Chinas Aufholjagd: Konkurrenz aus China setzt Siemens' Vorzeigesparte zu
Natürlich lässt sich immer alles relativieren: Zwar baut Siemens 5600 Stellen ab, kommt dabei in Deutschland aber ohne betriebsbedingte Kündigungen aus. Auch war der Arbeitsplatzverlust schon vor einigen Monaten angekündigt. Eine Hausnummer ist es trotzdem, die da am Dienstagabend verkündigt wurde: Im Geschäft mit der Industrie-Automatisierung (Digital Industries) fallen von 68.000 Arbeitsplätzen 5600 weg. Beinahe zehn Prozent also, und das ausgerechnet in der Vorzeige-Sparte, die wie keine andere für den Umbau des Konzerns zur „One Tech Company“ steht. Was ist da los?
Die von Vorstand Cedrik Neike geleitete Sparte Digital Industries automatisiert die Produktion. Das bedeutet, dass unter anderem digitale Zwillinge von Fabriken angefertigt werden, um Verschleißprozesse zu simulieren. Materialflüsse werden automatisiert, Arbeitsabläufe digitalisiert, Roboter kommen zum Einsatz. Kurzum: Alles wird effizienter, kommt mit noch weniger menschlicher Arbeit aus. Ein Megatrend, der vor allem in den Pandemie-Jahren an Beschleunigung aufnahm. Besonders Chinas Wirtschaft nahm die Lockdowns auch als Chance wahr, seine Produktionsprozesse zu modernisieren.
Und Siemens profitierte: Der seit 1872 in China tätige Konzern verfügt über ein gutes Netzwerk und konnte viele Aufträge gewinnen. 2023 investierte man in eine Vergrößerung des Werkes in Chengdu. Das Timing aber war zumindest unglücklich: Zu diesem Zeitpunkt aber war der Trend längst wieder am Abflauen. Hinzu kamen wirtschaftliche Probleme in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Aktuell befindet sich China in einer deflationären Spirale.
Alles nur Konjunktur?
Im Aufsichtsrat der Münchner ist man überzeugt, dass die Probleme von Digital Industries konjunkturell bedingt sind. Tatsächlich sprechen einige Zahlen dafür: Zuletzt waren die Auftragseingänge von Digital Industries wieder um sechs Prozent auf 4,2 Milliarden Euro angezogen. Diese Erholung sei vor allem aus China gekommen, hatte CEO Roland Busch bei der Vorlage der Quartalszahlen gesagt. Die Frage ist nur, wie viel Zeit Siemens noch bleibt. Denn ähnlich wie in der Automobilbranche holen hier heimische Wettbewerber auf: „Siemens dominiert in China weiterhin hochkomplexe Automatisierungssysteme, verliert aber in preis- und volumengetriebenen Anwendungen zunehmend an Boden gegen lokale Anbieter wie Inovance, Estun, Hollysys und Supcon“, sagt Georg Stieler von der gleichnamigen Beratung in Shanghai.
Noch seien Siemens' Automatisierungslösungen technisch vielen chinesischen Wettbewerbern überlegen: „Ein vollständiger Austausch eines Siemens-Automatisierungssystems durch ein chinesisches Pendant ist eine hochkomplexe und teure Entscheidung für Unternehmen. Das gibt Siemens Zeit“, so Stieler. Zumindest ein bisschen. „Sollte sich der Trend zur technologischen Autarkie verstärken und chinesische Unternehmen weiter staatlich bevorzugt werden, könnte Siemens ein ähnliches Schicksal ereilen wie westliche Hersteller im E-Automarkt: immer stärkere Margenverluste, Rückzug aus dem Massenmarkt, Fokus auf High-End-Kunden“, warnt Stieler.
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Bei Siemens dürfte man wissen: Das ist genau die Strategie, auf die Peking setzt. Erklärtes Ziel des großen Plans „Made in China 2025“ ist es, die Abhängigkeit von ausländischen Firmen wie Siemens, ABB oder Fanuc zu reduzieren. Heimische Unternehmen werden dabei unterstützt – und nicht nur das: Sie sollen auch auf andere Märkte vordringen. Und einige der Konzerne, deren Namen die wenigsten in Deutschland bisher je gehört haben dürften, sind damit recht erfolgreich.
Inovance: „Little Huawei“
Inovance etwa. Das Unternehmen wurde 2003 in Shenzhen von Zhu Xingming und anderen ehemaligen Huawei-Ingenieuren gegründet, wird deshalb auch oft als „Little Huawei“ bezeichnet. Mittlerweile dominiert das Unternehmen aber nicht nur den chinesischen Markt, sondern expandiert auch in Richtung Europa.
Das 1993 gegründete Unternehmen HollySys ist spezialisiert auf Automatisierungssysteme für Industrie, Energie und Verkehr, hat ebenfalls international Fuß gefasst, etwa in Südostasien und im Nahen Osten.
Estung Automation wiederum ist Marktführer für Industrieroboter unter den einheimischen Herstellern ist und expandiert ebenfalls Richtung Europa. Unterstützt werden sie dabei von Gerald Mies, der bereits in der Geschäftsführung von Kuka war.
Siemens gibt sich ob der neuen Konkurrenz betont gelassen. Und müht sich im Hintergrund offenbar doch, das absehbare China-Risiko ein bisschen zu dämpfen: Siemens sei in seinem Automatisierungsgeschäft zu stark auf China und Deutschland sowie auf die Automobilbranche ausgerichtet, so sagt nun Sparten-Vorstand Neike selbstkritisch. „Wir müssen regional ausgeglichener werden und eine breitere Kundenbasis gewinnen.“ Das ist strategisch vermutlich richtig. Denn zu glauben, die Schwäche in China sei rein konjunktureller Natur, könnte sich noch bitter rächen. Die Autobauer können ein Lied davon singen.
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