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Nach Verhaftung Anklage gegen Nissan-Renault-Chef Ghosn erhoben

Nissan-Renault-Chef Carlos Ghosn droht eine lange Haftstrafe in Japan. Die Staatsanwälte haben Anklage erhoben. Das Misstrauen in der Allianz wächst.

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Tokio Dem in Japan inhaftierten Renault-Chef Carlos Ghosn steht ein langwieriger Gerichtsprozess bevor. Am Montag erhoben die Ermittler Anklage gegen den Chef der Autoallianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi Motors. Die Ermittler werfen ihm unter anderem vor, in Geschäftsberichten in den fünf Jahren bis 2015 die Hälfte seines wahren Gehalts, rund 39 Millionen Euro, verschleiert zu haben. 

Doch trotz der Anklage kann Ghosn noch nicht darauf hoffen, nach 23 Tagen Haft freizukommen. Denn nach Medienberichten wollen die Staatsanwälte den ehemaligen Doppel-Chef von Renault und Nissan, sowie seinen ebenfalls inhaftierten und angeklagten Nissan-Vorstand Greg Kelly unter dem Vorwurf neu verhaften, dass Ghosns Gehalt auch in den Bilanzjahren 2015 bis 2017 nicht korrekt im Geschäftsbericht ausgewiesen wurde. Auch Nissan droht deshalb eine Anklage.

Neben der Verschleierung des Gehalts sollen Ghosn und Kelly auch Firmengelder in den Kauf von Luxusdomizilen gelenkt haben, in denen Ghosn kostenlos wohnen konnte. Zudem berichteten Japans Medien, dass Ghosn eine ältere Schwester als Beraterin angestellt hatte und sich Familienreisen bezahlen ließ. 

Bei einer Verurteilung droht Ghosn eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Manager die Untersuchungshaft gegen Zahlung einer Kaution verlassen kann, sei sehr gering, heißt es aus dem Konzernumfeld.

Damit dürfte Ghosn sich über die Weihnachtsfeiertage in einem japanischen Gefängnis auf den größten Kampf seines Lebens vorbereiten können. Der juristische Streit dreht sich dabei hauptsächlich um die Frage, wie die verschobene Zahlung seines Gehalts zu bewerten ist. 

Nach Ansicht der Staatsanwälte haben Ghosn und Kelly 2009 Ghosn offizielles Gehalt auf etwa eine Milliarde Yen halbiert. Die zweite Hälfte sollte Ghosn als Beratergehalt nach dessen Ausscheiden bei Nissan bezahlt werden, so laut Medienberichten der Vorwurf. Ghosn und Kelly bestehen allerdings im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft darauf, dass sie rechtlich nicht dazu verpflichtet waren, dass dieses verschobene Zahlung in den Geschäftsberichten ausweisen. Auch unter Japans Juristen ist der Fall umstritten. 

Der frühere Nissan-Chef wurde am 19. November verhaftet. Ein anderer ehemaliger Nissan-Manager, Greg Kelly, wird verdächtigt, den Chef aktiv bei seinen illegalen Aktivitäten unterstützt zu haben. Dessen Anwälte in den USA erklären, dass er seine Unschuld beteuere. Ghosn hat sich bislang nicht geäußert. Er gilt als der Architekt der Allianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi.

Seit der Verhaftung von Ghosn wächst auch das Misstrauen in der Allianz. Aus dem Konzernumfeld war kolportiert worden, dass Ghosn an einer Fusion von Nissan und Renault gearbeitet habe. Die französische Regierung hatte ihn in seinem Job nur nochmal unter der Zusage bestätigt, dass er die Partner stärker integrieren würde.

Doch Nissan-Chef Hiroto Saikawa sei von den ehrgeizigen Zielen des ehemaligen Alleinherrschers Ghosn abgerückt und habe sich deutlich gegen eine Fusion von Renault und Nissan ausgesprochen.

Im Hintergrund, so wird vermutet, tobte ein harter Machtkampf. Nach Informationen des Automagazins Automotive News wollte Ghosn Saikawa noch vorigen Monat ersetzen. Denn er sei unzufrieden mit Nissans Abschneiden daheim und in den USA gewesen. Tatsächlich liegt Nissan mit einer operativen Gewinnmarge von nur 3,6 Prozent im vergangenen Quartal weit hinter den heimischen Rivalen Honda und Toyota. 

Saikawa hatte nach der Verhaftung die Absetzung des Konzernchefs mit vorangetrieben. Er initiierte die Abwahl Ghosn als Verwaltungsratschef von Nissan. Eine Woche nach der Verhaftung nahm auch Partner Mitsubishi Motors Ghosn den Titel ab. 

Der Machtkampf passe zur alten Firmenkultur Nissans, merken langjährige Kenner des Unternehmens an. Seit Nissan in den 1960er Jahren den japanischen Hersteller Prince übernahm, bekämpften sich die beiden Seiten intern hart. „Bei Nissan haben sie getötet, um zu überleben“, sagt ein Analyst. Und ein Manager, der schon lange mit Nissan Geschäfte macht ätzt, dass sich Nissan selbst zerstört hätte, wenn man das Unternehmen sich allein überlassen hätte. 

Als Ghosn 1999 als Renaults Statthalter nach Japan kam, um Nissan zu retten, konnte er die Gräben zwar überbrücken. Doch nachdem er 2016 Saikawa zu seinem Nachfolger gekürt hatte, brachen neue Konflikte auf. Schon länger berichten japanische Medien von Reibungen zwischen dem Ghosn und seinem Schützling ehemaligen Verwaltungsratsvorsitzenden Ghosn und Saikawa. Und dies nicht nur wegen der wirtschaftlichen Entwicklung Nissans. 

Ein Sprecher von Renault hatte zuletzt betont, dass Nissan noch keine Beweise für die Vorwürfe gegen Ghosn vorgelegt habe, obwohl der Renault-Aufsichtsrat danach verlangt habe. Die Franzosen sind der größte Anteilseigner der japanischen Automarke.

Die Aktien von Nissan gaben erneut um 2,3 Prozent nach. Seit der Verhaftung des jahrelangen Firmenchefs sind sie bereits um fünf Prozent gesunken.

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