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Weinhandel „Viele haben den Lockdown genutzt, um ihre Vorräte wegzutrinken“

Quelle: imago images

Seit der Coronakrise staut sich Wein in den deutschen Weingütern. Wie sich das auf Premium-Weingüter auswirkt, und warum die Hamsterkäufe ihnen nichts nutzen.

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Steffen Christmann ist Chef-Lobbyist der deutschen Spitzenwinzer.

WirtschaftsWoche: Herr Christmann, Sie leiten ein Weingut im gehobenen Bereich. Wie hat sich Corona auf Ihr Geschäft ausgewirkt?
Steffen Christmann: Das Geschäft der Weingüter hängt eng mit der Gastronomie zusammen. In dem Moment, in dem die Restaurants zugemacht haben, brachen die Umsätze ein. Wir verzeichnen in den letzten Wochen rund 50 Prozent weniger Umsatz. Lediglich zu Beginn der Krise gab es noch ein paar Hamsterkäufe.

Hamsterkäufe von Premium-Wein?
Ja, vor allem seitens der Importeure in anderen Ländern. Die waren verunsichert, ob und wie der Warenverkehr weitergeht und haben teilweise die doppelte Menge bestellt. Doch der April und Mai haben dann deutliche Bremsspuren hinterlassen.

Dabei haben die Menschen während des Lockdowns doch mehr Wein zu Hause getrunken.
Das stimmt. Allerdings haben die Leute in dieser Zeit ihren Wein primär im Supermarkt gekauft. Davon profitierten vor allem die großen Kellereien, die die Trauben verschiedener Winzer zu Wein verarbeiten, aber nicht die Premium-Weingüter. Immer, wenn mehr Wein im Discount und Lebensmitteleinzelhandel gekauft wird, verschieben sich die Marktanteile. Denn in diesen Geschäften laufen vor allem Billigweine für unter fünf Euro.

Die ambitionierten Weinfans haben aber doch auch weiter Wein getrunken.
Ja, doch fast alle Weinfreaks haben eine Gemeinsamkeit: Sie kaufen mehr Wein als sie im Alltag trinken. Wer gerne gehobene Weine trinkt, hat in der Regel einen Keller, der schon vor Corona viel zu voll war. In den Wochen des Lockdowns haben viele erstmal die eigenen Vorräte weggetrunken. Jetzt haben sie wieder mehr Platz im Keller...

...den sie theoretisch mit teurem Wein auffüllen könnten. Doch viele erwarten nun die wirtschaftliche Rezession. Was bedeutet eine solcher Wirtschaftsabschwung für Weine aus dem Luxussegment?
Die Finanzkrise beispielsweise haben wir überhaupt nicht gespürt. Und trotz aller Rückgänge ist die absolute Spitze unserer Weine auch jetzt überhaupt nicht betroffen. Unsere Großen Gewächse, also die Topkategorie der Branche, haben wir bereits fast komplett vorverkauft. Wirtschaftliche Schwankungen gehen oft an uns vorüber. Wer Wert auf gute Weine legt und vorübergehend weniger Geld hat, trinkt in der Regel dann lieber nur einmal pro Woche eine teure Flasche als zweimal pro Woche einen mittelguten Wein.

Die Gastronomie sitzt nun auf einer großen Menge Wein, die nicht ausgeschenkt werden konnte. Was bedeutet das für den Weinmarkt?
Es wird ein paar Monate länger dauern, bis wir den neuen Jahrgang auf den Markt bringen können. Denn der 2018er-Jahrgang hatte ohnehin schon eine enorm hohe Menge. Das setzt viele unter Druck, gerade im Fassweinmarkt und bei vielen Genossenschaften wird das zum Problem. Da muss jetzt eigentlich Platz im Keller geschaffen werden.

In Italien und Frankreich wird bereits darüber diskutiert, Weine zu destillieren – sie also dem Markt zu entziehen, um einem Preisverfall entgegenzuwirken. Wird das auch in Deutschland ein Thema?
Für Weingüter im gehobenen Bereich ist das kein Thema. Denn der 2019er-Jahrgang ist in der Menge eher klein. Vor Corona hatten wir Angst, wie wir mit dieser kleinen Erntemenge zurechtkommen. Jetzt passen die reduzierten Absatzmöglichkeiten unerwartet gut zur kleinen Erntemenge.

Doch die Pandemie kam genau in jener Zeit, in der Sie normalerweise durchs Land touren, um den neuen Jahrgang vorzustellen. Kennt den 2019er-Jahrgang überhaupt schon jemand?
Die meisten haben sich schnell andere Wege einfallen lassen. Wir haben beispielsweise Fassproben an unsere Händler geschickt und mit ihnen per Videochat gemeinsam verkostet. Wir haben in den letzten Wochen jede Menge Livestreams aus den Weinbergen gemacht – und sind sehr erleichtert, dass das mobile Netz in der Pfalz das aushielt. All das wird hoffentlich nach Corona bleiben.

Worauf müssen wir uns einstellen? Wird Wein billiger?
Im Einstiegsbereich kann es durchaus sein, dass der Wein anstatt statt 2,99 dann 2,69 kostet. Also Weine aus dem Discounter.

Wie oft trinken Sie selbst einen Discount-Wein?
So gut wie nie, ab und zu mal aus Neugier. Doch ich trinke generell keine großen Mengen. Wein ist kein Alltagsgetränk für mich. Ich trinke lieber weniger und dafür etwas, das mich beschäftigt.

Die Einstiegskategorie Ihres Verbands, der Gutswein, kostet im Durchschnitt rund zehn Euro. Das ist fast viermal so viel wie die Deutschen im Durchschnitt für Wein ausgeben. Ist das nicht eine komplett andere Weinwelt?
Ich kann das nachvollziehen, dass man das als abgehoben empfindet, denn mir geht es ja mit anderen Bereichen genauso. Ich fahre einen Golf, das passt für mich wunderbar. Es ist für mich unvorstellbar, ein Auto für 200.000 Euro fahren zu wollen oder auch für einen Pullover 300 Euro auszugeben. Ich weiß nicht, wo da für mich der Mehrwert sein soll. Menschen, die hochwertige Weine trinken, wissen genau, warum sie das tun. Und im Gegensatz zum Hersteller von Markenpullovern kann ich erklären, warum unser Wein so viel mehr kostet.

Nämlich?
Wenn ich einen nachhaltigen, natürlichen Wein haben will, ist das mit Handarbeit, Ertragsreduzierung und damit mehr Kosten verbunden.

Und schmeckt man das?
Na klar. Ich kann zwar auch einen fehlerfreien Wein herstellen ohne dieses Mehr an Handarbeit. Doch dann sind andere Arbeiten im Keller notwendig. Wenn ich zum Beispiel einen gewissen Anteil fauler Trauben akzeptiere, muss ich das im Keller mit Hilfsmitteln korrigieren. Das nimmt dann aber Geschmack raus. Die Frage ist dann eher: Bin ich bereit, für das geschmackliche Mehrerlebnis auch mehr Geld auszugeben – und wenn ja, wie viel? Das ist eine persönliche Entscheidung und letztlich Geschmacksache.

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