1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Industrie
  4. Elbtower, Laurenz Carré, Muc.One & Co.: Deutschland, deine Bauruinen

Der Elbtower in Hamburg, Deutschlands bekannteste Bauruine

Foto: dpa/picture alliance

BaustoppsDeutschland, deine Bauruinen

Die Krise der Immobilienwirtschaft verschärfte sich 2024. Ein Ergebnis: Gruben und Kräne, wo eigentlich Häuser und Türme stehen sollten. Auch an sehr prominenter Stelle.Tobias Gürtler 27.12.2024 - 09:52 Uhr

Hamburg verdiene einen vollendeten Elbtower, befand der Hamburger Immobilienunternehmer Dieter Becken Mitte Dezember. Er hatte sich da gerade den Zuschlag für die Fortsetzung des Prestigebaus gesichert, dessen Kosten ursprünglich einmal auf 950 Millionen Euro geschätzt worden waren. Beckens Plan: Mit einem Konsortium, dem auch Klaus-Michael Kühne angehört, will er den Turm nach nunmehr eineinhalb Jahren Baustillstand vollenden.

Allerdings: Für die Realisierung dieses Vorhabens fehlen offenbar mehrere Hundert Millionen Euro an Kapital. Und die Stadt will kein Geld beisteuern, wie der Hamburger Bürgermeister, Peter Tschentscher (SPD), zuletzt wiederholt betonte. Bis zum 30. April des kommenden Jahres habe Becken nun Zeit, um das fehlende Geld aufzutreiben, berichtet die „Bild“. Dass das klappt, kann übereinstimmenden Medienberichten zufolge als alles andere als gesichert gelten.

Was dagegen sicher ist: Der Elbtower wird nicht, wie ursprünglich einmal angekündigt, im Jahr 2025 vollendet werden. Statt eines Prestigebaus steht in der Hamburger Hafencity, wenige Tage vor dem ursprünglich prognostizierten Jahr der Fertigstellung: Deutschlands prominenteste Bauruine.

Der Elbtower in Hamburg am 15. Mai 2024. Gebaut wurde hieran zuletzt vor eineinhalb Jahren.

Foto: Google Earth

Dabei sollte der Turm ab kommendem Jahr Touristen nach Hamburg locken. Als dritthöchstes Gebäude Deutschlands mit 63 Geschossen auf 240 Metern Höhe, mit Büros, Geschäften, Galerien, Cafés, Restaurants, Hotels, Fitnessstudios – und einer öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform. Vor eineinhalb Jahren jedoch stellte das beauftragte Bauunternehmen bei 100 Metern Höhe die Arbeit an dem Prestigebau ein – wegen offener Rechnungen. Im Januar 2024 beantragte dann die Eigentümerin des Elbtower-Grundstücks, eine mittelbare Tochter der ebenfalls insolventen Signa Prime Selection AG, Insolvenz. Seitdem ringt die Hansestadt um Ersatz.

Bei weitem kein Einzelfall. 37 Signa-Immobilienprojekte in Deutschland, die bereits baulich begonnen hatten, als die Signa-Gruppe Insolvenz anmeldete, listet die „Immobilienzeitung“ auf. Darunter sind neben dem Elbtower acht weitere in Hamburg, elf in Berlin, vier in Düsseldorf, zwei in Frankfurt, fünf in München, zwei in Stuttgart und jeweils eines in Nürnberg, Wiesbaden und Wolfsburg. Zwölf davon haben inzwischen neue Eigner gefunden, welche die Projekte umsetzen wollen. Ansonsten stehen unfertige Bauten an teils sehr prominenten Orten im Stadtbild – wie eben dem Hamburger Hafen.

Die Insolvenz der Signa-Gruppe ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall: Unternehmenschef René Benko verfolgte ein aggressives, hochriskantes Geschäftsmodell, das offenbar mindestens am Rande der Legalität zu verorten war. Italienische Ermittler sprachen unlängst von „mafiösen Strukturen“.

In anderer Hinsicht aber war die Insolvenz des Immobilienkonzerns auch eine logische Folge der Marktentwicklung. Mit dem Anstieg der Zentralbankzinsen stiegen die Finanzierungskosten erheblich, was die Refinanzierung bestehender Schulden erschwerte und die Liquidität des Unternehmens beeinträchtigte. Hinzu kamen Strukturänderungen bei Gewerbeimmobilien sowie steigende Energiepreise und Baukosten.

All das hatte in den vergangenen Monaten Folgen. Und zwar bei weitem nicht nur für René Benko: Laut Daten der Unternehmensberatung Falkensteg gab es in den ersten neun Monaten des Jahres 70 Prozent mehr Großpleiten im Immobiliensektor als im Vorjahreszeitraum. Konkret meldeten allein bis Ende September 46 Immobilienunternehmen mit einem Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro Insolvenz an.

Bau-Ärger in Köln

So sind der Elbtower und all die anderen Signa-Projekte in diesen Tagen in guter Gesellschaft. Und es gibt sogar noch prominentere Standorte als den Hamburger Hafen, die seit mehreren Monaten Bauruinen zieren. Wie wäre es etwa in bester Kölner Lage, mit Blick auf den Kölner Dom?

Dort, „in zentraler Lage an der Domplatte“, sollte in diesem Jahr das Laurenz Carré eröffnen, ein „durchmischtes und lebendiges Quartier mitten in der Kölner City“, das Platz für ein Hotel sowie „marktgerechte Büro- und Handelsflächen“ bieten sollte. So beschrieb der Projektentwickler das Projekt auf seiner Webseite.

Das Laurenz Carré in Köln am 3. Mai 2023. Kurz darauf pausierten die Bauarbeiten über ein Jahr lang.

Foto: Google Earth

Allerdings: Im August 2023 meldete ebendieser Projektentwickler, die in Düsseldorf ansässige Gerch-Gruppe, Insolvenz an. Daraufhin stand die Baustelle ein ganzes Jahr still.

Immerhin: Ein Teil der Projektfläche wurde Mitte des Jahres aus der Insolvenz heraus neu verkauft. Das nördliche Baufeld übernahm die Hanse-Merkur Grundvermögen AG, das Immobilienunternehmen „The Flag“ wiederum sicherte sich das Recht, das Grundstück für ein Wohngebäude zu nutzen. Im September 2024 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Statt 2025, wie ursprünglich angekündigt, soll die nördliche Projektfläche allerdings erst Mitte 2027 vollendet werden. Und ein Käufer für den südlichen Teil der Baufläche fehlt nach wie vor.

Frankfurt: Stopp bei der Polizei

Neben dem Laurenz Carré an der Kölner Domplatte arbeitete die Gerch-Gruppe an vier weiteren Projekten, als sie vor eineinhalb Jahren Insolvenzantrag stellte. Insgesamt ging es dabei um eine Bruttogrundfläche von etwa 790.000 Quadratmetern und ein Gesamtvolumen von rund vier Milliarden Euro. Darunter die Umgestaltung eines ehemaligen Bahngeländes in Augsburg sowie ein geplantes neues, modernes Wohnviertel auf dem Areal des seit 2002 stillstehenden Alten Polizeipräsidiums in Frankfurt – inklusive 175 Meter hohem Wohnturm.

Das Alte Polizeipräsidium in Frankfurt, hier zu sehen am 30. April 2023, wurde immerhin noch nicht abgerissen, ist also keine Bauruine im klassischen Sinne.

Foto: Google Earth

Letzteres Projekt soll trotz der Gerch-Insolvenz umgesetzt werden, heißt es von der Stadt Frankfurt. Alles weitere hänge jedoch vom weiteren Verlauf des Insolvenzverfahrens ab, das die Stadt nicht prognostizieren könne. Man hoffe, „dass möglichst bald eine grundsätzliche Entscheidung getroffen werden kann“, so eine Sprecherin des Planungsdezernats im August gegenüber dem Portal t-online. Kurz vor Weihnachten gab es auf Anfrage „keinen neuen Sachstand zu verkünden“. Man sei „weiterhin vorsichtig optimistisch“, teilt ein Sprecher mit.

Ein weiteres einstiges Prestigeprojekt der Gerch-Gruppe, die Umwandlung des früheren Areals des seit 2009 insolventen Unternehmens Quelle im fränkischen Nürnberg in einen Wohn- und Behördenkomplex, liegt inzwischen federführend beim Bauträger Bayerisches Immobilien Kontor GmbH (Bayiko).

Münchner Sorgen

Etwas weiter südlich, in der bayerischen Landeshauptstadt München, kennt man das Leid von Bauruinen in bester Innenstadtlage ebenfalls. Mitten im Zentrum Münchens, am Stachus und in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof, sollte ein vierstöckiges Gebäude für Büros und Geschäfte gebaut werden, inklusive „intensiv begrünter“ Dachlandschaft und einer fünfgeschossigen‚ unterirdischen Tiefgarage zur öffentlichen Nutzung. „Muc.One“ hieß das Projekt, das 2026 vollendet werden sollte. Seit Mitte Februar ruhen die Bauarbeiten. „Ich beobachte die aktuellen Entwicklungen in der Innenstadt mit großer Sorge“, sagte Stadtbaurätin Elisabeth Merk dazu der „TZ“.

Stand des Projekts Muc One im Zentrum Münchens am 14. Mai 2024.

Foto: Google Earth

Der Grund des Schlamassels, klar: Der dahinterstehende Projektentwickler Elements of Infrastructure, ein Tochterunternehmen der ebenfalls insolventen österreichischen Firma Imfarr, hatte Insolvenz angemeldet. Allerdings spielten im Falle des „Muc One“ auch noch weitere, marktunabhängige Faktoren eine Rolle: Die Erzdiözese und eine katholische Stiftung hatten als Nachbarn gegen das Projekt geklagt. Das habe „zu monatelangen Verzögerungen“ geführt, so Michael Koschier, Geschäftsführer der insolventen Imfarr-Tochter Elements of Infrastructure. Die Klage läuft noch. Mindestens so lange das der Fall ist, wird die Bauruine am Münchner Stachus bleiben.

Ob direkt am Stachus Ähnliches drohen könnte wie im südlichen Zentrum Münchens? Dort, im Stadtteil Sendlingen, wollte der Projektentwickler M-Concept eigentlich „128 herrliche Eigentumswohnungen in einem eleganten Mehrfamilienhaus sowie eine großzügige Tiefgarage“ bauen. Zudem waren Einzelhandels- und Gewerbeflächen im Erdgeschoss geplant. Seit 2019 steht die Baugenehmigung. Passiert ist seit Jahren: nichts.

Statt „herrlicher Eigentumswohnungen“ bekam Sendlingen eine Sehenswürdigkeit der zweifelhaften Sorte spendiert: das sogenannte „Sendlinger Loch“. Gemeint ist damit die Baugrube, die hier ausgehoben wurde und nicht nur den Start der Bauarbeiten markierte, sondern gleichzeitig auch deren Ende. In diesem Sommer lief die Baugrube mit Wasser voll und bot immerhin einigen Enten ein Zuhause.

Das Sendlinger Loch am 14. Mai 2024, vollgelaufen mit Wasser.

Foto: Google Earth

Inzwischen ermittelt sogar die Münchner Staatsanwaltschaft gegen den Projektentwickler M-Concept und dessen Chef Stefan Mayr, wegen des Verdachts der Insolvenzverschleppung. Dabei geht es neben dem Sendlinger Loch auch noch um ein weiteres insolventes Großprojekt in München, das Paseo Carré in Pasing, auf dessen Baustelle ebenfalls seit Monaten Stillstand herrscht. Stefan Mayr weist die Vorwürfe zurück. Das Sendlinger Loch dürfte dennoch fürs Erste bleiben.

Und es könnte bald weitere Gesellschaft bekommen. Vieles spricht dafür, dass sich die Krise der Immobilienwirtschaft in Deutschland fortsetzt – mindestens 2025. Bei Projektentwicklungen sei „der finanzielle Druck nach wie vor groß“, sagt Vincenz von Braun von der Restrukturierungskanzlei Anchor. Zugleich wollten alle Beteiligten eine Insolvenz unbedingt vermeiden. Denn: „Die Gefahr ist groß, dass ein Insolvenzantrag einen sofortigen Baustopp auslösen würde und der Verwalter zu einem raschen Verkauf des noch unfertigen Projekts gezwungen wäre – mit hohen Verlusten für Gläubiger und Investoren“, so von Braun.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick