Tesla und X: Eine Richterin bringt Elon Musks Kartenhaus ins Wanken

Elon Musk braucht den Milliardenbonus dringend.
Foto: imago imagesAuf den ersten Blick mag der Richterspruch von Delaware, der Elon Musk als Tesla-Chef am 2. Dezember erneut eine Rekordvergütung in Höhe von mehr als 100 Milliarden Dollar versagt hat, dem Milliardär nicht viel anhaben. Bleibt er doch mit rund 330 Milliarden Dollar Vermögen auf dem Papier der reichste Mensch der Welt. Doch der Anschein trügt. Das Urteil, sollte es der Berufung standhalten, könnte Musks Welt ins Wanken bringen. Denn, so erstaunlich das klingen mag: Der Multimilliardär hat ein Cash-Problem.
Um die 44 Milliarden Dollar schwere feindliche Übernahme des Kurznachrichtendienstes Twitter (heute X) vor zwei Jahren stemmen zu können, musste er direkt und indirekt hohe Kredite aufnehmen. Und dafür hat er gute Teile seiner bisherigen Tesla-Aktien sowie Vermögenswerte von X als Sicherheit eingebracht.
So hinterlegte Musk SEC-Unterlagen zufolge allein für von ihm persönlich aufgenommene Darlehen 238 Millionen seiner 411 Millionen Tesla-Aktien als Sicherheit. Auch ließ Musk das Unternehmen X selbst Kredite in Höhe von 13 Milliarden Dollar aufnehmen, um den Deal zu finanzieren. Kredite, die mit dem Unternehmenswert von X abgesichert waren.
X verlor aber seit der Übernahme gehörig an Wert. Um die 2027 und 2029 fällig werdenden X-Darlehen also gegenüber einem Bankenkonsortium um Morgan Stanley zurückzahlen oder verlängern zu können, muss Musk nach heutigem Stand persönlich einspringen. Und dafür bräuchte er dringend jene 303 Millionen neue Tesla-Aktien aus der Vergütungsvereinbarung – zumindest, wenn er weiter ein gewichtiger Anteilseigner bei Tesla bleiben will. Richterin Kathaleen McCormick in Delaware macht ihm nun erneut einen Strich durch diese Rechnung.
Fünf Szenarien, keines ideal
Hat das Urteil Bestand, bleiben dem Milliardär fünf Szenarien, von denen ihm keines wirklich gefallen kann. So kann er erstens seine Beteiligung am E-Autobauer Tesla gegenüber heute deutlich reduzieren, indem er seine noch nicht als Sicherheit bei den Banken hinterlegten Aktien verkauft. Das aber dürfte den Kurs des Unternehmens nach unten treiben, da viele Aktionäre Musk als maßgeblichen Erfolgsfaktor von Tesla betrachten – gerade jetzt, wo er in der Trump-Regierung ein Amt übernimmt, das Tesla zugute kommen kann. So hatte dieser vor einer Weile gedroht, das Interesse an Tesla zu verlieren, sollte er das Vergütungspaket nicht erhalten.
Zugleich muss Musk den Schaden für sich selbst so gering wie möglich halten, indem er den Kurs des Unternehmens kurz- bis mittelfristig so weit nach oben treibt wie möglich. Das dürfte noch mehr nicht eingehaltene Versprechungen, noch mehr übertriebene Ankündigungen von ihm bedeuten, als er ohnehin schon abgibt.
Ein zweites Szenario wäre es, den Wert von X während einer Trump-Präsidentschaft massiv zu steigern – etwa indem er das soziale Netzwerk zum offiziellen Sprachrohr des Präsidenten ausbaut. Doch Trump hat mit Truth Social ein eigenes Netzwerk, über das er zurzeit wichtige Statements verteilt. Zudem müsste Musk von seiner eigenen Dominanz im X-Nachrichten-Strom etwas abgeben. Dann könnte er womöglich die Banken überzeugen, die X-Kredite zu verlängern. Ob die mitmachen, ist aber alles andere als sicher. Schließlich endet die Trump-Präsidentschaft schon 2029. Noch einmal wiederwählen lassen kann sich dieser nicht. Selbst wenn X sich bis dahin berappelt, bleibt also eine unsichere Zukunft.
Privatinvestoren wie Oracle-Gründer Larry Ellison, Saudi Arabiens Prinz Alwaleed bin Talal, Twitter-Gründer Jack Dorsey und die Wagniskapitalfirmen Sequoia und Andreessen Horowitz, die mit Musk zusammen investiert hatten und ebenfalls hohe Abschreibungen auf ihre X-Anteile hinnehmen mussten, hat der Milliardär laut „Financial Times“ mit Anteilen an xAI entschädigt. Das Start-up, das riesige Rechenzentren für eine selbstentwickelte künstliche Intelligenz (KI) baut, wird mit den nächsten Finanzierungsrunden massiv an Wert gewinnen – so die Hoffnung. Die Banken, die X und Musk Kredite gegeben hatten, dürften davon aber kaum profitieren. Es sei denn, Musk nutzt in einem dritten Szenario den künftigen Wert seiner xAI-Anteile, um damit jene Kredite von X zu besichern.
SpaceX beleihen ist ein Tabu
Musk könnte X in einem vierten Szenario aber auch pleite gehen lassen, wenn die Kredite 2027 und 2029 fällig werden. Auch in diesem Fall würde der Milliardär allerdings einen guten Teil jener Tesla-Aktien einbüßen, mit denen er seine persönlich aufgenommenen Kredite für die Twitter-Übernahmen besichert hat. Damit würde Musk auch hier an Relevanz bei Tesla als Eigentümer deutlich verlieren.
Das für den Seriengründer wohl am wenigsten attraktive fünfte Szenario jedoch schließt sein Raumfahrtunternehmen SpaceX mit ein. Das nämlich hatte er bisher weitestgehend aus der Finanzierung der Twitter-Übernahme rausgehalten. Würde er Anteile an dem ultraerfolgreichen Raumfahrtkonzern verleihen oder verkaufen, würde das womöglich sein Ticket zum Mars aufs Spiel setzen. Das ist jedoch jenen zufolge, die Elon Musk persönlich gut kennen, etwas, das ihm wohl im Leben am wichtigsten ist. Nämlich das ultimative Ziel aus eigener Kraft zu erreichen, das ein Erdenbürger sich heute vorstellen kann: zu einem anderen Planeten zu reisen.
So oder so, Musk muss in den nächsten Monaten und Jahren wohl alles daran setzen, den 100-Milliarden-Dollar-Bonus doch noch durchzudrücken, oder zumindest seinen Verlust irgendwie in Grenzen zu halten. Für die USA bedeutet das, Musk wird wohl noch vehementer sich selbst dienen, statt dem Volk, das er künftig vertritt.
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Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 3. Dezember 2024 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.