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Chiphersteller Ein Ruck geht durch Intel

Fürs angekratzte Image wird die Nomenklatur verändert. Quelle: REUTERS

Um den Rückstand zur Konkurrenz bei der Chipfertigung herunterzuspielen, greift Intel-Chef Pat Gelsinger in die Marketing-Trickkiste. Doch es steckt weit mehr dahinter als Marketing, wie der Großkunde Amazon beweist.

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Es ist ein bewährter Marketing-Kunstgriff, dem sich Politik und Geschäftswelt gleichermaßen bedienen: Wenn Dinge nicht so wahrgenommen werden, wie man möchte, verpasst man ihnen einen neuen Namen. Der neue Intel-Chef Pat Gelsinger tut das gerade. Am Montag stellte er den zweiten Teil seines Plans vor, mit dem er den Halbleiterkonzern wieder zum Weltmarktführer in der Chipfertigung machen möchte. Fürs angekratzte Image wird die Nomenklatur verändert, mit der die Fertigungstechnologie-Generationen ab sofort beschrieben werden.

Hintergrund: Einst für seine Expertise beim Produzieren von immer winzigeren Schaltkreisen weltberühmt, ist Intel vor ein paar Jahren aus dem Takt gekommen. Das ist umso peinlicher, da der Konkurrent Taiwan Semiconductor Manufacturing Corp (TSMC) vorauseilt und mittlerweile 5-nm-Halbleiter fertigt, unter anderem für Apple. Die Expertise von TSMC hilft Intels Erzkonkurrent AMD, der im Geschäft mit Rechenzentren Boden gutgemacht hat. Intel hat gerade auf die 10-nm-Fertigung umgestellt, was der Konzern eigentlich schon vor drei Jahren vorhatte, produziert inzwischen damit das Gros seiner Chips. Und fasst 7 nm ins Auge. TSMC ist also zwei Generationen voraus.

Nach der von Gelsinger nun eingeführten Namensgebung allerdings nicht mehr. Intel 7 ist die dritte Generation von 10 nm, Intel 4 steht für 7 nm und Intel 3 für 5 nm. Das hört sich schon mal besser an. Intel verteidigt sich damit, dass die eingesetzten Methoden schon lange nicht mehr vergleichbar seien. Tatsächlich gibt es keinen weltweiten Standard, was dafür als Referenz herangezogen wird.

Am Ende zählt die Leistungsfähigkeit der Prozessoren und da behauptet Intel, trotz aller Verspätungen bei neuen Produkten vorn mitzumischen. Technisch sei sein 10-nm-Fertigungsprozess mit dem 7 nm von Samsung oder TSMC vergleichbar.

Bis 2025 will Intel trotzdem die Krone des schnellsten Prozessors der Welt von AMD zurückerobern. Die ersten Intel-7-Prozessoren sollen nächstes Jahr auf den Markt kommen und zehn bis 15 Prozent mehr Leistung pro Watt offerieren. Die ersten Intel-4-Produkte – Meteor Lake für PC und Granite Rapids für Rechenzentren – sind nun für 2023 geplant. Ein Jahr später könnte Intel 3 gefertigt werden. Doch die Konkurrenz schläft nicht und entwickelt ihre Fertigungstechnologien ebenfalls weiter. TSMC beispielsweise baut bereits seine 3-nm-Fertigung und will kommendes Jahr die ersten Chips ausliefern. Nur wenn alles glattgeht, könnte Intel Mitte des Jahrzehnts wieder den Ton angeben.

Rückenwind bei der Glaubwürdigkeit gibt es zumindest von prominenten Abnehmern. Amazon wird einer der ersten Großkunden sein, die ihre eigenen Prozessoren bei Intel fertigen lassen.

Ähnliche Initiative vor sieben Jahren

Im März hatte Gelsinger kurz nach Amtsübernahme mitgeteilt, nicht nur an der eigenen Produktion festzuhalten, sondern auch als Auftragsfertiger zu fungieren. Also das, was TSMC, Samsung und Global Foundries für Kunden wie Apple, Nvidia oder AMD tun. Zwar hatte Intel eine ähnliche Initiative vor sieben Jahren angekündigt. Passiert war danach jedoch wenig. Diesmal, so gelobt Gelsinger, meine man es wirklich ernst.

Dass Intel früher dort nicht richtig vom Fleck kam, lag auch daran, dass potenzielle Kunden Interessenkonflikte befürchteten. Denn im Gegensatz zu reinen Auftragsfertigern wie TSMC produziert Intel auch für eigene Zwecke. Gäbe es bei letzteren Engpässen, so die Furcht, werde Intel seine eigene Produktlinie bevorzugen. „Wir stellen garantierte Kapazität bereit“, verspricht Gelsinger.

Mehr noch: Die Auftragsfertigersparte ist aus Intel herausgelöst und soll ähnlich wie die Selbstfahrtochter Mobileye autonom handeln, mit eigenem Budget und Umsatzzielen. Sie wird von Randhir Thakur geleitet, der direkt an Gelsinger berichtet. Die neue Produktionsstrategie von Intel – intern als IDM 2.0 bezeichnet – beinhaltet auch das Verpflichten von Auftragsherstellern. Konkurrent TSMC fertigt bereits für Intel.



Wichtiger als die Belustigung von Spöttern über die neue Namensgebung ist, dass namhafte Unternehmen sichtlich darauf vertrauen, dass Gelsinger den Fortschritt in der Fertigung beschleunigt. Neben Amazon ist das auch Smartphone-Ausrüster Qualcomm, der für seine Prozessoren eine ganz neue Intel-Fertigungstechnologie nutzen will, die unter 1 nm geht und 2024 verfügbar sein soll. In Intels neuem Namensschema heißt sie Intel 20A. Die nächste Messlatte liegt dann bei Intel 18A. Dass Intel und der südkalifornische Wettbewerber Qualcomm, die sich lange spinnefeind waren, nun zusammenarbeiten, ist gleich die nächste Zeitenwende.

Klar ist: Gelsinger benennt nicht nur um. Er geht auch stärker ins Risiko. Dass Intel bei der Fertigungstechnologie in Verzug geriet, lag unter anderem daran, dass man beim Einsatz neuer Methoden etwa der Belichtung zu konservativ war. Bei Intel 4 setzt man nun voll auf die EUV-Lithografie des niederländischen Halbleiterausstatter ASML. Was bedeutet, dass auch ASML nicht patzen darf.

Gelsinger kommt entgegen, dass zwar Intels Image angekratzt ist, aber sein Konzern finanziell nie in der Krise steckte. Auch wegen des Chip-Booms. Das Problem ist jedoch, dass Konkurrenten wie TSMC oder auch AMD und Nvidia davon weitaus mehr partizipieren, während Intel Verzögerungen ankündigen muss, wie gerade erst bei seinen Server-Prozessoren.

Viel Spielraum hat Gelsinger nicht. An neuen Fertigungstechnologien wird seit vielen Jahren, mitunter gar Jahrzehnten gearbeitet und geforscht. Intel ist hier auch von der Innovation bei Ausrüstern wie ASML, Applied Materials oder Carl Zeiss SMT abhängig. Analysten warnen bereits vor niedrigen Margen wegen der hohen Investitionen in neue Fertigungstechnologien und Fabriken.

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Der Intel-Chef kann allerdings stärker ins Risiko gehen, neue Produktionsstätten errichten, seine Leute motivieren und das Image aufpolieren. All das tut Gelsinger. Dass er seine Karriere einst bei Intel startete, kommt ihm entgegen. Dort, so berichtet ein Manager aus dem Silicon Valley, gehe „ein Ruck durchs Unternehmen, seit Pat wieder da ist“.

Mehr zum Thema: Die Nachfrage nach Computerchips boomt. Der Halbleiterbranche verhilft das zu einem globalen Wachstumsschub – ausgerechnet Europa hinkt im Rennen um Marktanteile und technologischen Fortschritt aber hinterher.

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