Kläger Group: Warum dieser Mittelständler auf Bitcoin-Mining setzt
CEO Kristian Kläger in firmeneigenen „Energy-Lab“. Hier monetarisieren Bitcoin-Miner den überproduzierten Solarstrom des Unternehmens.
Foto: WirtschaftsWocheBitcoin-Mining wird in Deutschland oft als Stromfresser und Umweltsünder geschmäht. Hoher Energieverbrauch, miese Nachhaltigkeitsbilanz, so das gängige Urteil. Die Kläger Group aus dem bayerischen Neusäß bei Augsburg lässt sich davon nicht beirren: Sie ist unter die Bitcoin-Schürfer gegangen – und das, obwohl sie eigentlich in der Herstellung von Sprühsystemen, technischen Präzisionsteilen aus Hochleistungskunststoffen und Kosmetika tätig ist.
Die Kläger Group bezieht einen großen Teil ihres benötigten Stroms aus Sonne und Wind, selbst produziert und zugekauft. Das Problem dabei: Üblicherweise verpufft ein Teil dieser Energie ungenutzt. Nicht so bei dem bayerischen Mittelständler. Er nutzt den umweltfreundlich erzeugten Strom, der nicht für die Produktion benötigt wird, zum Bitcoin-Mining.
Könnte die Kläger Group damit ein Vorbild für andere Mittelständler sein?
Kläger Group: Was machen die überhaupt?
Mit rund 300 Mitarbeitern produziert die Kläger Group Kunststoffprodukte wie Druckpumpzerstäuber und Sprühflaschen für Kunden im In- und Ausland. Zur Firmengruppe gehören das Kernunternehmen Kläger Plastik GmbH, die Kläger SPC GmbH, die Vema GmbH & Co. KG sowie das Bitcoin-Start-up terahash.energy GmbH.
Den Grundstein für das Unternehmen legte Karl Kläger im Jahr 1949. Seit 2011 führt sein Enkel Kristian die Geschäfte. Sämtliche Kunststoffteile sind hier „Made in Germany“, lediglich Dichtungen und Metallkomponenten werden zugekauft. Im Chemielabor der Schwesterfirma Vema werden auch eigene Aerosole entwickelt. Der Umsatz der Gruppe lag zuletzt bei 40 Millionen Euro. Vergangenes Jahr feierte das Unternehmen sein 75-jähriges Bestehen. Ein stocksolider deutscher Mittelständler also. Was will der denn mit Bitcoin?
Blick auf einige Maschinen in einer der Produktionshallen der Kläger Group bei Augsburg.
Foto: WirtschaftsWocheBereits seit 2021 hält die Kläger Group Bitcoin in ihrer Bilanz. Im Jahr 2022 kündigte sie dann an, Bitcoin-Mining in ihre Unternehmensstruktur zu integrieren, und setzte damit als eine der ersten Firmen Deutschlands öffentlich auf eine klare Bitcoin-Strategie. Demnach wolle man Bitcoin als langfristige Position im Anlagevermögen halten, beschreibt Kläger. Ein notwendiger Schritt, um die Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland zu erhalten, sei das gewesen, betont Geschäftsführer Kristian Kläger. So habe man den steigenden Energiekosten entgegenwirken können. „Bitcoin war anfangs auch innerhalb des Unternehmens durchaus ein umstrittenes Thema“, erzählt Kläger. Zweifel in der Belegschaft habe man aber rasch ausräumen können.
Für Bitcoin-Skeptiker gibt es bei Kläger mittlerweile sogar eine kleine Firmenbibliothek mit Fachliteratur zum Thema. Mitarbeiter können hier kostenfrei ihr Selbststudium zum Thema Bitcoin betreiben. „Die verständlichen Berührungsängste sind einer gewissen Aufbruchsstimmung und einem Interesse an der Technologie gewichen“, sagt Kläger mit Stolz.
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Produktion und Nachhaltigkeit dank Bitcoin-Mining?
Kristian Kläger sagt: Ihm sei schnell klar gewesen, dass sein Unternehmen „sein eigenes Kraftwerk“ werden müsse, um sich von steigenden Energiepreisen zu emanzipieren. Die Kläger Group deckt daher einen guten Teil ihres Energiebedarfs durch eine eigene Solaranlage auf dem Dach des Werks in Neusäß sowie durch einen eigenen Solar-Energiepark am Standort im sächsischen Hartha.
An Wochenenden und Feiertagen, wenn die Maschinen stillstehen, aber die Sonne scheint, erzeugen die Anlagen jedoch eine beachtliche Menge an überschüssiger Energie. Diese für kleines Geld ins Netz einzuspeisen oder sie ungenutzt verpuffen lassen, wollte Kläger nicht: „Wenn alle Unternehmen diesen Schritt gehen, Photovoltaikanlagen aufrüsten und somit das Angebot an grünem Strom drastisch steigt, was bekommt man dann noch für die Einspeisung und wie sollen die Stromnetze das bewerkstelligen?“
Die Kläger Group will „ihr eigenes Kraftwerk“ sein und setzt verstärkt auf Solarstrom.
Foto: WirtschaftsWocheÜberschüssige Energie für das Bitcoin-Mining zu nutzen, war für Kläger ein logischer nächster Schritt. Die Vorteile liegen für ihn auf der Hand: Er erzielt mit dem Mining neuer Bitcoin Erträge, die er in der Unternehmensbilanz verbuchen kann. Und er kann die beim Mining entstehende Abwärme nutzen. Diese wird in den Produktionsablauf integriert, etwa zum Erhitzen von Wasser für bestimmte Arbeitsschritte in der Produktion, und ersetzt in Teilen die Nutzung fossiler Energieträger. Das verbessert obendrein die CO2-Bilanz des Unternehmens.
„Generell sind flexible Verbraucher ein wichtiger Baustein für die Energiewende. Insofern könnte hier durchaus auch Bitcoin-Mining eingesetzt werden. Technisch ist es nicht so schwierig, überschüssigen Strom zu verbrauchen – eigentlich will man diesen Strom aber sinnvoll einsetzen“, sagt Matthias Huber, Leiter des Instituts für neue Energie-Systeme (InES) an der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI). Huber sieht Computing – auch abseits von Bitcoin Mining – durchaus als flexiblen Verbraucher: „Ich würde die Flexibilität von Rechenzentren nicht ausschließen. Man könnte mehrere Rechenzentren in Deutschland oder Europa verteilt betreiben und Computing-Aufgaben perspektivisch zu gewissen Teilen am Stromnetz orientiert verteilen. Idealerweise wird dabei die anfallende Abwärme in nahegelegenen Wärmenetzen eingesetzt.“
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Bitcoin-Mining: Ein Modell für Deutschland?
Um Bitcoin zu schürfen, nutzt die Kläger Group sogenannte ASIC-Miner. Diese lassen sich bei Bedarf flexibel an- und abschalten und passen sich so an das aktuelle Stromangebot an. „Die Miner agieren sozusagen als steuerbarer Stromkunde, der einspringt, wenn die Nachfrage zu klein beziehungsweise das Angebot an günstigem Strom zu groß ist“, erklärt Kristian Kläger. „Kostenseitig trägt sich das System mehr oder weniger von alleine, schließlich nutzen wir für das Mining nur Strom, den wir über unsere Solaranlage erzeugen. Wir beziehen dafür also keinen Strom aus dem Netz.“
Kläger sieht im Bitcoin-Mining eine enorme Chance – gerade mit Blick auf den Solarboom der vergangenen Jahre. Viele Solaranlagen lassen sich nicht einfach abschalten. Das führt an sonnigen Tagen mit geringem Verbrauch zu Schwankungen im Stromnetz. Steigt oder fällt die Netzfrequenz zu stark, drohen flächendeckende Stromausfälle. Ein solches Problem könnte erstmals an einem sonnigen Feiertag wie Fronleichnam, Pfingsten oder Ostern 2025 auftreten.
Mit dem Anschluss einer immer größeren Zahl von Windkraft- und Solaranlagen müssten die Stromnetze neben dem Nutzungsverhalten der Verbraucher noch eine weitere Variable verkraften, sagt Mike Hermann, Energiemanager und Mitglied des Boards European Bitcoin Energy Association (EBEA). Die Speichertechnologie ist noch nicht so weit, dass sie Überschüsse zuverlässig abfedern kann. Eine große Anzahl an Batteriespeichern sei noch in der Erprobung, sagt Hermann. „Bitcoin-Mining-Geräte dagegen haben ein eher überschaubares Investitionsvolumen und sind sofort verfügbar.“
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„Genau hier kommt Bitcoin-Mining ins Spiel“, sagt Kläger. „Wenn Mining bei uns in der Kläger Group im Kleinen als steuerbarer Stromabnehmer und wirtschaftlicher Faktor funktioniert, dann funktioniert der Prozess auch im Großen.“ Er ist überzeugt: „Gerade Deutschland und das europäische Verbundsnetz brauchen Bitcoin-Mining aufgrund des hohen Anteils der erneuerbaren aber schwankungsanfälligen Energien – viele wissen es nur leider noch nicht.“
Energiemanager Hermann sieht das ähnlich. „Die große Herausforderung für Netzbetreiber besteht heute darin, die schwankenden Einspeisungen aus EEG-Anlagen möglichst genau vorauszusagen und diese dann so abzustimmen, dass sie zum Abnahmeverhalten der Stromkunden passen. Aus technischer Sicht besteht grundsätzlich die Möglichkeit, Bitcoin-Mining einzusetzen, um eine weiterhin hohe Netzstabilität zu gewährleisten.“ Schließlich könnten Überschussspitzen aus Wind- und Solarenergie durch die schnelle Steuerbarkeit der Mining-Geräte effektiv abgefangen werden.
Geschäftsführer Kristian Kläger zeigt die Bitcoin Miner der Kläger Group. Das Unternehmen experimentiert mit unterschiedlichen Mining-Geräten zur Abnahme des überproduzierten Stroms.
Foto: WirtschaftsWocheSo viel Geld hat Kläger schon jetzt verdient
Insgesamt habe man im Unternehmen zuletzt rund sechs Millionen Kilowattstunden Strom verbraucht, berichtet Kläger. „Dabei lag unsere Eigenstromquote – der Anteil des selbst erzeugten Stroms – bei rund 25 Prozent.“
Bei einer Einspeisevergütung von rund fünf Cent hätte das Unternehmen, wenn es diesen Strom ins Netz eingespeist hätte, dafür wenige Tausend Euro bekommen. Stattdessen wurde von überschüssiger Energie inzwischen mehr als ein Bitcoin geschürft. Auch nach den jüngsten Kursverlusten entspricht dies einem Wert von fast 77.000 Euro (Stand: 21. April 2025).
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Die Kläger Group betreibt das Mining nicht allein, sondern in einem sogenannten Pool – einem Zusammenschluss weltweit agierender Miner. Damit erhöht es seine Chancen, den nächsten Block der Bitcoin-Blockchain zu validieren, um die Belohnung von aktuell 3,125 Bitcoin einzustreichen.
Dieser Block-Reward wird, entsprechend der beigetragenen Rechenleistung, anteilig an die Miner im Pool ausgezahlt. „Je nachdem, welche Effizienzklasse an Mining-Hardware wir einsetzen, erwirtschaften wir durchschnittlich zwischen acht und zwanzig Cent pro Kilowattstunde Überschussstrom in Form von Bitcoin“, berichtet Kristian Kläger. „In Spitzenzeiten eines Bitcoin-Bullenmarktes sind es sogar 25 bis 50 Cent in Bitcoin, statt der fünf Cent, die uns die Einspeisevergütung bringen würde.“
Kläger unterstreicht, dass diese Energie ohnehin hätte aufgewendet werden müssen – „nur erhalten wir durch Bitcoin zusätzlich einen realen, monetären Gegenwert“. Diesen schlägt die Kläger Group dem Unternehmenswert zu, statt die Bitcoin direkt am Markt zu verkaufen. Mit steigender Eigenstromquote wolle man das Mining weiter ausbauen.
terahash.energy: Das ist das Bitcoin-Spin-Off der Kläger Group
Zur Kläger Group gehört mit der terahash.energy GmbH mittlerweile sogar ein eigenes Bitcoin-Start-up. Sein Ziel ist es, die Kombination aus Bitcoin-Mining und flexibler Energienutzung über die Kläger Group hinaus bekannt zu machen. „Noch vor wenigen Jahren hätte ich nicht erwartet, ein eigenes Unternehmen im Bereich Bitcoin-Mining und Bitcoin Business-Strategie zu gründen“, erzählt Kläger. „Unser Ziel ist es, unsere Erfahrungen weiterzugeben und anderen Unternehmen die Integration dieser Technologie in ihre Produktionsprozesse zu erleichtern.“
Im Juni eröffnet terahash.energy sein zweites eigenes Bitcoin-Datacenter, mit 1,7 Megawatt Leistung samt Fernwärmeeinbindung und Netzstabilisierung – in Finnland. Dieses Konzept bietet laut Kläger auch anderen deutschen Firmen, Kommunen und Energieerzeugern Vorteile. „Wir sehen uns hier eindeutig in einer Vorreiter-Position“.
Im hauseigenen Energy-Lab experimentiert und forscht man derweil weiter. Das Ziel: Die Synergieeffekte zwischen Bitcoin-Mining und der eigentlichen Produktion des Unternehmens noch zu steigern. Insbesondere für energieintensive Unternehmen sei eine Bitcoin-Strategie, kommentiert Kläger, ein „No-Brainer“.
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