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Linde-HauptversammlungDie Zeichen stehen auf Krawall

Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle war sich absolut sicher, die Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair glatt über die Bühne zu bekommen. Jetzt droht das Projekt zu scheitern. Ein Fall von Selbstüberschätzung?Matthias Kamp 09.05.2017 - 18:08 Uhr

Der Vorstandsvorsitzende der Linde AG, Wolfgang Reitzle, im Jahr 2014

Foto: dpa

An Selbstbewusstsein mangelt es Wolfgang Reitzle sicherlich nicht. Er sei ja „nicht unbedingt als Underperformer in der deutschen Wirtschaft bekannt“, hat er mal erklärt. Mit der etwas großspurigen Ansage wollte der Manager begründen, warum die vorgeschriebene zweijährige Abkühlphase, nach der er vom Linde-Chefsessel in den Aufsichtsrat wechseln kann, für ihn eigentlich nicht gelten sollte.

Keine Frage: Reitzle hat sich um den Gasekonzern Linde große Verdienste erworben. Der frühere Automanager hat aus dem margenschwachen Unternehmen in seiner Zeit als Vorstandschef einen schlagkräftigen und hoch profitablen Konzern gemacht; hat das Geschäft mit Gabelstaplern verkauft und den Börsenwert des Unternehmens in seinen elf Jahren als Vorstandsvorsitzender von 2,7 Milliarden auf 27 Milliarden Euro verzehnfacht.

Solche Zahlen lassen offenbar die Brust schwellen. Neulich, als es in kleiner Runde mal wieder um die ins Stocken geratene Fusion mit Praxair ging, soll er gesagt haben, eigentlich müsse man ihm in München an der Oberanger ein Denkmal setzen. An der Oberanger hat Linde seine Konzernzentrale.

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Da war es wieder: dieses etwas Großspurige, leicht Arrogante des Managers, der über viele Jahre von sich dachte, ihm gelinge beinahe alles. In dem Moment, in dem man sich zu sicher fühlt, betritt man unsicheres Terrain, besagt dabei eine alte Weisheit.

Auf sehr unsicherem Terrain bewegt Reitzle sich zurzeit zweifelsohne – wie der Poker um die angestrebte Fusion mit dem amerikanischen Gasekonzern Praxair ausgeht, ist völlig offen. Die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat haben schon vor Wochen angekündigt, geschlossen gegen den Zusammenschluss stimmen zu wollen. Sie fürchten Stellenstreichungen und wenden sich gegen den amerikanischen Führungsstil, mit dem Praxair-Chef Steven Angel den neuen Konzern angeblich steuern würde. Angel ist als CEO des fusionierten Unternehmens vorgesehen.

Reitzle, der nicht zu Unrecht einen Ruf als geschickter Taktierer genießt, ließ sich durch den Aufstand der Arbeitnehmer aus der Ruhe bringen – und begann Fehler zu machen. Per Zeitungsinterview verkündete er, bei der Abstimmung im Aufsichtsrat über die Fusion im Zweifel von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch machen zu wollen, um so den auch im Linde-Management nicht unumstrittenen Deal durchzudrücken. Ein in Deutschland, wo der Konsens zwischen den Tarifparteien eine wichtige Rolle spielt, mindestens fragwürdiger Vorgang. Zumal Linde-Vorstandschef Aldo Belloni ausdrücklich erklärte, man werde den Merger nicht gegen den Widerstand der Arbeitnehmer durchziehen.

Nun muss man Reitzle zugutehalten, dass die Arbeitnehmervertreter Ende vergangenen Jahres, als der Deal besprochen wurde, zunächst Zustimmung signalisiert hatten. Im Gegenzug bekamen sie eine Beschäftigungsgarantie bis Ende 2021. Der Schwenk der Belegschaftsvertreter kam recht abrupt.

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Angesichts der verfahrenen Situation müssen Reitzle und Belloni sich auf allerschärfste Kritik ihrer Anleger einstellen. Wenn sich am Mittwoch in München die Aktionäre zu ihrer Hauptversammlung treffen, dürfte es turbulent werden, die Zeichen stehen auf Krawall. Es gilt als sicher, dass eine Reihe von Aktionärsvertretern Vorstand und Aufsichtsrat nicht entlasten werden. Zwar unterstützen die großen Investoren, die überwiegend in den USA und Großbritannien beheimatet sind, den Zusammenschluss mit Praxair. Doch es gibt Anleger, etwa die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz oder die Vertreter von Aberdeen Asset Management, die nicht hinnehmen wollen, dass die Linde-Aktionäre nicht über den Deal abstimmen dürfen. Bei Praxair ist eine Abstimmung der Anleger vorgesehen.

Aus der verfahrenen Situation dürfte sich Reitzle nur wieder befreien können, wenn er den deutsch-amerikanischen Deal anders strukturiert. Beispielsweise könnte man deutlich mehr Kompetenzen des fusionierten Konzerns in München belassen. Auch könnte Reitzle mit Zugeständnissen, etwa bei der Mitbestimmung, auf die Arbeitnehmer zugehen.

Endlos lange werden Praxair und Chef Angel sich das Gezerre in Deutschland nicht mehr ansehen; der Zeitpunkt wird kommen, an dem Reitzle eine Einigung präsentieren muss. Eigentlich sollte bereits bis zur Hauptversammlung die fertige Fusionsvereinbarung vorliegen.

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