Umsatz bricht ein: Chemiebranche unter Druck: „Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt“
Bei den deutschen Chemiereisen kriselt es.
Foto: imago imagesEine schwache Nachfrage, hohe Energiekosten und die trübe Konjunktur machen der deutschen Chemiebranche schwer zu schaffen. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) senkte in Frankfurt seine Prognose für das laufende Jahr deutlich. Er rechnet nun damit, dass die Produktion in der Chemie- und Pharmabranche kräftig um acht Prozent gemessen am Vorjahr schrumpft. Die Herstellung der Chemie allein betrachtet dürfte gar um elf Prozent zurückgehen. Der Branchenumsatz könnte um 14 Prozent sinken.
„Die Hoffnungen, dass nach einem milden Winter und deutlich gesunkenen Gas- und Strompreisen eine Erholung einsetzt, haben sich nicht erfüllt“, sagte VCI-Präsident Markus Steilemann. Im Gegenteil, die Nachfrage nach Chemikalien falle. Bisher hatte der VCI mit einem Minus bei der Produktion von fünf Prozent und von sieben Prozent beim Umsatz für die wichtige Industriebranche gerechnet, die rund 477.000 Menschen in Deutschland beschäftigt.
Umsatz der Chemie- und Pharmabranche sinkt
Eine Erholung für die Chemie sei im zweiten Halbjahr nicht zu erwarten, sagte Steilemann. Industriekunden hielten sich zurück und Absatzmärkte brächen weg – etwa in der Bauindustrie. Zudem stünden die Chemikalienpreise wegen des scharfen Wettbewerbs unter Druck.
Gerade die Chemieindustrie ist als Lieferant etwa für die Auto-, Konsumgüter- und Baubranche konjunkturabhängig, während die Pharmabranche als robust gegenüber Wirtschaftsschwankungen gilt. Im ersten Halbjahr sank die Produktion in der Chemie- und Pharmabranche insgesamt laut VCI um 10,5 Prozent zum Vorjahr und der Umsatz um 11,5 Prozent auf 114 Milliarden Euro. Vor allem das Geschäft im Heimatmarkt Deutschland lief schlecht.
Kritik an schwierigen Standortbedingungen
Die Chemiebranche leidet seit Herbst 2022 unter einem Abbau von Lagerbeständen bei Kunden. Wegen eines schwachen zweiten Quartals haben schon etliche Chemiefirmen deutliche Abstriche bei ihren Jahreszielen gemacht. Dazu zählen BASF, Lanxess, Clariant und Evonik. Konzerne wie BASF haben angekündigt, wegen hoher Produktionskosten in Deutschland verstärkt im Ausland zu investieren – etwa in China. Dort errichtet BASF in Zhanjiang zurzeit einen neuen Verbundstandort für 10 Milliarden Euro, die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. Zudem wird ein Offshore-Windpark mit einem chinesischen Partner gebaut, der das Werk mit Strom versorgen soll. Nach der Fertigstellung, die für das Jahr 2023 geplant ist, wird Zhanjiang weltweit die drittgrößte Produktionsstätte der BASF sein. Kritiker bemängeln, dass der Konzern sich mit der Milliarden-Investition abhängig von China macht.
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Gerade die strom- und gashungrige Chemieindustrie ist von hohen Energiepreisen betroffen. Industriekunden zahlen in Deutschland derzeit drei mal so viel wie in Frankreich pro Kilowattstunde, viermal so viel wie in den USA und siebenmal so viel wie in China. Auch wenn die Stromkosten gesunken seien, lägen sie immer noch über Vorkrisenniveau, sagte Steilemann. Er warb erneut für einen staatlich subventionierten Industriestrompreis, der der Branche als Brücke dienen würde, bis genug Strom aus erneuerbarer Energie zur Verfügung stehe – etwa zu Anfang der 2030er-Jahre. Berater der Bundesregierung sehen den von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) vorgeschlagenen Industriestrompreis für energieintensive Unternehmen kritisch – auch mit Blick auf die knappe Staatskasse. Die Hilfen würden bis zu 30 Milliarden Euro kosten.
Steilemann kritisierte schwierige Standortbedingungen. Ein „Klumpenrisiko“ aus hohen Energiepreisen und Steuern, schlechter Infrastruktur, Fachkräftemangel, Digitalisierungsstau und zu viel Bürokratie raube den Branchenfirmen die Zuversicht. „Der Glaube an den Standort Deutschland schwindet.“ Die Bundesregierung müsse handeln, „damit Deutschland nicht zum Abstiegskandidaten wird“.
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