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Stammwerk Untertürkheim Der Streit bei Daimler geht in die nächste Runde

Zwischen Betriebsrat und Unternehmensführung wird um die Zukunft des Standorts gerungen. Quelle: dpa

Der Streit zwischen Betriebsrat und Konzernführung am Daimler-Stammwerk geht weiter. Jetzt meldet sich der Vorstand zu Wort und droht mit dem Abzug von Zukunftstechnologie.

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Im Streit um die Zukunft seines Stammwerks in Stuttgart-Untertürkheim wirft der Autobauer Daimler dem Betriebsrat eine Blockadehaltung vor und droht mit alternativen Standorten für das geplante Elektro-Kompetenzzentrum. „Die Verhandlungsführer der Arbeitnehmerseite beharren darauf, dass alle bestehenden Vereinbarungen unverändert umgesetzt werden“, heißt es in einer internen Information an die Mitarbeiter, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Zwar seien die aus damaliger Sicht sinnvoll und richtig gewesen, doch die Lage habe sich grundlegend verändert. „Festhalten am Status quo ist daher keine Option“, schreiben die Vorstände Markus Schäfer und Jörg Burzer.

Um Platz für den geplanten „Campus Mercedes-Benz Drive Systems“ zu schaffen, will der Autobauer andere Teile der Produktion verlagern. Der Betriebsrat besteht aber darauf, dass für wegfallende Arbeit im Zuge des Umstiegs auf die Elektromobilität wie einst vereinbart eine Kompensation geschaffen wird. Ein Streitpunkt ist dabei die Fertigung von Kurbelwellen.

„Klar ist: Kommt die neue Kurbelwellenfertigung in vollem Umfang nach Untertürkheim, müssen wir für den Campus Mercedes-Benz Drive Systems alternative Szenarien prüfen“, heißt es nun in dem Schreiben an die Mitarbeiter. „Denn eine Bündelung von Zukunftstechnologien ist dann aus Platzgründen in Untertürkheim nicht mehr möglich.“

Eine Daimler-Sprecherin bestätigte, dass derzeit verschiedene Alternativen geprüft würden. Um wie geplant Zukunftstechnologien in Untertürkheim umzusetzen, müssten dort entsprechende Voraussetzungen zum Beispiel bei den Flächen geschaffen werden. Dazu gehöre auch, dass nicht am angestammten Portfolio festgehalten werden könne. Man strebe aber weiterhin eine konstruktive Lösung zusammen mit den Arbeitnehmervertretern an.

Der Streit um Untertürkheim schwelt schon seit Wochen. Im Zuge des Umbaus sollen dort nach Angaben des Betriebsrats mehrere Tausend Jobs wegfallen. In Bezug auf den Kurs des Unternehmens und das Verhältnis von Vorstand und Belegschaft polterte Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht zuletzt im „Handelsblatt“: „Eine Beziehung, in der man sich weigert, aufeinander zuzugehen, hält nicht lange. Wir sind an einem kritischen Punkt.“


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Ein Grund für Brechts Vorwürfe: Daimler lässt bald im großen Stil in China Motoren fertigen. In Zusammenarbeit mit dem chinesischen Partner Geely. Die Nachricht sorgte in der vergangenen Woche in der Belegschaft für Unmut: Auch das Daimler-Werk in Untertürkheim hätte noch Kapazitäten frei und die Motoren gerne gefertigt. „Diese Chance haben wir jetzt verpasst“, zeigt sich ein Mitarbeiter zerknirscht. Themen wie diese würden den Betriebsrat „sauer machen“, sagte ein Insider. Gleichwohl wisse man aber auch, dass man in der jetzigen Situation sowas nicht aufhalten könne, schließlich könne Daimler mit Geely Millionen sparen. Eine gute Botschaft für die deutschen Standorte ist es freilich nicht. Nachrichten wie diese seien derzeit „gefährlich“, heißt es in Arbeitnehmerkreisen. Die Stimmung unter den Mitarbeitern sei am Boden.

Auch im Truck-Bereich ist die Stimmung aufgeheizt, auch dort stehen Tausende Stellen zur Disposition. „Kahlschlag droht, wenn wir uns nicht wehren!“, hatten die Betriebsräte mehrerer Standorte kürzlich an die Beschäftigten geschrieben. „Das können wir so nicht stehenlassen“, heißt es nun in einem Schreiben, das unter anderem von Daimler-Trucks-Vorstandschef Daum und Personalvorstand Jürgen Hartwig unterzeichnet ist und der dpa ebenfalls vorliegt. „„Kahlschlag“ unterstellt, dass wir willkürlich Arbeitsplätze abbauen wollen, und das ist schlicht falsch.“

Man müsse einerseits die Kosten senken, vor allem in Europa, und andererseits die technologische Transformation schaffen. Man suche den Dialog mit den Arbeitnehmervertretern, um gemeinsam die besten Lösungen zu finden. „Aber eines wollen wir Ihnen ganz offen sagen: Wir können nur Maßnahmen ergreifen, die wirtschaftlich sind“, schreibt das Management. Daher müsse man sich darauf einstellen, dass in einigen Bereichen Beschäftigung wegfallen werde.

Eine Sprecherin bestätigte, dass es „spürbare Veränderungen“ in den Werken geben werde. Der damit verbundenen Verantwortung sei man sich bewusst und werde in den kommenden Monaten mit dem Betriebsrat über die zukünftige Ausrichtung der Standorte verhandeln.

Mehr zum Thema: Bei seiner nächsten Motorengeneration will der Autobauer Daimler mit Geely zusammenarbeiten. Der Betriebsrat ist „fassungslos“.

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