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Jobabbau 3 Gründe für den Kahlschlag bei Bayer

Quelle: REUTERS

Bayer will mehr als jede zehnte Stelle streichen. 12.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen. Was hinter der Entscheidung des Leverkusener Konzerns steckt.

Der Personalabbau bei Bayer ist immens: 12.000 Arbeitsplätze sollen wegfallen, viele davon in Deutschland. Vor allem das Agrargeschäft und die übergreifenden Konzernbereiche sind betroffen. Das Geschäft mit der Tiermedizin und der 60-Prozent-Anteil am Chemiepark-Betreiber Currenta werden verkauft.

Über die Verkaufspläne und über die Stellenstreichungen in der Pharmaforschung hatte die WirtschaftsWoche bereits in der vergangenen Woche berichtet.

Für den großflächigen Stellenabbau gibt es vor allem drei Gründe:

1. Nach der Monsanto-Übernahme ist der Druck auf das Bayer-Management unglaublich gewachsen.

Mit Glyphosat und den damit verbundenen Prozessrisiken habe der Stellenabbau nichts zu tun, beteuert Bayer-Chef Werner Baumann offiziell. Aber: Seit ein US-Gericht im August einem krebskranken Kläger im Glyphosat-Prozess recht gab und Bayer mit einer millionenschweren Strafe belegte, ist der Aktienkurs um rund ein Drittel gefallen.

Der Konzern wehrt sich gegen das Urteil, hält mit etlichen Studien dagegen und hat Berufung eingelegt. Doch das ändert erstmal nichts. Die Investoren werden zunehmend nervös. Und je tiefer der Aktienkurs sinkt, umso größer ist die Gefahr, dass sich ungebetene aktivistische Investoren einmischen. Nicht sofort, aber womöglich in zwei, drei Jahren, wenn erste Prozessrisiken bei Glyphosat bereinigt sind.

Bei Bayer fürchten sie sich ohnehin schon immer vor einer Übernahme oder fremder Einmischung. Das war auch ein Grund für den Kauf von Monsanto. Durch den Deal wollte sich Bayer auch uneinnehmbar machen.

Um wieder an Sicherheit zu gewinnen, muss Konzernchef Baumann nun den Aktienkurs wieder nach oben bringen. Durch den geplanten Personalabbau und die Verkäufe will er wieder Ergebnisse und Margen steigern – und so die Aktionäre wieder für sich gewinnen. Kurzfristig hat die Strategie allerdings nicht funktioniert: Nach Bekanntgabe des Personalabbau-Programms sank der Kurs bis zum Donnerstagabend um 0,72 Prozent.

Baumann bleibt unter Druck: Am 5. Dezember stellt sich der Bayer-Chef auf dem Kapitalmarkttag in London den Fragen der Analysten.

2. Die Übernahme der rezeptfreien Medikamente vom US-Konzern Merck & Co. erweist sich immer mehr als Fehlkauf.

2014 hat Bayer für 14 Milliarden Dollar die Palette der rezeptfreien Medikamente von Merck & Co. übernommen. Den Deal hatte der damalige Vorstandschef Marijn Dekkers eingefädelt, maßgeblich beteiligt war auch der heutige Unternehmenschef Baumann.

Doch so rosig, wie die Merck-Manager ihre Produkte darstellten, war deren Potenzial dann doch nicht. Bayer hatte sich deutlich mehr versprochen – und erkannte zudem auch nicht rechtzeitig, dass die Patienten mittlerweile auch mal bei Amazon statt in der Apotheke kaufen.

Mit den Geschäften ging es stetig bergab, die zuständige Vorstandsfrau Erica Mann quittierte vor einigen Monaten ihren Job. Inzwischen räumen Bayer-Manager auch Fehler ein. Und ziehen Konsequenzen: Die Marken Dr. Scholl’s (Fußpflege) und Coppertone (Sonnenschutz) werden verkauft. In der Division müssen rund 1000 Mitarbeiter gehen.

3. Der eigenen Pharmaforschung traut Bayer nur noch wenig zu.
Der Klassiker Aspirin, Ende des 19. Jahrhunderts erfunden, stammte noch vollständig aus den Bayer-Laboren. In den vergangenen Jahren war dies bei vielen Bayer-Medikamenten allerdings nicht mehr der Fall. Etliche Präparate, mit denen Bayer gute Geschäfte macht, wurden bereits zuvor größtenteils außerhalb der Konzernmauern, etwa bei Biotech-Unternehmen, entwickelt. Eine der rühmlichen Ausnahmen ist der Blutverdünner Xarelto, das Spitzenprodukt von Bayer, das aus Wuppertal kommt.

Künftig fallen in der Pharmaforschung rund 900 Arbeitsplätze weg. Seit mehreren Monaten suchte ein Team unter der Leitung des für Pharma zuständigen Forschungs- und Entwicklungschefs Jörg Möller bereits nach Einsparmöglichkeiten. Der interne Codename hieß „Super Bowl“.

Statt in die eigene Forschung fließt künftig ein Großteil der Gelder in Kooperationen mit Universitäten und in Biotech-Unternehmen. Mit dieser Strategie steht Bayer freilich nicht allein da; auch andere Medikamenten-Hersteller haben ihre externen Aktivitäten verstärkt.

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