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True Fruits „Die Werbebranche müsste über solch ein Unternehmen jubeln“

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„Leute wie Charlotte Roche nutzen mit ihrem Boykottaufruf die Aufmerksamkeit sehr geschickt“

Aber trägt nicht ein Unternehmen generell Verantwortung dafür, dass seine Werbesprüche bei Themen wie Me Too, Gewalt gegen Frauen oder Rassismus niemanden verletzen?
Unternehmen haben natürlich eine hohe Verantwortung. Sie stehen mit ihrer Werbung in der Öffentlichkeit und tragen damit ihren Teil zu dem Ton bei, der in der Gesellschaft herrscht. Die allermeisten nehmen die Verantwortung auch wahr. Aber sie sind nicht dafür verantwortlich, wenn sie vor allem im Internet absichtlich missverstanden werden.

Na ja, True Fruits bürstete Kritiker als „süße Pissnelken“ ab und legte ihnen nahe, dann doch einfach das Produkt nicht mehr zu kaufen und auch die Social Media-Seiten der Firma nicht mehr zu besuchen – kann man es sich so leicht machen?
In den sozialen Netzwerken gibt es viele Leute, die nur auf eine Gelegenheit warten, sich aufzuregen. Und wenn sich ein junges Unternehmen wie True Fruits dagegen wehrt, weil es sich missverstanden fühlt, finde ich das nicht nur legitim, sondern beachtlich. Es ist mutig, zu Kritikern zu sagen, dann doch lieber die Produkte nicht mehr zu kaufen; eine Haltung, die True Fruits Umsatz kosten kann. Es gibt sicher nicht viele Marken, die so ehrlich reagieren würden.

Klingt, als seien die True Fruits-Kritiker für Sie wie Leute, die mit dem Fernglas ins Nudistencamp spannen und sich darüber aufregen, dass da alle nackt sind?
Ja, so sehe ich das, da machen sich einige Aktivisten gezielt auf die Suche nach Fehltritten und Punkten, die sie skandalisieren können. Und Leute wie Charlotte Roche nutzen mit ihrem Boykottaufruf diese Aufmerksamkeit sehr geschickt, um sich ins Gespräch zu bringen. Tatsächlich sehen wir mit True Fruits eine neue Art von Unternehmen, das verstanden hat wie wichtig es ist, sich viele Gedanken über seine Kommunikation zu machen. Und anders als viele andere Marken, bei denen Kritiker entweder im Callcenter landen oder es direkt mit der Rechtsabteilung zu tun bekommen, spricht True Fruits ja sogar persönlich mit seinen Kritikern. Die Werbebranche müsste über solch ein Unternehmen jubeln.

Warum?
Weil die Macher Haltung zeigen. Und sich selbst nicht so ernst nehmen. Sie wissen, dass es am Ende nur um ein Fruchtgetränk geht. Und wenn es wie jetzt ein Stück nach hinten losgeht, nehmen sie die Proteste ja auch zur Kenntnis und zeigen sich lernfähig. Sie müssen unterscheiden lernen zwischen Hatern, denen es nur ums vergiften geht, und Menschen, mit einem echten Anliegen, mit denen sie wirklich feinfühliger umgehen müssen.

Das bleibt zu hoffen. Denn was für ein Klima in den Kommentarspalten von True Fruits und anderen Foren in den oft asozialen Medien herrscht, wo sich auch Fans der Marke äußern, mit denen Sie sicher nicht gern ein Bier trinken würden, zeigt gerade das Berliner Landgericht. Nach einem aktuellen Urteil muss sich die Politikerin Renate Künast dort heftigste Beschimpfungen gefallen lassen. Worte wie „Stück Scheiße“ seien „keine Diffamierung der Person der Antragstellerin und damit keine Beleidigungen“ – welche Wirkung hat ein solches Urteil auf das Verhalten in diesen Foren?
Ich fürchte gar keins. Die machen da jetzt munter genauso weiter, denn jetzt werden sie ja sogar noch von Juristen bestärkt. Dieser Richter lebt offenbar in seiner ganz eigenen Welt. Aber das letzte Wort ist da sicher noch nicht gesprochen. Grundsätzlich ist es aber so, dass sich Hater im Netz wohl nie werden vermeiden lassen.

Warum nicht?
Aus mehreren Gründen. Zum einen, weil es nun mal einen gewissen Prozentsatz von Menschen gibt, die schlicht dumm sind. Die hätten wir früher nie bemerkt. Aber mit dem Internet haben sie nun ein Forum und ein Sprachrohr, das ihre Meinungen vervielfältigt. Und sie finden Gleichgesinnte.

Und zum anderen?
Liegt es an den Algorithmen. Die sorgen nun einmal dafür, dass extreme Positionen nach oben gespült und verbreitet werden. Dadurch bekommen selbst Minderheitsmeinungen ein Gewicht, dass sie überrepräsentiert und das ihnen eigentlich nicht zusteht. Die Aufmerksamkeit, die etwa eine Partei wie die AfD bekommt, steht in keinem Verhältnis zu ihrem Abschneiden bei Wahlen. Das liegt an der Grundsystematik der sozialen Netzwerke. Und der einzige Weg, daran etwas zu ändern, liegt darin, die Algorithmen zu ändern. Aber das ist ein Problem, bei dem sich die ganze Gesellschaft im Klaren werden muss, wie sie damit umgeht. Deshalb mag True Fruits nur eine Saftfirma aus Bonn sein. Aber sie offenbart einmal mehr die Bruchstellen und vielen offenen Fragen, die der Umgang mit Facebook und Co. aufwerfen.

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