Siemens: Der Kater bei Digital Industries ist womöglich nicht so schnell vorbei

Siemens-CEO Roland Busch
Foto: SiemensSiemens-Chef Roland Busch sähe den Münchener Industrieriesen gern als digitalen Tech-Konzern, auf Augenhöhe mit Silicon-Valley-Größen wie Nvidia oder Microsoft. Ganz Valley-like, kündigt er dafür zeitweise fast im Wochentakt neue Partnerschaften seiner Vorzeigesparte „Digital Industries“ mit internationalen Tech-Promis an – am gestrigen Mittwoch etwa mit dem weltgrößten Auftragsfertiger Foxconn.
Ob konkrete, lukrative Geschäfte folgen, erfährt man leider selten. Die Vereinbarung mit Foxconn ist wie so oft eine „Absichtserklärung“, also bisher nur bedrucktes Papier. Dabei könnten die Geschäfte von „Digital Industries“ einen Push gut gebrauchen. Deren Prognose musste Siemens nämlich am heutigen Donnerstag schon wieder kräftig stutzen. Das drückte den Kurs der Siemens-Aktie zeitweise um mehr als fünf Prozent in der Tiefe. Das Dax-Schwergewicht verlor bis zum Nachmittag über sieben Milliarden Euro an Börsenwert.
Dabei hatte Finanzvorstand Ralf Thomas bereits im März in einer Investorenkonferenz vor einer längeren Schwächephase gewarnt, was am selben Tag über acht Milliarden Euro Börsenwert kostete. Damals nahmen die Analysten ihre Schätzungen für die Digital-Industries-Sparte (DI) schon kräftig zurück.
Die realen Zahlen für das zweite Quartal allerdings sind vor allem im Kern der Sparte, der Fabrikautomatisierung, noch erschreckender. Im zweiten Quartal des bis September laufenden Geschäftsjahres 2023/24 brach der Umsatz der Fabrikautomation um 20 Prozent ein. Ohne das florierende Geschäft mit Industriesoftware, vor allem die derzeit boomende Chipdesign-Software, wären die DI-Zahlen noch deutlich schlechter ausgefallen. Dank der Softwaregeschäfte betrug das Umsatzminus von Digital Industries „nur“ elf Prozent, und die operative Marge ging „nur“ von 24,3 Prozent auf 16,5 Prozent zurück.
Folge des Corona-Booms
Zudem hat sich die Hoffnung auf Nachfragebelebung abermals verschoben, vor allem in China. Die Folge: Für das lange so wachstumsstarke Aushängeschild rechnet Siemens fürs gesamte Geschäftsjahr nun mit einem Umsatzminus von vier bis acht Prozent. Noch im Februar war man von null bis plus drei Prozent angegangen.
Damit stellt sich allmählich die Frage, ob die Gründe wirklich nur konjunktureller Art sind – oder ob Siemens Digital Industries womöglich an Wettbewerbsfähigkeit verliert?
Infolge der Pandemie errichteten viele Industrieunternehmen wie Autohersteller oder Zulieferer überall auf der Welt neue Fabriken, wegen der Lieferengpässe kauften Distributoren Maschinensteuerungen auf Vorrat. Autohersteller bauten E-Auto- und Batteriefabriken auf. Das konnte nicht ewig so weitergehen. Auch Siemens-Wettbewerber kämpfen mit Nachfragerückgängen.
Siemens' Stärke in China wird zur Schwäche
Siemens‘ Einbruch war zuletzt aber weit stärker als etwa beim US-Rivalen Rockwell Automation. Siemens-Chef Busch behauptet dennoch, dass Siemens im Automatisierungsgeschäft weiter Marktanteile gewinne; der Konzern betrachte hierfür rollierend die letzten vier bis acht Quartale.
Fakt ist: Siemens‘ langjährige Stärke auf dem chinesischen Markt wird nun zur Schwäche – nicht nur, weil sich der Markt langsamer erholt als gedacht. In China kapern einheimische Automatisierungshersteller Marktanteile im niedrigpreisigen Segment, wie Busch einräumte. Deren Produkte mögen bei der Steuerung etwa von Werkzeugmaschinen weniger präzise funktionieren als Siemens-Automatisierungsprodukte, was eine schlechtere Qualität der gefertigten Teile und eine höhere Belastung für die Maschinen bedeutet. Diese verlorenen Marktanteile dürfte Siemens trotzdem schwerlich zurückerobern können.
Zudem reicht die Bedrohung weit über Chinas Markt hinaus: Schon jetzt sind chinesische Newcomer wie die 2003 gegründete Inovance überall auf der Welt aktiv, inklusive des deutschen Marktes. Automatisierung gehört seit Jahren zu den Fokusbranchen von Chinas Regierung, in denen die Volksrepublik die Weltmarktführerschaft erringen will.
Der Kater bei Siemens Digital Industries könnte insofern auch noch länger andauern.
Konzerninterner Favoritenwechsel?
Spannend ist, dass im Siemens-internen Vergleich zum ersten Mal die bisher weniger beachtete Sparte „Smart Infrastructure“ besser abgeschnitten hat als Digital Industries. Das Geschäft mit der technischen Ausrüstung und Vernetzung von Gebäuden erwirtschaftete mit 5,1 Milliarden Euro Umsatz und einem operativen Gewinn von 854 Millionen Euro die höchsten Beiträge aller vier Siemens-Sparten.
Mit 16,6 Prozent verdiente „Smart Infrastructure“ zum ersten Mal überhaupt eine – wenn auch minimal – höhere Marge als „Digital Industries“, nämlich 16,6 Prozent. Das hätten wohl wenige für möglich gehalten, als Siemens 2018 den Konzern neu sortierte und die beiden Kernsäulen „Digital Industries“ und „Smart Infrastructure“ formte. Getrieben wird das Geschäft unter anderem davon, dass überall auf der Welt neue Rechenzentren errichtet werden, um den stark wachsenden Bedarf an Rechenkapazität durch den Boom der Künstlichen Intelligenz zu decken. Weltmarktführer ist hier der französische Rivale Schneider Electric, der von Ex-Siemens-Manager Peter Herweck geführt wird.
Um das eigene Profil auch am Kapitalmarkt zu schärfen, wird „Smart Infrastructure“ in einigen Monaten einen eigenen Investorentag abhalten. Dies wird erst der zweite Kapitalmarkttag in der bisher gut dreijährigen Ära von Siemens-Chef Busch sein. Gut denkbar, dass der Siemens-interne Favoritenwechsel keine Ein-Quartals-Fliege bleibt.
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