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Sportindustrie Porno-Anwalt gegen Sportkonzern

Michael Avenatti, der Anwalt der im Rechtsstreit gegen Trump die Porno-Darstellerin „Stormy Daniels“ vertrat, liegt nun im Clinch mit Nike. Quelle: AP

Vom FBI aufgedeckte Zahlungen an College-Basketballer sorgten in den USA für einen Sportskandal. Mitten drin steckte ein hochrangiger Adidas-Mitarbeiter. Doch nun rückt ein Prozess auch Marktführer Nike in den Fokus.

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Als im September 2017 die New Yorker Staatsanwaltschaft zehn Männer wegen Bestechung und Betrugs verhaften ließ, hatte das auch Auswirkungen auf den Börsenkurs von Adidas. Der Grund: Unter den Beschuldigten war James Gatto, zu dem Zeitpunkt bei Adidas in den USA für Basketballmarketing zuständig. Zusammen mit den übrigen Beteiligten, darunter Trainer und Spieleragenten, soll er illegal Geld an Nachwuchsathleten gezahlt haben. Die Athleten sollten erst zu bestimmten, vom Herzogenauracher Sportkonzern ausgestatteten Colleges wechseln. Und später, wenn sie ihre Karriere in die Profiliga NBA führte, in Adidas-Schuhen antreten. Der Skandal aus der schummrigen Schattenwelt des Sports schlug prompt durch bis zur Börse - der Aktienkurs des Dax-Wertes sank um mehr als zwei Prozent.

Bereits damals wunderte sich allerdings nicht nur die US-Sportwelt: Während der Adidas-Manager, der im vergangenen April zu einer Haftstrafe von neun Monaten verurteilt worden ist, im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, schlüpfte ausgerechnet Nike unter dem Radar der Ermittler hindurch. Weltmarktführer Nike verfügt auch im heimischen Markt über einen gewaltigen Vorsprung und ist mit Abstand die Nummer 1 beim Verkauf von Basketball-Produkten. Und auch von weiteren wichtigen US-Marken wie Under Armour war in der Folge kaum die Rede.

Zumindest im Falle von Nike ändert sich das jedoch gerade. Anlass ist ein Gerichtsverfahren, das in wenigen Tagen in New York beginnt und das Zeug dazu hat, tiefe Einblicke in den angeblichen Amateursport zu verschaffen. Große Aufmerksamkeit ist dem Verfahren gewiss – und das liegt nicht allein daran, dass etwa der College-Basketball in den USA das ganze Land bewegt, Fans in Wallung versetzt wie in Deutschland allenfalls die Fußball-Bundesliga, und trotz seines angeblichen Amateurstatus‘ in Wahrheit längst ein Milliardengeschäft ist.

Für Aufsehen sorgt vor allem der Prozessgegner von Nike, ein schillernder Anwalt, der USA-weit durch einen Rechtsstreit mit US-Präsident Donald Trump zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte. Michael Avenatti vertrat 2018 die Porno-Darstellerin Stephanie Clifford, die Jahre zuvor eine Affäre mit Trump gehabt hatte. Ein Anwalt Trumps zahlte Clifford, die unter dem Namen „Stormy Daniels“ bekannt geworden war, mehr als 100.000 Dollar, um zu verhindern, dass sie weiter Auskunft gab über die Angelegenheit. Da jedoch Trumps Unterschrift unter der Schweigevereinbarung fehlte, fühlte sich Clifford nicht länger daran gebunden. Vertreten wurde sie von Avenatti. Der wiederum nutzte die Bühne, um sich als Trump-Kritiker zu profilieren.

Warum Avenatti nun im Clinch liegt mit Nike, dazu gibt es zwei Lesarten. Laut Avenatti habe er einen Insider aus der Nachwuchs-Basketballszene vertreten, der als Whistleblower die Machenschaften des trüben Geschäfts aufdecken wollte. Auf Nike sei er zugegangen, um dem Sportkonzern bei einer internen Untersuchung der Vorfälle zu unterstützen.
Aus Sicht von Nike stellt sich das ganze völlig anders dar. Demnach habe Avenatti versucht, den Konzern mit seinem Wissen zu erpressen. 25 Millionen Dollar habe der Jurist dafür verlangt, nichts davon an die Öffentlichkeit kommen zu lassen.

Im Vorfeld des Prozesses, der am 21. Januar in New York beginnen soll, bemühen sich beide Seiten nach Kräften, Öffentlichkeit und Gericht von ihrer Sicht zu überzeugen und die Weichen vorab in ihrem Sinne zu stellen. Avenatti etwa verlangt, mehrere Nike-Manager als Zeugen vorzuladen. Sie, so das Argument, könnten Auskunft geben über die Art und Weise, wie US-Colleges Nachwuchssportler an sich binden und welche Rolle die Sportartikelkonzerne dabei spielen. Avenatti plädiert daher auf nicht schuldig und versucht zugleich, sich als ein Opfer höherer Mächte darzustellen. Schließlich habe er in der Affäre um die Pornodarstellerin Clifford und bei weiteren Gelegenheiten Präsident Trump bei TV-Auftritten und in den sogenannten sozialen Medien angegriffen. Daher werde nun vom US-Justizministerium unrechtmäßig verfolgt.

Nike hält massiv dagegen und sagt, keiner seiner Manager, die maßgeblich für Nikes Basketball-Geschäft verantwortlich sind, habe jemals mit Avenatti zu tun gehabt, geschweige denn mit ihm gesprochen. Daher sei ihre Vorladung nicht nur unnötig, sondern vor allem der Versuch des Anwalts, abzulenken von seinem eigenen Vergehen. Avenatti, so die Nike-Anwälte, werfe dem Konzern aus dem Bundesstaat Oregon damit vor, sich an kriminellem Verhalten beteiligt zu haben, während er nach außen so tat, als kooperiere er mit der Untersuchung. Damit versuche der Anwalt, Nike als den Verbrecher und sich selber als Helden darzustellen: „Dieses Narrativ ist falsch und unlogisch.“

Stattdessen bemühen sich die Nike-Anwälte, den ohnehin schillernden Ruf des Juristen weiter in Frage zu stellen. So habe Avenatti unter hohen Schulden gelitten, etwa durch den Kauf teurer Sportwagen. Tatsächlich ist der 48-Jährige ein Mann von zweifelhaftem Ruf. Im vergangenen Jahr berichteten Medien über zahlreiche Verfahren gegen ihn. Dem gebürtigen Kalifornier würden in verschiedenen US-Bundesstaaten unter anderem Bestechung, Betrug und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Der Jurist sei dabei nicht nur gegen Gegner seiner Mandanten skrupellos vorgegangen. Stattdessen habe er sogar seine Mandanten selbst hintergangen. Tatsächlich sieht sich Avenatti in Manhattan derzeit einer Anklage gegenüber, wonach er Schauspielerin Clifford um Einnahmen aus einem Buchvertrag betrogen haben soll. Auch in Kalifornien soll er Klienten um Millionen betrogen haben.

So prallen im Gerichtssaal in New York zwei Seiten aufeinander, von denen beide viel zu verlieren haben. Bei Nike geht es vor allem um den guten Ruf und das zuletzt bereits durch mehrere Skandale befleckte Image des Sportkonzerns. Für Avenatti womöglich um noch viel mehr.

Und auch in Herzogenaurach wird mancher Manager den Prozess mit besonderem Interesse verfolgen. Denn es kann nur im Sinne des Dax-Konzerns sein, wenn sich herausstellt, dass auch andere Unternehmen hinter der Fassade vom angeblichen Amateursport an den US-Colleges ihre Geschäfte machten und machen.

Ob es soweit kommt, wird sich in den kommenden Tagen entscheiden, wenn feststeht, welchen Anträgen der zuständige Richter im Vorfeld des Prozessbeginns folgt. Dann wird sich zeigen, ob es schlicht um den Vorwurf der Erpressung gehen wird. Oder ob sich das Bild weitet und es ums große Ganze geht.

Fest steht, dass in den USA eigentlich allen Beteiligten das Schizophrene der Situation längst bewusst ist – während Universitäten, Sportartikler und TV-Stationen vom Milliardenbusiness profitierten, sollten ausgerechnet diejenigen praktisch leer ausgehen, die das Geschäft am Laufen hielten: die Sportler. Zeichen, dass sich daran etwas ändern wird, gibt es immerhin: Kalifornien hat gerade beschlossen, dass sich seine Studenten ab 2023 selber vermarkten und Verträge mit Sponsoren unterschreiben dürfen.

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