württemberg zum Teil: Stuttgart wurde abgeschaltet. In NRW, Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind die Märkte mit 2G oder 2G+ offen. Aber mit 2G+ kann man es auch gleich bleiben lassen.

Warum?
Weihnachtsmarktgänge sind Spontanbesuche. Man denkt vorher nicht darüber nach, wo und wann man sich testen lassen kann. Wir haben uns jetzt impfen lassen. Man hat uns gesagt, das ist der Weg aus der Pandemie, und jetzt sollen wir uns trotzdem wieder testen lassen. Das kann einfach nicht sein.

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    Freuen Sie sich mehr über die Kollegen, die verkaufen dürfen, oder ärgern Sie sich mehr über die Märkte, die geschlossen bleiben?
    Ich war am Donnerstag in Erfurt. Da lässt der Bürgermeister die Generalverfügung des Landes, den Weihnachtsmarkt einen Tag nach der Öffnung wieder zuzumachen, vom Anwalt überprüfen. Wir unterstützen die Kanzlei. Wir freuen uns über die geöffneten, aber ich muss mich nicht über etwas freuen, das mir grundgesetzlich zusteht. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Ich kann nur etwas verbieten, das ungesetzlich ist. Es gibt ja nirgendwo die Pflicht, einen Weihnachtsmarkt zu besuchen. Das kann jeder selbst entscheiden.

    Wie sah es rund um den Erfurter Domplatz aus, als Sie dort waren?
    Es gibt ein großes Einlasszelt. Jeder, der auf den Markt wollte, musste 2G nachweisen. Das wurde streng kontrolliert. Rund um das Gelände stehen Bauzäune, sodass man nur an dieser einen Stelle Zutritt hat. Der Weihnachtsmarkt ist wie eine Geisterstadt, während in den angrenzenden Bars und Kneipen die Leute fröhlich trinken und essen, natürlich nicht nur im Freien. Für diese Ungleichbehandlung habe ich kein Verständnis.

    Was bedeutet diese Situation für die Schausteller?
    Vielen Entscheidungsträgern ist nicht bewusst, was es heißt, aus der Tageskasse seine Familie ernähren zu müssen. Dass die Politiker immer wieder freihändig entscheiden, ist für uns unerträglich. Man ist Tagesstimmungen ausgesetzt, es herrscht überhaupt keine Rechtssicherheit. Du kannst nicht heute sagen, du darfst über eine rote Ampel fahren, und morgen, doch nicht.

    Der prominente SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat erneut gefordert, alle Weihnachtsmärkte müssten geschlossen bleiben. Ihr Verband reagierte darauf mit einem Protestbrief. Was stört Sie konkret an Lauterbachs Aussage?
    Er hat kategorisch gesagt: Nur ein abgesagter Weihnachtsmarkt ist ein guter Weihnachtsmarkt. Aber man muss doch zumindest hingehen und die Betroffenen befragen, was sie mit Hygienekonzepten leisten können, um die Situation zu verbessern. Könnt ihr Einbahnstraßen gewährleisten? Könnt ihr Plexiglasscheiben aufhängen? Ich mache doch auch keine Gesundheitspolitik und frage die Ärzte nicht.



    Haben Sie versucht mit Herrn Lauterbach ins Gespräch zu kommen?
    Mehrmals über die Kölner SPD, über Walter Schulz, den Bruder von Martin Schulz, und den Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich. Lauterbach malt ein Schwarz-Weiß-Bild. Dabei gibt es eine ganze Palette von Möglichkeiten, Märkte mit festen Regeln durchzuführen. Das hätten wir gerne mit ihm als Experten besprochen.

    Das Wirtschaftsministerium hat die Überbrückungshilfen verlängert. Hilft Ihnen das?
    Es geht dabei vor allem um nicht abverkaufte Saisonware, die ich abschreiben kann. Also Winterware wie Textilien, die liegen bleiben. Diese Hilfen sind an die Betriebskosten gekoppelt. Aber wovon sollen die Leute ihre Miete bezahlen? Wir brauchen eine Entschädigung. Mit den Weihnachtsmärkten endet die Saison. Bis Ostern haben wir keine Einkünfte.

    Albert Ritter, Präsident des Deutschen Schaustellerbundes. Quelle: Deutscher Schaustellerbund

    Haben die Soforthilfen nichts genützt?
    Davon haben sich einige den Kühlschrank vollgemacht. Das wird gerade gnadenlos zurückgefordert. Der Staat hat angefangen zu prüfen. Und wer nicht nachweisen kann, dass er das Geld rein für betriebliche Kosten verwendet hat, muss zurückzahlen.

    Mehr zum Thema: Ökonom Gabriel Felbermayr glaubt, dass Deutschland bald dem Vorbild Österreichs folgen wird. Ein Interview über den Sinn einer Impfprämie von 500 Euro, das Wunschkonzert der Ampel und den „coolen“ Robert Habeck.

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